Kultur des Wegschauens

13. Jänner 2011, 19:56
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Der Tod des kleinen Cain wirft viele Fragen auf

Ein kleiner Bub ist tot, erschlagen in einem Bregenzer Wohnblock. Rundherum Nachbarn, die nichts gehört und gesehen haben. Die junge Mutter hatte ihre Buben in der Obhut des neuen Lovers gelassen. Die Liebe war jung, das Vertrauen groß. Ob sie wusste, dass der Mann ein mehrfach vorbestrafter Gewalttäter und Drogenkonsument ist, wird der Prozess zeigen - ebenso, ob sie selbst Opfer war.

Der Tod des kleinen Cain wirft viele Fragen zu seinem familiären Umfeld auf. Er weist aber auch auf die Misere alleinerziehender Mütter in Vorarlberg hin, denen zu wenig leistbare Kinderbetreuungseinrichtungen zur Verfügung stehen. Ohne funktionierendes familiäres Umfeld sind solche Frauen auf sich allein gestellt oder - wie im konkreten Fall - auf fragwürdige Helfer angewiesen.

Durch die Gewalttat wurden Missstände in der Vorarlberger Verwaltung offensichtlich: Die Polizei hat trotz einer Anzeige nicht gehandelt. Auch der Informationsfluss zwischen den Behörden funktioniert nicht. Die Jugendwohlfahrt ist reformbedürftig. Es fehlt dort an Personal, es fehlt an Kompetenzen. Ansätze, das Bundesgesetz zu ändern, werden von Ländern, auch von Vorarlberg, blockiert.

"Eine Kultur des Hinschauens" fordert die Soziallandesrätin von der Bevölkerung zur Gewaltprävention. Etwas zynisch, wenn man weiß, dass eine Bürgerin hingeschaut und angezeigt hat, die Behörden aber nicht angemessen reagierten. Volkes Antwort auf die Ignoranz von Politik und Behörden lässt sich im Internet nachlesen. Über Facebook wird lautstark die Todesstrafe gefordert, nach Selbstjustiz geschrien. Ein Onkel des getöteten Kindes droht der "Sippe" des Täters, sie auszulöschen. Für heute ist in Bregenz eine Gedenkfeier angesagt. Es ist zu hoffen, dass dieser Mob die Veranstaltung nicht dominiert. Vielleicht schaut ja auch die Polizei vorbei - rechtzeitig, bevor etwas passiert. (DER STANDARD Printausgabe, 14.01.2011)

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