Immer neue Frauen-Wellen

14. Jänner 2011, 18:20
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Peter Stephan Jungk erzählt, wie es ist, wenn ein männlicher Held auf dutzende Damen stößt, mit denen er früher intim war - Aus einem neuen Roman

Vier Monate vor meinem fünfzigsten Geburtstag erhielt ich einen eingeschriebenen Brief, in dem mich das Jerusalemer Stadttheater, das Sherover, herzlich einlud, mit meiner Frau und meinen Töchtern drei Tage als sein Gast im Hotel King David zu verbringen. Zwei Suiten stünden uns zur Verfügung. Man wisse, was Jerusalem für mich und mein Werk bedeute. Das 1990 in London uraufgeführte und von 1992 bis 1995 nahezu ohne Unterbrechung am Sherover gespielte Stück Mamme Gigi lege dafür deutlich Zeugnis ab. Das Theater erachte es als Ehre, mich anlässlich meines runden "Wiegenfestes", wie es in der auf Deutsch verfassten Einladung hieß, in Israel begrüßen und feiern zu dürfen.

"Wiegenfest" - wie unjüdisch das klang. Der Name des Absenders ließ sich nicht identifizieren, es hieß nur: Die Direktion. Die beiden Flüge, Business Class, wurden von den Gastgebern bezahlt. Niemand kam zum Flughafen, um uns abzuholen. Das störte uns - meine Frau und mich, die Töchter waren verhindert - nicht; wir nahmen ein Taxi. Spätabends erreichten wir Jerusalem, bezogen eine grandiose Zimmerflucht im obersten Stockwerk des Hotels. Der Blick auf die beleuchtete Altstadtmauer erfüllt mich jedes Mal mit einer Mischung aus Stolz, Heimatgefühl und tiefer Verzagtheit.

Ich trat auf den Balkon, die Frühjahrsluft schmeckte nach Jasmin, ich fühlte mich kräftig und gesund wie seit Jahren nicht mehr. Catherine folgte mir nach draußen, umarmte mich, ihre Umarmungen sind immer ein Zeichen allerhöchster Zufriedenheit. Sie hielt ein Kärtchen in der Hand, das neben dem großzügig bestückten Obstkorb lag: "Wir freuen uns, Sie in unserer Stadt begrüßen zu dürfen, und bitten Sie, morgen Abend ab neunzehn Uhr in der sechsten Etage in Zimmer 609 an einem kleinen Umtrunk zu Ihren Ehren teilzunehmen." Die Nachricht war mit "SVB" unterzeichnet. Wie konnte ich wissen, wer sich hinter den Initialen verbarg. Catherine wirft mir bis heute, gut vier Jahre nach dem Ereignis, vor, ich hätte in jenem Moment erkennen müssen, was auf uns zukommen würde. Ich ahnte nichts, gar nichts. Catherine und ich schliefen sogar miteinander, in dieser Nacht, rasch zwar, aber umso lüsterner. Es war seit über einem Jahr nicht mehr vorgekommen.

Wir verbrachten den nächsten Tag, meinen Geburtstag, auf dem abwechslungsreichsten Spazierweg, den ich kenne, der Umwanderung der Jerusalemer Altstadt, hoch oben auf der Stadtmauer. Kurz vor achtzehn Uhr kehrten wir ins Hotel zurück. In der Halle fiel mir eine Frau in meinem Alter auf, die mich wie ein fernes Echo an jemanden erinnerte, den ich vor Jahren gekannt hatte.

Catherine nahm ein Bad, ließ sich Zeit, machte sich schön, schminkte sich ganz langsam. Sie zog das dunkelblaue Abendkleid an, das ich ihr unlängst geschenkt hatte. Es war neunzehn Uhr fünfzehn, als ich sie zum ersten Mal daran erinnerte, dass man uns erwarte. Um neunzehn Uhr vierzig stiegen wir die wenigen Stufen ins sechste Stockwerk hinunter. Heftiger Lärm brandete uns entgegen. Lautes Gelächter, Rockmusik, eine Nummer, die ich mochte: Highway Star von Deep Purple. Catherine bat mich: "Bleibe bitte immer ganz nah bei mir, du weißt, ich hasse Massenereignisse, Partys, alle Arten von Festen. Drei, vier Leute, das genügt mir."

