"Die Skandale haben nichts mit Glauben zu tun, sondern mit dem Personal"

14. Jänner 2011, 13:35
265 Postings

derStandard.at hat Katholiken um Stellungnahmen gebeten, warum sie ihrer Kirche in Zeiten von Rekordaustritten weiterhin treu sind

2010 erreichten die Austritte aus der katholischen Kirche einen Rekordwert. derStandard.at hat Gläubige befragt, warum sie trotz der Missbrauchsskandale ihrer Kirche weiterhin die Treue halten.  


Andreas: "Ich bin gläubiger Katholik, der erst von einigen Jahren wieder zurück zum Glauben und somit auch zur katholischen Kirche gefunden hat. Davor hatte ich mit „Kirche“ nichts mehr zu tun. 'Altmodisch', 'am Zahn der Zeit' vorbei, letztlich einfach 'uncool' waren einige meiner Gründe.

Missbrauch ist, in der heutigen Zeit, leider schon fast an der Tagesordnung. Ein Missbrauch, jeglicher Art, ist auf das Schärfste zu verurteilen und das, unabhängig davon, ob dies in der Kirche, in der Schule, in der Familie, oder an anderen Einrichtungen vorkommt.

Zuletzt wurden 'Missbrauch' und 'Kirche' in einem Atemzug genannt und dies scheint wohl auch ein Grund der vielen Kirchenaustritte 2010 zu sein. In Österreich waren dies 87.393 Personen, was ca. 1,5 Prozent der katholischen Gesamtbevölkerung entspricht. Dabei sind die Wiedereintritte in die katholische Kirche nicht berücksichtigt.

Wir leben heute in einer modernen Gesellschaft. Kommunikation via e-mail, social networking via Facebook oder eine SMS via Handy bestimmen den Alltag. Schnelllebigkeit ist der Motor der Wirtschaft, aber auch die Zukunft für mich? Auswahl per Mausklick wie z.B. e-bay’s 3, 2, 1, meins…, individuelle Konfiguration 'meines' Einkauf und das einfache copy&paste prägen den Menschen in einer Spaß-Gesellschaft des 21. Jahrhunderts. Ich nehme mir, was mir gefällt und sonst gar nichts. Mit 'Realityshows' sind wir auf der Suche nach dem Supermodel, dem Popstar, dem Millionär oder dem Superstar. Durch 'Leistung zum Erfolg' wird heute oft missverstanden und der Druck auf jeden einzelnen und auch der Familie nimmt in der Arbeitswelt stetig zu. Eine Ellenbogengesellschaft, die nach oben will.

Durch meine Tätigkeit in der Wirtschaft kenne ich die Situation von Überstunden, Leistungsduck, Mobbing oder gar burn out. Irgendwie hat man alles zum Leben und dann doch wiederum nichts. Ist dies schon alles? Wer oder was ist Kirche für mich? Wie hilft sie mir in der heutigen Zeit und warum bin ich wieder aktiv dabei?

Weil sie mir die Annahme meiner Stärken und Schwächen, die Liebe zum Nächsten und Beständigkeit im Leben verleiht."


Christof: "Vieles an der geäußerten Kritik ist ja oft richtig. Und doch weiß ich, dass es Kirche und christlichen Glauben für mich gar nicht gäbe, wenn nicht andere vor mir diese Gemeinschaft weiterhin gebildet hätten.

Ich erlebe Kirche in erster Linie in meiner Familie als kleine Hauskirche - mit den Kindern am Tisch oder vor dem Schlafengehen zu beten, ein Geschichte aus der Bibel vorzulesen, ein Lied zu singen und Gott für den schönen Tag zu danken. Die Hauskirche ist keine Romantik mit stillem Rosenkranzgebet und Kerzenschein, sondern meist der reale Alltag: Freuden, Sorgen, Verletzungen und gegenseitiges Verzeihen als Eheleute, Eltern und zwischen Geschwistern. Gott kann ich das alles auch hinhalten.

