"Eine Restmotorik muss bei Patienten vorhanden sein"

16. Jänner 2011, 17:08
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Eine im Körper implantierte Maschine kompensiert verlorengegangene Funktionen - Neurologin Michaela Pinter im Gespräch

Elke Weiss sprach mit der Neurologin Michaela Pinter über Einsatz, Risiken und Grenzen moderner Entwicklungen in der Medizintechnologie.

Standard: Ist der Neurostimulator für alle Schlaganfallpatienten mit Lähmungen geeignet?

Pinter: Leider nein. Eine der wesentlichsten Voraussetzungen ist, dass der Betroffene selbstständig mit oder ohne Stock oder Rollator in zwei Minuten 20 Meter zurücklegen kann. Der Betroffene muss von vornherein selbstständig gehen können, durch die Stimulation wird "nur" die Qualität des Gehens deutlich verbessert.

Standard: Wie können Schlaganfallpatienten herausfinden, ob der Neurostimulator für sie infrage kommt, und wo wird dieser Eingriff in Österreich durchgeführt?

Pinter: Der auf dem Gebiet erfahrene Neurologe trifft mit dem Patienten - basierend auf klar definierten Ein- und Ausschlusskriterien - die Entscheidung. Zuvor werden neurophysiologische Untersuchungen sowie eine Ganganalyse im Neurophysiologischen Labor des Neurologischen Rehabilitationszentrums (NRZ) Rosenhügel durchgeführt. Die Implantation selbst wird derzeit nur an der Plastischen Chirurgie im AKH Wien von Manfred Frey durchgeführt.

Standard: Wie schnell stellt sich ein Erfolg ein?

Pinter: Innerhalb der ersten Wochen lernt der Betroffene den Umgang mit dem System. Der Effekt ist unmittelbar, sobald die Stimulation eingeschaltet ist, verbessert sich das Gangbild.

Standard: Welche Patienten könnten in Zukunft davon profitieren?

Pinter: Es muss sich um eine zentrale Lähmung, bedingt durch Schlaganfall, Hirnblutung, multiple Sklerose, Schädel-Hirn-Trauma oder Querschnittslähmung handeln. Periphere Lähmungen wie etwa nach Bandscheibenvorfall oder bei Polyneuropathie kommen nicht infrage.

Standard: Wo liegen die Grenzen des Systems?

Pinter: Eine Gehgeschwindigkeit von etwa 4 km/h darf nicht überschritten werden, Laufen ist mit der derzeitigen Technologie des Neurostimulators nicht möglich.

Standard: Besteht die Möglichkeit, dass das Gerät ausfällt, und könnte das gefährlich werden?

Pinter: Es kann immer zu technischen Problemen wie Ausfall eines Pols der Elektrode oder einem Bruch der Elektrode kommen. Für den Patienten besteht keine Gefahr, die fehlerhaften Komponenten müssen schlussendlich ersetzt bzw. repariert werden. Auch wenn die Implantation ein relativ kleiner Eingriff ist, besteht immer die minimale Gefahr einer möglichen Infektion.

Standard: Inwieweit verschmelzen Mensch und Maschine?

Pinter: Der erste gedankengesteuerte künstliche Arm von Otto Bock sorgte im vergangenen Jahr weltweit für Aufsehen.

Standard: Werden künstliche Gliedmaßen, eingepflanzte Chips oder Elektroden künftig einfach alles ersetzen, was in unserem Körper nicht mehr funktioniert?

Pinter: Das ist heute Utopie. Im Bereich der Elektrostimulation ist es derzeit wesentlich, dass eine Restmotorik vorhanden ist. Das Potenzial der möglichen Fortschritte in der Medizintechnologie wage ich nicht abzuschätzen.

Standard: Wo liegen die Grenzen?

Pinter: Die Grenzen sind einerseits durch den Status quo der Medizintechnologie gegeben, andererseits durch die Akzeptanz des Nutzers. Technische Geräte müssen dem Anwender einen konkreten, nachvollziehbaren und reproduzierbaren Vorteil bringen.

(Elke Weiss, DER STANDARD Printausgabe, 17.1.2011)

  • Michaela Pinter, Fachärztin für Neurologie, leitet die Neurologische Abteilung des Rehabilitationszentrums Rosenhügel in Wien. Sie lehrt am Zentrum für Klinische Neurowissenschaften der Donau-Universität in Krems.
    foto: michaela pinter

    Michaela Pinter, Fachärztin für Neurologie, leitet die Neurologische Abteilung des Rehabilitationszentrums Rosenhügel in Wien. Sie lehrt am Zentrum für Klinische Neurowissenschaften der Donau-Universität in Krems.

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