Lärmen, bis der Cavaliere kommt

14. Jänner 2011, 17:33
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Turrinis "Campiello" im Wiener Josefstadt-Theater

Wien - Auf Peter Turrinis Campiello, einem venezianischen Stadtplätzchen, gedeiht die zarteste Romantik neben scharfer, unversöhnlicher Sozialkritik. Das Proletarierviertel in Mestre stellt erkennbar eine Schwundstufe der barocken Typenkomödie dar: Im Wiener Josefstadt-Theater hat Ausstatter Rolf Langenfass ein Baugerüst hochgezogen, vor dessen Erdgeschoß ein paar graue Wellblechbahnen die Türen der Gassenlokale markieren.

Die maskierten Figuren der Commedia dell'Arte stehen im Schnee der gefrorenen Verhältnisse. Da verschafft sich frech ein Cavaliere (André Pohl) im weißleinenen Dreiteiler Zugang zur Bühne: Er glotzt den Damen sonnenbebrillt in den Ausschnitt. Er flüchtet wie ein ätherischer Geist auf die Galerie des Gerüsts und kann sein altersgeiles Glück kaum fassen: Frauen, wohin das snobistische Auge schweift! Lauter wogende Gesäße, schlecht arretierte Brüste! Das Elend der armen Leute muss herrlich sein.

Mit der routinierten Erledigung der Exposition hat der inszenierende Hausherr Herbert Föttinger sein Tagewerk im Großen und Ganzen abgeschlossen: Ab jetzt lärmen sich verdiente Stützen des heimischen Kabarettbetriebs (Sigrid Hauser, Andrea Händler) mit aller ihnen zu Gebote stehenden Vulgarität durch die Rollen jener alternden venezianischen Mütter, die ihre Kinder verheiraten, um ihr eigenes Glück zu finden. Turrini ist - als ausgewiesener Menschenfreund - ein erbarmungsloser Autor: Wer ihn und seine Figuren wahrhaft ernst nimmt, darf vor derber Drastik nicht zurückschrecken. Er muss freilich auch die Musik der Seelen vom Blatt spielen können: Eigenheiten sehen, weil nur diese die Widerstandskraft bezeugen, die die Besitzlosen über die Widrigkeiten der Armut erhebt.

Die Neuinszenierung des 1982 uraufgeführten Stückes verzichtet, von ein paar wenigen Details abgesehen (Therese Lohner, Martin Zauner), auf die Würde des Eigensinns. Sie ist laut, leer - und entsetzlich langweilig.  (Ronald Pohl, DER STANDARD - Printausgabe, 15./16. Jänner 2011)

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