In zweiter Linie ist meine Kirche auch etwas Großes. Die Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinschaft aufgrund meiner Taufe habe ich mir damals nicht ausgesucht. Meine Eltern haben vertraut, dass es ein Segen sein wird, dass sie mich als Baby taufen ließen. Ich selbst habe Kirche von klein auf als Gemeinschaft erlebt - Gott sei Dank eigentlich immer positiv. Die Entscheidung als Christ zu leben musste ich aber selbst treffen. Und diese Entscheidung treffe ich immer wieder gern, weil mich diese Gemeinschaft aufgenommen hat in der Taufe und sie mich von sich aus nicht ausstößt.

Im Glauben an etwas oder jemanden allein zu sein, habe ich auch nie erleben müssen. Ich bin sehr froh, eine Frau gefunden zu haben, der der gemeinsame Glaube wichtig ist. Ich habe Glaubensgeschwister und -freunde gefunden, mit denen ich nicht allein bin. Die Kirche ist für mich eine größere Familie. Und ich versuche jeden Tag so zu leben, dass die Kirche auch schöne Seiten zeigt."


Natalie: "Die Missbräuche sind eines der schockierendsten Realitäten, mit denen ich und viele andere konfrontiert waren. Dennoch sehe ich auch da, Gott ist größer - gerade auch in seiner Kirche. Zu lange hat 'die Kirche' als machtheischende Institution gehandelt ganz ohne Gott. Die Missbrauchfälle sind eine schreckliche Frucht davon. Es musste die Wahrheit heraus und jedes 'Verheimlichen' ist Mitschuld.

Vielleicht kann 'die Kirche' jetzt endlich wahrhafter und kraftvoller Zeugnis geben von der einzig wichtigen Botschaft: Jesus Christus. (Benedikt XVI hat von Anfang an darauf hingewiesen, sein 1. Buch). Da möchte ich auch teilhaben: Zeuge der Hoffnung zu sein, die für alle Menschen gilt. Man stelle sich vor, das diese Botschaft wahr ist!

Die Kirche ist für mich Christus. Alles was in ihr, an ihr und durch sie geschieht, geschieht auch an Jesus Christus. Als Mitglied dieser Kirche kann ich den 'Leib Christi' lebendig erleben. Die Kirche, das sind auch wir,vereint mit Christus, sie besteht aus vielen Menschen, alle so wie wir sind- 'Gute und Schlechte'.

Gleichzeitig erlebe ich immer wieder das Geheimnis der unendlichen Liebe Gottes in ihr: durch die Gemeinschaft der Gläubigen- so wie sie ist- ist Christus mitten unter uns – wir können Ihn sogar empfangen in der Eucharistie, in Brot und Wein. Alles hat Christus auf sich genommen, alles hat er durchlitten – nur um uns nahe zu sein.

Gerade in dieser Kirche, wo Menschen falsch, grausam, herrschsüchtig sind, aber auch demütig, liebevoll, missionarisch und hingebungsvoll – wird der Glaube an Gott, unseren Vater, Jesus, den Sohn und den heiligen Geist, der uns erst zu echten Liebenden macht (wenn wir es wollen), ein Glaube, der stärkt, der verbindet, der mehr ist als wir uns vorstellen können. Die Kirche wird für mich immer ein Zeichen der Hoffnung sein, die mehr ist als der Mensch selbst vermag. Die Kirche ist Hoffnung für das, was uns erwartet: Geborgenheit und Friede in Gott, der ewige und wahrhafte Liebe ist."


Michael: "Ich bin nicht aus der Kirche ausgetreten und habe es auch nicht vor, da ich ein sehr gläubiger Mensch bin und nicht nur die momentane Situation der Kirche betrachte.

Mir geht es auch auch ihre Geschichte und bedeutende Rolle in der Vergangenheit, aber auch ihre anhaltend wichtige Rolle in der Zukunft. Glaube und Religion ist weiterhin ein wichtiger Bestandteil der Gesellschaft und christliche Werte sind nach wie vor aktuell.

