"Ich musste in einer Art Notwehr verkaufen"

Walter Müller
13. Jänner 2011, 19:33
  • Endstation für die Stadtvision "Reininghaus" von Ernst Scholdan
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    Endstation für die Stadtvision "Reininghaus" von Ernst Scholdan

Ernst Scholdan, der das visionäre Stadtprojekt "Graz-Reininghaus" überraschend an einen deutschen Investor verkauft hat, übt scharfe Kritik an der Grazer Politik

Graz - Ernst Scholdan fühlt sich erleichtert. Seinen großen Plan, die Grazer Reininghausgründe zu einem modellhaften Stadtareal für moderne Arbeits- und Lebensformen zu entwickeln, hat er zwar nicht nach seinen Vorstellungen zu Ende gebracht, er habe sich wenigstens in einer Art "Notwehrreaktion" dem "kleinpolitischen städtischen Parteienhickhack" gerade noch entziehen können. Indem er das über 50 Hektar große, brach liegende Stadtviertel im Westen von Graz nicht wie geplant der Stadt, sondern dem deutschen "Petruswerk Katholische Wohnungsbau- und Siedlungsgenossenschaft" des Karmeliterordens verkauft habe.

In einer Blitzaktion. Scholdan im Gespräch mit dem Standard: "Ich hatte keine andere Wahl mehr. Die Stadt hat mich an die Wand gedrückt." Durch die jahrelange Weigerung der Stadtregierung, die Grundstücke für die bereits fixierte städtebauliche Entwicklung des Viertels zu widmen, sei verhindert worden, dass sich Investoren engagieren.

"Nur schlechtgeredet"

Schließlich habe sich die Stadt Graz selbst als Käufer in Stellung gebracht, aber, kritisiert Scholdan, "es wurde nur gedumpt, das Areal schlechtgeredet", bis die Wirtschaftlichkeit in Gefahr geraten sei. Zuletzt habe das ganze Projekt gedroht, im politischen Sumpf unterzugehen. "Ich habe handeln müssen", so Scholdans Version der Geschehnisse, die am Donnerstag eine Sondersitzung des Grazer Gemeinderates nach sich gezogen haben. Finanzstadtrat Gerhard Rüsch (ÖVP), der in der Stadt die Fäden des Projektes gezogen hat und sich vom Verkauf an das Petruswerk völlig überrascht gezeigt hatte, sei von der Graz-Visite des neuen Investors, Douglas Fernando, dem Miteigentümer des Petruswerkes, durchaus informiert gewesen. Scholdan: "Der Termin stand bei Rüsch schon vor zweieinhalb Wochen auf dem Kalender."

Dass ihm die Stadt überhaupt die Möglichkeit gegeben habe, parallel mit Fernando zu verhandeln, sei "einigermaßen bemerkenswert". Er habe die Stadt mit den Parallelverhandlungen mit dem Petruswerk jedenfalls nicht hintergangen, die zuständigen Stadtpolitiker hätten ausdrücklich auf ein Exklusivrecht für Verhandlungen mit ihm verzichtet. Stadtrat Rüsch habe die Option auslaufen lassen, ohne sie zu verlängern. Der Politiker habe ihm damit zu verstehen gegeben, dass er ohnehin niemanden - außer die Stadt - als Käufer für das brachliegende Areal finden werde. Scholdan: "Da war schon ein gewisses Maß an Überheblichkeit dabei."

Er wehre sich auch gegen den Vorwurf, er sei gescheitert. Ernst Scholdan: "Ich bin keine Baufirma, ich versuche brachliegende Industrieflächen zu entwickeln. Ich habe versucht, eine Vision zu realisieren und zwölf Millionen Euro in die Vordenkarbeit gesteckt. Das bleibt ja. In dem Moment aber, als klar gewesen ist, dass die Grundstücke durch das Projekt aufgewertet werden, haben sich alle angestellt." Da habe die Sache begonnen zu stottern. (Walter Müller, DER STANDARD Printausgabe, 14.1.2011)

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13 Postings
der andreas wirds schon richten...

