Wohin geht man, wenn man nicht da ist?

    14. Jänner 2011, 18:17
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    Was nützt es, wenn der, der an etwas glaubt, nicht da ist, um mit seinem Glauben Berge versetzen zu können

    Wohin geht der Glaube, wenn der Gläubige gegangen ist? Zwischen Händestreicheln und Handauflegen. Von Julya Rabinowich

    Man steht am Bett des abwesenden Anwesenden, aus dessen Hals ein keckes Plastikrohr ragt, wie eine Pfeife schief aus dem Mundwinkel, und hört dem regelmäßigen Luftzug zu, der in diesen Hals rhythmisch hineingepumpt wird. Die Brust hebt und senkt sich, fremdgesteuert, und man sieht ihn an, legt die Hand auf die feuchte Wange, und er lächelt, und nickt, freudig. Und man sieht ihn an und lächelt mechanisch zurück, da kein Blick das Verziehen der Muskel um den Mund herum streift, und man will nicht weinen, obwohl er auch das nicht sehen könnte, aber vielleicht hat die Seele ja Augen, und vielleicht petzen Seelen, kleinlich und penibel, später dann, im Nachhinein.

    Die da stand an deinem Bett und hat geweint. Hat vor Anspannung in der Nase gepopelt und den grünlichen Rotzkrümel unter das gewaltige Bett geklebt, aus dem sich Kanülen Schläuche und durchsichtige mit Blut und Flüssigkeiten gefüllte Beutel ranken. Ein Dornröschenschloss, durch dessen Hecke man leichter zum Kuss auf die Stirn kommt, als es jeder Prinz jemals leicht gehabt hätte, allerdings bringt die Leichtigkeit kein Erwachen. Magie ist eine schwere, anstrengende Angelegenheit, da wird einem nichts geschenkt, und kein Zauber der Welt war mit einem simplen Hinunterbücken getan, wenn er Wirkung tätigen sollte.

    Man versagt also als Prinz und als Heilsbringer und streichelt diese trügerisch warme, lebendige Haut weiter, spürt Schorflinien nach, die Falten entlang. Irgendwann später wird man sich wünschen, dass der Schlafende endlich aus ihr fährt. Sie schuppt, die Klimaanlage trocknet irgendwann alles aus. Die Schleimhäute, die Augen, die Tränen. Man zwickt in den wehrlosen Handrücken hinein, so fest wie die eigenen Nägel sich versenken können, endlich Kontakt. Die Haut ist wärmer als die eigenen Finger, sie gibt nach, eine kleine rote Linie bleibt zurück, wenn man nach langer Zeit loslässt. Sonst ändert sich nichts. Ein roter Schnitt als kleiner Bruder des großen Schnittes zuvor, der mit scharlachfarbenen Lippenrändern ein entwaffnendes Lächeln in die Welt setzte, das einem bis ins Herz blicken lässt. Im Handumdrehen schnell ist da einer ein offener Mensch geworden, und andere machten sich an dieser Offenheit zu schaffen. Aus der Haut fahren, aber wohin?

    Wohin geht diese Reise?

    Die Wanderroute findet sich in keinem Fachbuch, die Ärzte schütteln erst die Köpfe, dann die Hände. Wohin geht diese Reise? Im Handumdrehen vom Subjekt mit der Schnelligkeit einer kleinen Infusion zum Objekt. Von dem kurzen Handumdrehen ist es zum langen Handauflegen nicht mehr weit. Man streichelt mechanisch, folgt der Kanüle, von der Armvene zurück zum Ursprung, wie man auf einer Landkarte den Fluss entlangfährt, mit dem Finger vom Delta, das ins Meer mündet, rückwärts, den durchsichtigen Schlauch entlang, der sich über dem Galgen verzweigt in mehrere Plastikbeutel. Manche sind schon fast leer. Das sollte man besser bald der Schwester sagen. Manche Beutel wiederum sind noch prall gefüllt, in der goldgelben Flüssigkeit steigen leichte Luftbläschen auf wie in Sektflöten, die zum Anstoßen mit dem Fährmann bereitgestellt wurden. Der Fährmann ist nicht in Feierlaune, er wird sich noch mal überlegen, ob der Obolus ausreicht. Wenn der Fährmann nicht sicher ist, wird vielleicht die Versicherung entscheiden, oder der Ort des Geschehens, der Gesundheitszustand des Arztes, die Reihenfolge seiner vielen, vielen Überstunden, zu guter Letzt wird das Schicksal entscheiden, wenn man an dieses Schicksal glaubt.

    Aber was nützt es, wenn der, der an etwas glaubt, nicht da ist, um mit seinem Glauben Berge versetzen zu können. Wohin geht denn der Glaube, wenn der Gläubige gegangen ist? Bleibt er statt seiner in diesem sterilen Raum zurück, wartet geduldig zwischen den grüngekleideten Gestalten, in deren Händen das Schicksal, an das man glauben möchte, gerade gewogen und gemessen wird? Wartet mit denen, die weinen, und selbst Tag für Tag weniger werden?

    Das Bild der betenden Hände, eine billige, von der Sonne ausgebleichte Reproduktion im Wechselrahmen, hat man nach zwei Wochen fluchend von der Wand gerissen, und umgedreht und in das Nachtkästchen, das niemand braucht, hineingeworfen, mit einem Ruck die Metalllade zugeschmettert. Sie scheint zu klemmen, aber man hat nicht ausprobiert, ob sie wieder zu öffnen ist. Man kann keine weiteren Hände mehr ertragen, schon gar keine, die nur sich selbst genügen ohne ein Streichelpartnerpaar. Man verachtet Leonardo, aber Michelangelo hasst man.

