Fäkaltransplantation

Von einem Stuhl zum anderen

14. Jänner 2011, 10:21
  • Artikelbild
    foto: peter röhl/www.pixelio.de

    Trotz aller ermutigenden Fallbeispiele: Eine wissenschaftliche Untersuchung, die die Wirkung des Verfahrens eindeutig beweist, gibt es bisher nicht.

    Foto: Peter Röhl/www.pixelio.de

Stuhl gesunder Menschen stoppt chronische Darmentzündungen im Verdauungstrakt von Patienten - "Das ultimative Probiotikum" gilt als Alternative zum Antibiotikum

Washington - Die Prozedur ist eine reine Notlösung, äußerst unkonventionell und obendrein sehr unappetitlich: Bei vielen Menschen verursacht das Bakterium Clostridium difficile nicht nur heftige Durchfälle, sondern wiederkehrende Darmentzündungen. Da Antibiotika immer häufiger gegen den Erreger versagen, greifen Ärzte in ihrer Not zu einem letzten Ausweg: Sie verpflanzen Stuhl von gesunden Menschen in den Darm der Patienten. Die Exkremente sollen gute Bakterien in den Verdauungstrakt einschleusen, die die üblen Keime dann verdrängen.

Das eklige klingende Verfahren ist nicht aufwendiger als eine Darmspiegelung. Dutzende Fallbeispiele - dokumentiert in Fachjournalen oder vorgestellt auf medizinischen Fachkongressen - belegen, dass die sogenannte Fäkaltransplantation vielen Patienten hilft.

Bakterienkolonien umsiedeln

"Das ist das ultimative Probiotikum", so Lawrence Brandt von der Montefiore-Klinik in New York. Schon 17 Mal hat der Arzt auf diese Art ganze Bakterienkolonien umgesiedelt. Alexander Khoruts von der Universität von Minnesota vergleicht das mit einer Organverpflanzung, nur dass der Empfänger keine Medikamente braucht, die die Immunabwehr unterdrücken.

Bei einer Patientin, die nach achtmonatigem Befall mit C. difficile völlig abgemagert war, untersuchte Khoruts mehrmals die Darmflora. Nachdem die Frau Fäkalien ihres Ehemannes erhalten hatte, verschwand nicht nur ihr chronischer Durchfall, sondern gleichzeitig besiedelten die bakteriellen Neuankömmlinge zügig den genesenden Darm.

Wissenschaftliche Untersuchungen fehlen

Trotz aller ermutigenden Fallbeispiele: Eine wissenschaftliche Untersuchung, die die Wirkung des Verfahrens eindeutig beweist, etwa indem sie die Transplantation mit einer Antibiotika-Kur vergleicht, gibt es bisher nicht. Schon oft haben anfangs vielversprechende Verfahren bei näherem Hinsehen enttäuscht.

"Es gibt sehr gute Gründe zu der Annahme, dass diese Fäkaltransplantation - oder Bakterientherapie - helfen kann", sagt Lawrence Schiller aus Dallas. Der Gastroenterologe verfolgt den Trend mit Interesse, hat aber selbst noch keinen solchen Eingriff vorgenommen. "Bevor alle damit anfangen, muss man den Effekt klar nachweisen."

Der Problemkeim C. difficile ist sowohl in Krankenhäusern als auch außerhalb davon auf dem Vormarsch. In den USA verursacht er pro Jahr etwa 15.000 Todesfälle. Manche Infizierte entwickeln nur leichte Durchfälle. Aber andere Patienten, insbesondere durch andere Erkrankungen geschwächte Senioren, erleiden heftige Entzündungen des Darms.