Wir betraten Zimmer 609. Der Raum war zum Bersten voll. Gelächter, Gespräche verstummten blitzartig. Die Musik kreischte weiter. Zuerst fiel mir auf: Ich war hier der einzige Mann. Jetzt fingen die Frauen langsam wieder zu lachen an, alle drehten sich nach uns um, die meisten hielten ein Champagnerglas in der Hand. Sie waren ungefähr in meinem Alter, einige älter.

Jede trug in Herzhöhe ein kleines Namensschild. Eine ältere Frau mit dem Schildchen Simone von Beck presste mich an ihre schmale Brust. "Here he is!", schrie sie, und alle jubelten. Simone von Beck? Die Gedanken überschlugen sich. Die Verbindungstür zu Zimmer 610 stand offen, auch dieser Raum war angemietet worden.

Ich bewegte mich wie in Trance. Hörte Zurufe, "Max! Max David! Hey! Let's have a look at you! Komm hierher! Viens, chéri, viens ici!" Bilder, Farben, Klänge vermengten sich zu einem einzigen, überschäumenden Panikgemälde. Jetzt begriff ich, was hier in meinem Namen geschah.

Während eines Empfangs für Alfred Hitchcock in Hollywood, zu dem mich Dramaprofessor McGill mitgenommen hatte, vor beinahe dreißig Jahren, begegnete ich der Frau eines venezolanischen Erdölbrokers; sie stamme, erzählte sie mir, aus uraltem Schweizer Adel. Sie war zehn Jahre älter als ich und gefiel mir. Beim Abschied fragte sie mich, wo ich wohnte. Bereits am nächsten Abend fuhr sie mit Chauffeur vor: im Fonds einer schneeweißen Limousine. Ich teilte damals mit drei Medizinstudenten ein schäbiges Holzhaus in den Hügeln von La Jolla. Meine Mitbewohner trauten ihren Augen nicht. Ob ich Lust hätte, fragte mich die nahezu Unbekannte, die Nacht mit ihr zu verbringen. Ich hatte damals kaum etwas anderes im Sinn als Lust.

Wir wurden ein Wesen, während es geschah, Simone und ich. Das hatte ich zuvor noch nie erlebt. Am nächsten Morgen wollte ich fort. Simone schrie mich an: "Du bleibst hier!" Und als ich trotzdem ging, rief sie: "Du kommst noch eines Tages in meine Gasse, das schwöre ich dir!"

"Ich bin's, ich bin's wirklich, sieh mich nicht so verzweifelt an", brüllte sie mir jetzt ins Ohr, den Lärm in Zimmer 609 des King David übertrumpfend. "Du wunderst dich, wie ich hierher komme? Ich bin längst nicht mehr mit dem Ölmann verheiratet. Hättest du dich auch nur ein bisschen für mich interessiert, wüsstest du das. Ich bin schon acht Jahre mit einem der beiden Sherover-Direktoren verheiratet, Sheldon hat mich zur Frau genommen, obwohl ich Nichtjüdin bin, ich bin eine der Hauptfinanciers seines Theaters." Catherine stand da noch neben mir, fragte leise, man hörte es kaum: "Aber wer ... sind all diese Frauen?!" Simone lachte laut, lachte hyänenähnlich. "Das wird dir dein Mann gleich erklären, mein Liebling!" Catherine sah mich an. Bevor ich antworten konnte, war ich bereits von drei Damen umringt, ich las ihre Namensschilder: Gaby Rotei, Geneviève Porter, Abigail Montes. Sie umarmten mich, sie küssten mich auf die Wangen, die Lippen, redeten auf mich ein, sie gratulierten mir zum Geburtstag.

Immer neue Frauen-Wellen brachen über mir zusammen, mir wurde schwarz vor Augen. Es gibt Männer, die im Verlauf ihrer potenten Jahre hunderte Frauen beglücken, meine Weiberliste umfasst nicht mehr als fünfzig Eintragungen. Aber von diesen fünfzig Frauen waren fast alle anwesend. Ich drehte mich zu Catherine um: "Komm, rasch, lass uns gehen!" Sie war verschwunden.

