Tätowieren in Zeiten von Pisa

14. Jänner 2011, 17:38
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Über Probleme bei der Peckerl-Orthografie

Schon irgendwelche guten Vorsätze gefasst für 2011? Mindestens doppelt so viel Alkohol trinken, um der Leber, diesem rostroten Faulpelz, einmal ordentlich einzuschenken? Ein paar Kilo zulegen, damit endlich der hässliche Waschbrettbauch unter einer schmucken Fettschicht verschwindet? Den Leib mit ein paar netten neuen Tätowierungen verzieren? Wenn Sie sich dafür entschieden haben, sollten Sie definitiv umsichtiger sein als die Sängerin Rihanna.

Die hat sich nämlich 2010 die französischen Wörter "Rebelle fleur" links in den Hals stechen lassen, aber weil sie in der High School wieder einmal nicht aufgepasst hat, ist der rundum gepeckten HipHop-Röhre entgangen, dass sich das Adjektiv "rebelle" vor einem Nomen im Französischen nie und nimmer ausgeht. "Jolie fleur", kein Problem, "belle fleur" detto, aber mit "rebelle fleur" biegen wir schnurstracks in die grammatikalische Rue de Gack ein. Und wenn der Tätowierer einmal seines Amtes gewaltet hat, nutzen Radiergummi und Tintenkiller gar nichts mehr, dann nutzt nur noch der teure Laser des Dermatologen.

Sprachliches Ungemach beim Tätowieren droht freilich nicht nur vonseiten des Gepeckten, auch der Peckende ist eine stete Gefahrenquelle. Das gilt zumal in Österreich, wo man sich ständig von einer Pisa-verbürgten Analphabetenhorde umzingelt weiß. Garantiert unser Schulsystem noch die Tätowier-Sicherheit, die ein modernes Staatswesen braucht? Kann man darauf vertrauen, dass die Tätowierer orthografisch wirklich firm sind und es sich nicht um legasthenische Stümper handelt, die einem versehentlich "Qual-Heinz" statt "Karl-Heinz" oder "superdreckig" statt "supersauber" auf den Oberarm schreiben?

Ein paar Möglichkeiten zur Gefahrenverringerung gibt es. Option eins: auf verbale Eintragungen in die Haut verzichten. Stattdessen Anker, Arschgeweihe oder florale Motive wählen, bei denen die Groß- und Kleinschreibung keine Rolle spielt.

Option zwei: den Tätowierer vor dem Tätowieren mit einem schweren Deutschdiktat auf Herz und Nieren prüfen. Ein Beispielsatz des Ex-Zeit -Redakteurs Dieter Zimmer: "Wie kein Zweiter hat sich der Diskutant dafür starkgemacht, auch die weniger brillanten Reflexionen der Koryphäen ernst zu nehmen." Wer den Satz schafft, dürfte mir sogar eine ganze Schillerballade ins Schulterblatt ätzen. (Christoph Winder, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 15./16. Jänner 2011)

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