Und auch nach einer Besserung kehrt die Infektion bei fast jedem dritten Patienten wieder zurück, bei vielen davon regelmäßig. Diese Menschen schlucken dann über Wochen und teilweise über Monate Antibiotika. Deren Nachteil: Sie setzen auch den nützlichen Darmbewohnern zu. Wenn Hunderte Bakterienarten wegsterben, fällt es der Erreger in dem Vakuum leichter, wieder Fuß zu fassen. "Die Patienten stecken in einem Teufelskreis aus Behandlung und Wiederbehandlung", sagt Khoruts, der seit 2008 schon 21 Mal Stuhl-Transplantationen vorgenommen hat.

Altes Verfahren

Die erste Fäkaltransplantation nahmen Mediziner schon 1958 vor. Seitdem sind 170 Fälle in Fachzeitschriften dokumentiert. Dass allein ein Drittel davon aus dem Jahr 2010 stammt zeigt, dass Ärzte angesichts der zunehmenden Probleme durch C. difficile immer häufiger zu dieser Möglichkeit greifen.

"Früher war das Verfahren für mich nur ein Zeichen dafür, wie verzweifelt Patienten und Ärzte waren", sagt Christina Surawicz von der Universität von Washington. "Aber irgendwann blieb mir selbst nichts anderes mehr übrig." Allerdings drängen sämtliche Experten darauf, das Verfahren systematisch zu erforschen. Bei Fallbeispielen, so argwöhnen sie, würden Ärzte eher die Erfolge dokumentieren als die Fehlschläge.

Ein Standardvorgehen gibt es bisher nicht. Brandt prüft zunächst, dass der Spender keine Infektionskrankheiten wie Hepatitis oder HIV hat und dass er frei von Darmparasiten ist. Dann bringt der Spender eine Stuhlprobe, die Brandt verflüssigt und bei einer Darmspieglung in den Verdauungstrakt träufelt.

Eine Patientin litt 18 Monate an stetig wiederkehrenden Infektionen, bevor sie sich vor zwei Jahren auf die Prozedur einließ. "Anfangs fühlt man sich wie eine Aussätzige", erzählt die genesene Frau aus New York. "Aber seitdem habe ich nie wieder ein Antibiotikum genommen." (APA)

Zum Thema Chronische Darmerkrankungen:

Ursachenforschung im Darm

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 98
1 2 3
passt eh
00
Wenn ich mir die Scheixxe

der anderen einbrocke, dann ist das gut für mich.
Offensichtlich ein Paradigmenwechsel.

tignosa
30
so eine Scheixxe aber auch!

wie bitte soll das funktionieren, wenn der Darm alles wieder ausscheidet, dann doch auch die fremden Fäkalien!

melora
00
Noch nie was von Darmflora gehört?

Gerald H
01

Wo kann man sich als Spender melden? Zum Blutspenden bin ich z'feig.

tignosa
01
scheiß dich nicht an

;-)

Matthias_Maier
00

Einfach mal ausprobieren.
Blutspenden meine ich.

peterchensmondfahrt
03

Liebe Standard-Redaktion,
da werden zwei Dinge in einen Topf geworfen: Im Artikel geht es um eine chronische bakterielle Darmentzündung während es im unteren Link um "chronisch entzündliche Darmerkrankungen" geht, die nach dem derzeitigen Wissensstand nicht durch Bakterien sondern eine übersteigerte Immunreaktion des Körpers hervorgerufen sind.

Der Begriff "chronische Darmentzündung" für die hier beschriebene Clostridium-Colitis ist zwar nicht falsch (da es sich um eine langdauernde, also "chronische" Darmentzündung handelt), ist aber ohne den Zusatz "bakteriell" für Patienten sehr missverständlich, da man dabei ansonsten im Normalfall eher an die "Chronisch entzündlichen Darmerkrankungen" denkt.

lancethp
00
11.3.2011, 21:54
Auch bei CED Wirksam

stimmt nicht ganz dass die Stuhltransplantation nur bei C.diff. Infektionen wirkt - obwohl hierzu sicher viel mehr daten verfügbar sind.
2003 wurde im J Clin Gastroenterol. von Borody eine Fallserie von 6 Pat. mit Collitis ulcerosa und guten Therapieeffekt auf Stuhltransplantation berichtet.

peterchensmondfahrt
00
11.3.2011, 22:36

Interessanter Ansatz den man weiterverfolgen könnte, wobei ich bezweifle dass das in der Praxis viele Patienten mit sich machen ließen. So gesehen handelt es sich dabei fast eher um Grundlagenforschung.