Ich rief sie an, sie hatte ihr Telefon ausgeschaltet. Jeder Versuch, die Räume zu verlassen, scheiterte am Auftauchen einer oder mehrerer meiner ehemaligen Bettgenossinnen, die, nachdem sie ihre Drinks abgestellt und ihre Kaviar- oder Gänselebercanapés abgelegt hatten, ihre Arme ausbreiteten, um mich zu umschlingen. Die Namensschilder drehten sich karussellgleich um mich, Monique Pons, Bordeaux, Beatrice Neumann, Jerusalem, Margarete Jahncke, Basel, Gabriella Belloni, Turin, Sudy Dostal und Janice Swartz, San Diego. Sie umzingelten mich, plärrten im Chor, ich möge meine Brust entblößen, "Zieh dich aus!", "Take off your shirt!", "Enlève ta chemise!", sie wollten sehen, wie meine riesige, von der Herzoperation stammende Narbe inzwischen aussah.

Ich lief fort, anderen in die Arme. Aus zahllosen unsichtbaren Lautsprechern klirrte Querflöten-plus-Elektrogitarren-Tumult von Jethro Tull: "Death grinning like a scarecrow, seagull pilots flown from nowhere, try and touch one ..." "Deine Augen! Immer noch tiefblau", hauchte eine schwergewichtige Frau in einem roten Abendkleid, das eher einem Petticoat glich, ich hörte sie kaum, erkannte sie nicht wieder, allein das schiefe Schildchen Anna Rutz, Wien, half weiter, "Anna? Du bist's!" Ich atmete den Schweißgeruch ein, der mich schon fünfundzwanzig Jahre zuvor so sehr gestört und zu unserer Trennung mit beigetragen hatte. Sie war die Einzige, gottlob, die ich je entjungfert habe. Das Blut floss in Strömen. ...

"Wie attraktiv du noch immer bist!", stöhnte Isabelle Montbeau, eine der wenigen, die von den Kalamitäten des Alterns kaum entstellt wirkte. Sie besaß vornehme Präsenz. Ich dachte oft an unser Zusammensein zurück. An die Studienreise nach Buenos Aires, an das gemeinsam erlittene Erdbeben im sizilianischen Catania. Unsere Beziehung endete nur deshalb, weil Mom sie so besonders mochte, sich Isabelle als Schwiegertochter wünschte.

Ich blieb bei ihr sitzen, versuchte die Katastrophe in meinem Rücken für Augenblicke zu vergessen. Simone ließ das nicht zu. Sie riss mich in die Höhe, die Gastgeberin agierte als Führerin durch das Fegefeuer. Sie unterband jeden meiner Fluchtversuche, führte mich zu immer neuen Frauen hin. Die Warnungen eines amerikanischen Rabbiners kamen mir in den Sinn, zu dessen Vorträgen ich in meiner religiösen Phase gepilgert war, vor langer Zeit, nicht weit vom Hotel King David, im Jerusalemer Stadtteil Geulah.

Er warnte uns, eine Gruppe von zwölf jungen Männern, vor außerehelichen Beziehungen, vor jeder Art der Promiskuität. Ich zeigte auf: "Warum denn? Was ist daran denn so schlimm, Rabbi?" Da atmete Rav Meir Kornbluth tief durch und entgegnete: "Weil jede der Frauen, mit denen du dich jemals eingelassen hast, an dir hängen, kleben, an dich angeschmiedet bleiben, bis in alle Ewigkeit." Ich schlug seine Warnungen in den Wind. (DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 15. Jänner 2011)

Peter Stephan Jungks Roman "Das elektrische Herz", dem dieser Text entnommen ist, erscheint Anfang Februar bei Zsolnay.

  • "Jede der Frauen, mit der du dich eingelassen hast, bleibt an dir 
hängen, kleben bis in alle Ewigkeit." Eine rabbinische Weisheit, die 
allerdings nicht bei jedem Mann verfängt.
    foto: monsieur luxure

    "Jede der Frauen, mit der du dich eingelassen hast, bleibt an dir hängen, kleben bis in alle Ewigkeit." Eine rabbinische Weisheit, die allerdings nicht bei jedem Mann verfängt.

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