Ein Leben mit "Pimperlbeträgen"

14. Jänner 2011, 11:06
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Immer mehr AkademikerInnen arbeiten und leben in prekären Verhältnissen. Ein Uniabschluss ist längst kein Garant mehr für einen sicheren, gut bezahlten Job

Es ist kurz nach 10 Uhr vormittags in einem hauptsächlich von StudentInnen frequentierten Kaffeehaus und Sarah Breger* hat den ersten Termin ihres Tages bereits hinter sich: Eine Lehrveranstaltung, die sie als externe Lektorin an einem Wiener Universitätsinstitut wöchentlich hält. Es mache ihr "wirklich großen Spaß", mit den Studierenden zusammen zu arbeiten, mit ihnen zu diskutieren, sie anzuregen und sich von ihnen anregen zu lassen.

Finanziell bringe die Lehrveranstaltung aber "so gut wie gar nix". Das "kleine Taschengeld", das sie für das Seminar bekomme, stehe in keinem Verhältnis mit dem damit verbundenen Aufwand, der "immer größer und unbewältigbarer" werde.

Pimperlbetrag

Nicht ganze 360 Euro brutto im Monat bekommt die Enddreißigerin für ihren Lehrauftrag von der Uni. Neben dem regelmäßigen Abhalten der Lehrveranstaltung gehören auch das Vor- und Nachbereiten des Seminars, Besprechungen mit den Studierenden, das Korrigieren und Benoten von Seminararbeiten sowie die administrative und organisatorische Verwaltung der Lehrveranstaltung zu den Aufgaben der externen Lektorin. „Vor zwei Jahren habe ich mir mal ausgerechnet, auf welchen Stundenlohn ich komme, wenn ich all diese Dinge mitkalkuliere", erzählt Breger. "Ich bin auf nicht einmal acht Euro gekommen", sagt die promovierte Historikerin und Philosophin und reagiert auf mein ungläubiges Kopfschütteln "Ein Pimperlbetrag, ich weiß."

Nerven zerfetzende Jobkoordination

Um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen, geht Breger zusätzlich zu ihrer Arbeit als externe Lektorin zumindest zwei weiteren Tätigkeiten nach. "Ich bin auch freie Journalistin und selbstständige Trainerin", erzählt sie. Je nach Auftragslage komme sie mit dem verdienten Geld in manchen Monaten besser, in den meisten allerdings "weniger gut" über die Runden. Sie habe sich mittlerweile zwar eine "relativ gutes Netzwerk" erarbeitet, das ihr "halbwegs regelmäßige Anfrage" und somit ein gewisses Maß an Sicherheit gewährleiste. Es sei aber trotzdem "Nerven zerfetzend und zermürbend", die drei Jobs zu koordinieren und dafür zu sorgen, dass "kontinuierlich Aufträge reinkommen".

"Gefakter" Lebenslauf

In der Vergangenheit habe es auch schon "einige Durststrecken" gegeben, in denen sich über einen längeren Zeitraum hindurch "einfach nix" ergeben hätte. Über die Runden gekommen sei sie damals wie bereits während ihrer Studienzeit, nämlich als Mitarbeiterin eines Callcenters. Eine Doktorin als Callcenter-Agent? "Ich habe meinen Lebenslauf natürlich gefakt und erzählt, dass ich mein Studium abgebrochen habe, die hätten mich doch sonst nicht genommen", sagt Breger achselzuckend.

Notgroschen statt Urlaub

Wann sie zum letzten Mal auf Urlaub war? Daran könne sie sich nicht erinnern. Auch Alexander Gruber*, der Anglistik und Publizistik studiert hat, kann diese Frage auf die Schnelle nicht präziser als mit einem „Das muss wohl schon eine Weile her sein" beantworten. Für richtige Urlaube bleibe einfach zu wenig übrig: "Das bisserl, was ich in manchen Monaten sparen kann, lege ich als Notgroschen auf die Seite", sagt der gebürtige Oberösterreicher, der derzeit als Lehrer an einem Nachhilfeinstitut und daneben als Verlagslektor tätig ist. Notgroschen wofür? "Eine kaputte Therme, ein dringender Zahnarztbesuch oder eine neue Brille - all das ist mit meinem Budget so gut wie gar nicht zu bestreiten", sagt er.

