Funktionieren wie ferngesteuert

16. Jänner 2011, 18:36
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Der Neurostimulatoer ActiGait gibt Menschen mit motorischen Lähmungen nach einem Schlaganfall neue Optionen

Jedes Jahr erleiden weltweit 15 Millionen Menschen einen Schlaganfall. In Österreich sind es jährlich rund 20.000. Eine häufige Folge sind motorische Lähmungen, unter anderem der sogenannte Fallfuß. Dabei schleifen die Zehen auf dem Boden. Jeder Schritt bedeutet eine enorme Anstrengung. Die Sturzgefahr ist groß. ActiGait ist ein Funktioneller Elektrostimulator, der unter der Haut eingepflanzt wird. Das System übernimmt durch elektrische Impulse die Steuerung gelähmter Muskeln. Es besteht aus zwei Teilen: einer liegt innerhalb, der andere außerhalb des Körpers. Durch zwei kleine Hautschnitte am Oberschenkel werden ein Stimulator und eine Manschettenelektrode implantiert. Die Elektrode umschließt den Peronaeusnerv und stimuliert ihn. Im gesunden Körper erhält der Nerv die Signale aus dem Gehirn. Ist dieser Weg unterbrochen, können die Muskeln auf natürlichem Weg nicht mehr aktiviert werden.

Bei der Elektrostimulation kommt der Impuls von externen Teilen. Ein Fersenschalter erkennt, wenn der Fuß gehoben wird, und schickt die Information an eine Steuereinheit am Gürtel. Diese löst die elektrische Signalübertragung aus. Patienten, die zuvor nur wenige, wackelige Schritte machen konnten, sind mit ActiGait in der Lage, wieder weite Wanderungen zu unternehmen.

Die Funktionelle Elektro-Stimulation wurde erstmals 1961 als Oberflächen-Stimulation getestet. (siehe Wissen). Alle Teile lagen außerhalb des Körpers. "Das Neue gegenüber der Oberflächen-Stimulation ist, dass wir mit dem Implantat nicht den ganzen Nerv, sondern spezifische Bereiche und damit einzelne Muskelgruppen erreichen können. Damit lassen sich Bewegungen fein dosieren" , erklärt Hans Dietl, der die Forschung und Entwicklung im Bereich Neurostimulation bei Otto Bock Healthcare in Wien koordiniert.

Wieder neu einlernen

Wissenschafter der Firma Neurodan, einem Spin-off-Unternehmen der Universität Aalborg in Dänemark, haben wesentlich zum Erfolg von ActiGait beigetragen. Seit 2005 gehört das dänische Unternehmen zur Otto-Bock-Gruppe. Die ersten Implantationen fanden in Aalborg statt. Die Ergebnisse sind vielversprechend. "Wenn mehr als 15 Monate die Stimulation bei jedem Schritt - und das ist das Wesentliche - bei jedem Schritt durchgeführt wird, zeigt sich eine Verlängerung der Schrittlänge und eine Erhöhung der Gehgeschwindigkeit, auch wenn die Stimulation abgedreht wird" , sagt Michaela Pinter, Neurologin und Neurowissenschafterin an der Donau-Universität Krems. Das bedeute zwar keine Heilung, so die Neurologin, aber es komme zu einer Regeneration von Gehirnzentren, wodurch sich in der Folge das Gangbild deutlich normalisiere.

Für Menschen nach einem Schlaganfall kann ActiGait die Rückkehr in ein weitgehend normales Leben bedeuten. Künftig könnten auch Menschen mit multipler Sklerose, Schädel-Hirn-Trauma und traumatischen Querschnittssyndromen davon profitieren. In Österreich fand die elektrische Stimulation bei zentralen Paresen bisher noch weniger Beachtung, kritisiert Michaela Pinter.

Ein Vorarlberger ist der erste Patient in Österreich, der 2010 mit ActiGait versorgt wurde. Um einen breiten Zugang zu dieser wichtigen Therapieform zu schaffen, wird im Jahr 2011 vom Zentrum für Klinische Neurowissen-schaften eine Fortbildungsoffensive zum Thema "Funktionelle elektrische Stimulation" an der Donau-Universität Krems gestartet. (Elke Weiss, DER STANDARD Printausgabe, 17.1.2011)

Wissen:

Therapie mit Strom

Es war der römische Arzt Scribonus Largus, der 46 n. Chr. die Elektrostimulation zur Behandlung von Kopfschmerzen erstmals erwähnte. Dabei nutzte er die elektrische Entladung des Torpedofischs und des Rochens. Seither beschäftigte die Anwendung von Strom Mediziner und Wissenschafter gleichermaßen. Die Stimulation gelähmter Muskeln ist seit dem 18. Jahrhundert bekannt.

1790 demonstrierte Luigi Galvani mit seinem berühmten Froschschenkel-Experiment Muskelkontraktionen, indem er Nerv und Muskel mit einer Bimetallrute berührte. Erst die Erfindung des Transistors 1948 ermöglichte die Entwicklung tragbarer und implantierbarer Geräte. Die ersten Implantate für funktionelle Elektrostimulation waren Herzschrittmacher ab 1958. Implantate für die elektrische Stimulation des Hörnervs, sogenannte Chochlearimplantate liegen derzeit an zweiter Stelle, was die Anzahl der Implantationen betrifft.

Dem russischen, in die USA emigrierten Arzt Wladimir Theodore Liberson gelang es 1961 zum ersten Mal, gelähmte Muskeln von Patienten mit Fallfuß zu aktivieren. Er verwendete dafür Oberflächenelektroden.

Mit der Entwicklung von AcitGait ist dem österreichischen Medizin-Technikunternehmen Otto Bock jetzt ein medizinischer Durchbruch gelungen. (ewei)

Otto Bock Healthcare Products

  • Mensch mit maschineller Unterstützung: Mit Elektrostimulation können Schlaganfallpatienten mit Fußheberschwäche besser gehen.
    foto: www.ottobock.at

    Mensch mit maschineller Unterstützung: Mit Elektrostimulation können Schlaganfallpatienten mit Fußheberschwäche besser gehen.

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