Ob jetzt einzelne Personen Verfehlungen gemacht haben ist sicherlich eine schlimme Sache, besonders für die Betroffenen, allerdings soll es ja so etwas bei den Sängerknaben und an Schulen auch gegeben haben und da schreit auch keiner, dass die Sängerknaben aufgelöst werden sollten. So lange es Menschen gibt, gibt es Verfehlungen, da der Mensch an sich schwach ist, ich denke da an Päpste im Mittelalter, die Kinder hatten und diese sogar zu Kardinäle ernannten.

Bezüglich des Kirchenbeitrages kann ich auch nur positiv sprechen, da mir die Kirchenbeitragsstelle sehr entgegengekommen ist und mir vergangene Jahre erlassen bzw. Ratenzahlungen angeboten hat. Dass Rechnungen bzw. Mahnungen keine Liebesbriefe sein können ist glaube ich normal. Für mich steht ein Kirchenaustritt nicht im Raum, da es schlussendlich um etwas Größeres geht als um die Institution Kirche."


Barbara: "Warum ich trotzdem gerne in der Kirche bin? In erster Linie deshalb, weil der gelebte Glaube für mich und im Alltag mit meinen kleinen Kindern ein ganz wichtiger Bestandteil ist. Meine Eltern haben mir einen lebendigen Glauben vermittelt und in Zeiten des Fragens und Suchens bin ich innerhalb der Kirche jungen Menschen begegnet, die eine große Freude an ihrem Glauben hatten.

Ich selber habe erlebt, dass Gott mir nahe ist, eine Beziehung mit mir haben und mit meinem Leben etwas zu tun haben will. Das ist für mich ein Anker, die entscheidende Basis für mein Leben und das gibt mir auch in schwierigen Zeiten Kraft.

Ich finde in meinem Glauben und in der Kirche Rahmenbedingungen für mein Leben und Antworten auf grundlegende Fragen. Manchmal hinterfrage auch ich einiges und verstehe vieles nicht, mache Fehler, aber das gehört für mich zu diesem Weg dazu und ein Neuanfang ist zum Glück immer möglich.

Auch wenn es an mir liegt meinen Glauben zu leben und im Alltag umzusetzen, so ist für mich die Gemeinschaft der Kirche sehr wichtig, um den Weg nicht alleine gehen zu müssen und mich von anderen ermutigen und unterstützen zu lassen. Ich wünsche mir für uns alle, dass wir als Kirche den Mut und die Kraft haben auf die Fragen und Sorgen der heutigen Zeit einzugehen und den Menschen zu vermitteln, dass Gott da ist und für jeden Menschen Hoffnung hat. Mit einem kürzlich gelesenen Satz möchte ich uns allen sagen: 'Wenn die Kirche nicht mehr vermittelt, dass sie Wesentliches zu einem gelungenen Leben beitragen kann, hat sie ihren Daseinszweck verfehlt!'“


Gabriele: "Die katholische Kirche habe ich als eine heilende und befreiende Gemeinschaft von Menschen erfahren. Das hat mich bewogen, vor 6 Jahren zu konvertieren und langsam die kostbaren Schätze der katholischen Kirche kennenzulernen: die Sakramente, Seelsorge, aktive Hilfe und Gemeinschaft. Diese Elemente haben mir sehr geholfen, mich mit meiner schwierigen Kindheit und meinem Elternhaus zu versöhnen (aufgrund von schwerer Krankheit meiner Eltern).

Sicher, die Gewalt und die Missbrauchsfälle sind aufs Schärfste zu verurteilen und ich leide mit den Opfern mit. Doch ich frage mich, wer ist denn die Kirche? Das bist doch du und ich. Ja, man kann sagen, eine große Familie von Gläubigen.

So wie ich mich nicht einfach von meiner leiblichen Familie trennen konnte und wollte – auch wenn es oft sehr schwer für mich war - so gehe ich mit der katholischen Kirche auch die vielen 'Auf`s und Ab`s' mit. Denn aus meiner Sicht und meinem Empfinden übersteigen die positiven Seiten, nämlich Hilfe füreinander, Annahme von allen Menschen (besonders den Schwachen und Armen) und Treue zueinander."