Und solange es keine Studien mit etwas größerer Stichprobe dazu gibt fällt die genannte Fallserie momentan immer noch eher in die Kategorie "Coincidence based medicine".

¦¦¦¦:_?_:¦¦¦¦
10
HAHA!!

da werden zwei Dinge in einen Topf geworfen, ich brüll mich nieder :)

gaisbock
00
hoffentlich schon passiert!?

master of the present moment
00
31.1.2011, 21:20

kann mir vorstellen das em´s genauso ihre wirkung tun

al o'quent
07
30.1.2011, 19:10

wir sollten einen stuhlkreis bilden...

Kraut&Rüben
00
21.1.2011, 12:18
is doch supi

Ja, ok – natürlich nicht so appetitlich, aber wenn es den Menschen mit chronischer Darmentzündung hilft, dann ist das doch ein toller Durchbruch. Ich würde es oral auch bevorzugen, also nicht den „Corpus Delikti“, sondern Probiotika. :D

Laran Wish
10
18.1.2011, 08:38
Machen Tiere doch auch

Ich weiß, wenn ein Kaninchen Durchfall hat bzw. Verdauungsprobleme, stibitzt es den Blinddarmkot eines anderen, gesunden Kaninchens und frißt ihn.

Zur Erklärung: Kaninchen haben 2 Arten von Kot, den normalen und den Blinddarmkot. Der Blinddarmkot wird gleich wieder aufgefressen und enthält jede Menge Vitamine und Bakterien.

John-Doe
00
und was bitte...

hat das mit den menschlichen ausscheidungsprodukten zu tun? haben wir gar auch blinddarmkot???

alexia1
 
10
17.1.2011, 18:35
sehr appetitlich :-)

Davon hab ich vor ein paar Tagen schon gehört...klingt sehr appetitlich :-). Na ja, wer weiß, vielleicht können wir mit unserem Stuhl mal Geld verdienen??? Würde mich nicht wundern...bis dahin bin ich aber schon dafür, dass man nach probiotischen Mitteln greift und sich die Hände dabei nicht schmutzig macht :-)..

Lavinya
10
17.1.2011, 15:56

Igiittt, wie ekelhaft. Ich frage mich, warum man nicht Probiotika nimmt, dessen Bakterien in Labors eingezüchtet werden?

Europa geht pleite, wer geht mit?
 
10
16.1.2011, 16:41
Lieber doch Bioflorin.

das jüngste Gerücht
10
16.1.2011, 14:07
Heiliger Stuhl

Man sollte diesen vielleicht in homöopathischer Dosis (weil sonst nicht ausreichend vorhanden) gerecht an die Menscheit verteilen....dann währe endlich Ruhe mit den pösen Darmbazillen,oder?

Gerald H
02

Das gibt dem Hl. Stuhl wirklich eine neue Bedeutung! Manchmal wird man auch ein paar Spermien drinnen finden.

das jüngste Gerücht
00
Manchmal wird man auch ein paar Spermien drinnen finden.

Die sind für die Nachwelt gedacht...zwecks klonen....

Sand
02
16.1.2011, 11:20
Wie neu muss, bzw. wie alt darf Wissen sein um es als News zu verkaufen?

charly K.
02
16.1.2011, 10:20

stehen die "120 Tage" also künftig in jeder Bibliothek bei den anderen Gesundheitsratgebern?

optimist70
04
15.1.2011, 19:29
kann man auchen Stuhl eines Vorgesetzten für die Behandlung nehmen?

möglicherweise fördert dies nicht nur die Darmgesundheit, sondern auch die Karriere

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 98
1 2 3

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.