    Man steht da, und streichelt die Hand, und weiß, dass auch die eigene in dieser Schlaffheit aus der gelben Bettwäsche ragen könnte, den Nadeln und den zarten Fingerspitzen ausgesetzt, und keinen Unterschied wahrnehmen könnte, weder zwischen Routine und Verzweiflung, noch zwischen Fremdheit und Nähe, und man streichelt diese Hand mit doppeltem Mitleid, dem Besitzer und sich selbst und seiner Zukunft gegenüber, irgendwann kippt das Mitleid, und man bedauert nur noch sich selbst, nach dem vierten Tag, oder nach dem sechsten, und irgendwann bedauert man niemanden mehr. Man absentiert sich mit, Stück für Stück, aus Solidarität, aus Angst oder aus Faulheit, aber während der Schläfer keine Ausrede braucht, muss man für die eigene Gefühllosigkeit beständig neue erfinden, die Müdigkeit, die Anspannung, die Routine, die man mit dem Betreten dieser sterilen Raumstation bekommt, das tägliche Grüßen der Ärzte und der Schwestern bei der Anmeldeinsel im stürmischen See des langen Schlafes rundum.

    Warten auf die Landung

    In jedem Zimmer schwebt einer in seinem cryogenem Schlummer und wartet auf die Landung, die vielleicht noch Lichtjahre entfernt ist. Man kennt die Ärzte, die anderen Besucher, man kennt ihre Öffentlichkeit und ihre kleinen Geheimnisse. Man grüßt in der dörflichen Idylle jeden, der den Weg kreuzt, freundlich, höflich. Man weiß, dass der Mann, dessen Mutter nebenan liegt, eine Geliebte hat, von der seine Frau, die manchmal mitkommt, nichts ahnt. Mit dieser Geliebten trifft er sich öfter im Asia-Restaurant gegenüber, und auch sie halten Händchen, viel scheuer, als er das im Zimmer der Kranken tut, als würde er üben für den nächsten Besuch im Spital, um noch gefühlvoller auf die Mutter warten zu können. Das junge Mädchen, das immerzu verweint seinen Bruder besuchen kommt, oder seinen Freund, dessen bläulichen langen Finger es ab und an auch küsst, hat aus der Kaffeekassa mehrere Scheine mitgehen lassen. Die Raumpflegerin hat vor zu kündigen, wird aber niemanden vorwarnen, um den Überraschungseffekt voll auszukosten. Der Krankenpfleger hat was mit dem Arzt, der mindestens fünfzehn Jahre älter ist als er. Die fürsorgliche Matrone schlägt ihr Kind, wenn sie die Geduld verlässt, während es in seiner Unschuldigkeit neben dem Bett steht und quengelt. Wann kommt Papa wieder. Ich muss aufs Klo. Wann gehen wir. Mir ist fad. Zack. Dann weint es, und sie hat einen Grund, wieder nach Hause zu gehen und dort ebenfalls zu weinen, um am Morgen erneut den Bewohnern des medizinischen Dorfes zurücklächeln zu können.

    Man fährt ins Krankenhaus wie in die Arbeit, und Arbeit ist es, dieses geduldige Auflegen von Haut auf Haut. Tägliche Schwerarbeit im gesamten Stockwerk, man hält Händchen und hofft, einen mit Gewalt hinüberziehen zu können auf seine Seite, die unzähligen Finger vieler, vieler Hände verflechten sich zum Seil, an dem alle gemeinsam reißen.

    Es ist ein Wettspiel, und kein Wettlauf mehr, einer wird gewinnen. Die Stille diesseits und jenseits ist überwältigend. Man bewegt sich aufeinander zu bei diesem Warten, alle schlafen, keiner spricht, die Wege sind vorherbestimmt, man vergisst, die einzelnen Schritte zu planen, weil sie einem in Fleisch und Blut übergegangen sind. Man zählt die Schritte nicht mehr, und später auch nicht die Tage, man fährt so leer hin - zu diesem Streicheln, Flüstern, Fluchen, wenn es niemand mitbekommt, vielleicht sogar zum Schreien -, wie man zurückfährt.

    Wenn jemand fragt, was man hier mache: Händchenhalter ist ein anerkannter Beruf. Aber niemand wird fragen. Der Einzige, der fragt, zuerst die anderen, dann sich und die anderen, dann nur noch sich, noch später niemanden mehr, ist man selber.

    Wohin geht man, wenn man nicht da ist? (Julya Rabinowich, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 15./16. Jänner 2011)

     

    Julya Rabinowich, geb. 1970 in St. Petersburg, Russland, ist österreichische Schriftstellerin, Dramatikerin und Dolmetscherin. Sie emigrierte 1977 nach Wien. Rabinowich studierte von 1993 bis 1996 Dolmetsch an der Universität Wien, später Malerei und Philosophie an der Universität für Angewandte Kunst. Seit 2006 arbeitet sie als Psychotherapeutin und Dolmetscherin für das Wiener Integrationshaus und den Diakonie Flüchtlingsdienst. 2009 gewinnt sie den MiA-Award, 2010 das Elias-Canetti-Stipendium. Sie schrieb eine Reihe von Theaterstücken, u. a. Auftauchen. Eine Bestandsaufnahme (Volkstheater Wien). Ihr Roman Spaltkopf erschien 2008 im Deuticke- Verlag. Im selben Verlag erscheint am 7. Februar ihr neues Buch Herznovelle.

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      Wenn jemand fragt, was man hier mache: Händchenhalter ist ein anerkannter Beruf. Aber niemand wird fragen. Der Einzige, der fragt, ist man selber.

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