Ina: "Eigentlich ist die einzige Begründung dafür, dass ich noch in der Kirche bin, dass ich noch keine Kirchensteuer zahlen muss. Ich bin noch nicht ausgetreten, weil ich mich auch nicht damit beschäftigt habe und auch nicht beschäftigen will. Ich war seit der Erstkommunion nicht mehr in der Kirche, abgesehen von Hochzeiten."


Brigitte: "Ich bin noch in der Kirche, weil die Skandale für mich nichts mit dem Glauben zu tun haben, sondern mit dem Personal. Sehr viele Leute sind in der Kirche engagiert, machen die Arbeit aber nicht für die Kirche, sondern für die Menschen und treten daher auch nicht aus.

Das heißt aber nicht, dass sie sich nicht sehr darüber ärgern, wie es in vielen Pfarren zugeht. Viele bleiben auch wegen ihren Kinder in der Kirche, damit ihnen nicht die Sakramente verwehrt werden und sie nicht ausgestoßen werden, wenn sie nicht an Rituale teilnehmen. Zu viele Pfarrer predigen leider Wasser und schenken Wein aus. Wenn noch einmal etwas Schlimmes passiert, trete ich aber wirklich aus."


Carsten: "Ich habe den Herrgott gerne und der katholischen Kirche eine wunderbare Jugend mit unzähligen Fahrten und internationalen Treffen zu verdanken.

Ohne diesen schrulligen Laden wäre ich heute nicht der, der ich bin. Persönlich habe ich in all den Jahren nie Mißbrauch erleben müssen - ganz im Gegenteil. Die bekanntgewordenen Missbrauchsfälle sind für mich ein Fall von 'Fremdschämen'. Ich schäme mich für das, was Priester jungen Menschen da angetan haben. Da gibt es auch nichts zu beschönigen.

Ich will, dass so etwas nicht passiert und den Opfer geholfen wird! Ich habe den Eindruck, dass die Kirche als ganze schon bereit ist, den Tatsachen ins Auge zu sehen, umzukehren und Wiedergutmachung zu leisten. Umkehr fällt niemanden leicht - auch der katholischen Kirche nicht. Ich hoffe auf Barmherzigkeit und Hilfe für die Opfer. Weil Barmherzigkeit und Hilfe in meinen Augen so viel mit dem Herrgott zu tun hat, habe ich ihn doch auch so gerne. Und deswegen werde ich nicht aus seinem schrulligen Laden austreten."


Carola: "Bis zu meinem 20. Lebensjahr hatte ich mit der Kirche eigentlich nicht viel am Hut. Irgendwie war der Verdacht zwar da, dass es da etwas 'mehr' im Leben geben müsste. Einige meiner Freunde waren gläubig, aber ich konnte damit nichts anfangen. Gott – ja vielleicht, für die anderen, aber nicht für mich. In einem besonders schwierigen Moment des Scheiterns, habe ich dann die Erfahrung gemacht – ganz allein in meinem Studentenzimmer- dass Gott mir näher ist, als ich es je gedacht habe. Engagierte junge Menschen in der Kirche haben mir gezeigt, dass diese Liebe Gottes konkrete Auswirkungen im Leben hat.

Heute bin ich gerne 'in' der Kirche, weil ich durch sie entdeckt habe, dass mein Leben wertvoll ist und dass ich zuerst geliebt bin – ohne Gegenleistung. Dafür bin ich unendlich dankbar - das hat mein Leben verändert. Das Wissen um die Missbrauchsfälle ist schrecklich und geht mir sehr nahe. Viel Unrecht ist geschehen. Das lässt sich menschlich nicht wiedergutmachen. Aber gerade in dieser Kirche durfte ich erfahren, dass es dieses 'mehr' im Leben gibt, dass das menschliche Versagen nicht das Letzte ist. Gerade jetzt, geht´s um die eigentliche Botschaft der Kirche: Mensch du bist nicht allein!" (derStandard.at, 14.1.2011)

Share if you care.