"Kündigung" statt Fixanstellung

Fixanstellungen seien heutzutage "eine Rarität", antwortet er auf die Frage, ob er denn einem seiner Jobs im Rahmen eines fixen Arbeitsverhältnisses nachgeht. Schon während seiner Studienzeit habe er bei einem Verlag auf Honorarnotenbasis gearbeitet, erinnert sich Gruber.

Damals hätte es geheißen, dass man ihn nach erfolgreicher Beendigung seines Studiums anstellen würde. Statt der versprochenen Fixanstellung sei er aber mit der lapidaren Begründung „Wir haben einen anderen gefunden, der deinen Job auch ohne eine Anstellung macht" gekündigt worden. "Wobei es ‚gekündigt' nicht wirklich trifft, weil ich ja keine Anstellung hatte. Sie haben mich halt einfach raus geworfen."

"Unsinnige AMS-Kurse"

In seinem bisherigen Berufsleben habe er erst einmal einen „normalen Arbeitsvertrag" gehabt, in dessen Rahmen er in den Genuss der damit verbundenen Vorzüge gekommen sei: „Regelmäßiges Gehalt, bezahlter Urlaub, Urlaubs- und Weihnachtsgeld, Anspruch auf Arbeitslosengeld". Ein "prolongierter Streit" mit seinem direkten Vorgesetzten sei damals "irgendwann eskaliert" - Gruber war nach zwei Jahren als PR-Assistent ohne Job und mit Mitte 30 zum ersten Mal in seinem Leben mit dem AMS konfrontiert. Am Arbeitsmarktservice lässt er kein gutes Haar: "Ich wurde dazu verdonnert, unsinnige Kurse zu besuchen: Vom ‚Computer-ABC' bis hin zu ‚Wie verfasst man ein Motivationsschreiben' und ähnlichen Blödheiten". Geholfen habe man ihm dort „definitiv nicht".Auch wenn unter allen Arbeitslosen die Gruppe der AkademikerInnen mit einem Anteil von ungefähr 2,5 Prozent unterdurchschnittlich repräsentiert sei, wäre das AMS mit arbeitslosen AkademikerInnen "einfach heillos überfordert".

Working poor

Augenscheinlich überfordert ist in Grubers Augen auch die die Politik, die nichts dagegen unternehmen würde, um der "stetig steigenden Zahl prekärer Arbeitsverhältnisse" Einhalt zu gebieten. Über die sogenannten "working poor", die von prekären Arbeitsverhältnissen betroffen sind und denen Gruber sich selbst zählt, sei in der vergangenen Zeit zwar viel zu hören und zu lesen gewesen. Dass eine Vielzahl von ihnen einen akademischen Abschluss hat, wäre hingegen "kaum jemandem bekannt". Es sei "eine Schande", dass die Politik untätig dabei zusehe, wie akademisch ausgebildete Personen "regelrecht ausgebeutet" würden, meint Gruber. Dass vor allem Geistes-, Kultur- und SozialwissenschafterInnen trifft, sei symptomatisch für "unsere neoliberale Gesellschaft, in der wirtschaftliche Interessen im Mittelpunkt stehen". (Meri Disoski, daStandard.at, 13.Jänner 2011)

 

* Namen von der Redaktion geändert

  • Es sei "eine Schande", dass die Politik untätig dabei zusehe, wie akademisch ausgebildete Personen "regelrecht ausgebeutet" würden, meint Gruber.
    foto: jasmin al-kattib

    Es sei "eine Schande", dass die Politik untätig dabei zusehe, wie akademisch ausgebildete Personen "regelrecht ausgebeutet" würden, meint Gruber.

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