Eigentor der Grazer ÖVP

Hochmut kommt vor dem Fall
gilt im Lande überall.

Ja die ÖVP kann halt wirtschaften.

rüsch = meh rzahl von rausch? oder auch nüchtern unfähig?

Hätte man

die 12 Millionen nicht in Bullshitbingo und Hirnwichserei angelegt, so hätte aus der Sache durchaus was werden können... Natürlich bei anderen Projektenwicklern - die restlichen 68 Mio Euro Schulden müssen müssen ja auch irgendwo her stammen.... So oder so dürfte er aus der Sache ganz gut ausgestiegen sein, wenn er wirklich einen Trottel gefunden hat, der 80Mio € für knapp über 50Ha Freiland zahlt, dann Hut ab!

why so bösartig? wir haben in graz vieles ohne nachdenken hingeklatscht (siehe jakomini- oder tummelplatz, siehe weblinger knoten, oder auch 2003 et cetera), da schadet es gar nicht, wenn einmal vorher ernsthaft nachgedacht wird. oder stört dich vielleicht nur, dass die entwicklung auf internationalem niveau stattgefunden hat und nicht wieder nur unter uns und in steirischem originalton?

"Internationales Niveau"??

Da lachen ja die Hühner. Internationales Niveau hatte die AssetOne nur beim Geldausgeben (zB Party auf einer Yacht bei der MIPIM in cannes).
Was willst Du von Jungakademikern, die einen Plan nicht richtigherum halten können, erwarten?

Nebenbei ist das kein Freiland, sondern rechtskräftiges Gewerbegebiet.

Apropos Notwehr

Hat jemand eine Idee, wie man sich gegen solche Chefverhandler zur Wehr setzen kann? Am Wahltag ist es wahrscheinlich zu spät!

Unternehmen statt unterlassen

Wien baut, Linz baut, Zagreb baut - und Graz schaut gemütlich zu. Es ist einfach nicht einzusehen, dass ein Stadtrat wie Herr Rüsch unternehmerische Menschen monatelang hinhält und so den Stillstand in einer ohnehin nicht mehr dynamischen Stadt verlängert. Das kommt davon, wenn zu viele Beamte in einer Stadtregierung sitzen. Unternehmt bitte was, bevor wir wieder Pensionopolis werden.

Unter "unternehmerischem Denken"

verstehe ich, wenn Leute eine guten Sinn für den mittleren Risikobereich haben. Gute UnternehmerInnen pokern nicht wild, sondern sie gehen Risiken ein, die sie gut einschätzen können und kalkulieren gut den Aufwand, den sie einstecken müssen, damit die Sachen aufgehen.

Hier scheinen mit einem die Visionen durchgegangen zu sein, eine Sache wurde mit viel heisser Luft aufgeblasen, und stürzte dann ab. Das sehe ich mit Verlaub nicht als unternehmerisches Vorbild.

Was wollen's denn da...

dynamisieren ? Bzgl. Lebensqualität können wir uns alle Finger abschlecken wenn die letzten unverbauten Großflächen im Stadtgebiet freibleiben.

was ich noch gerne in diesem artikel gelesen hätte

+ wie genau war das areal zum kaufzeitpunkt gewidmet, und wie war der ursprüngliche kaufpreis dafür?

+ in welchem ausmaß hätte eine umwidmung die verwertbarkeit verbessert bzw. den marktwert des geländes gesteigert?

+ in welcher form wäre dieser widmungsgewinn abgegolten worden?

+ wenn eine umwidmung unsicher ist, welches interesse hat der neue käufer daran?

schade, herr scholdan hat sich bei seinem konzept schon eine ganze menge mehr angetan als ein rein ergebnisorientierte entwickler das tun würde. auch wenn es natürlich so eine sache ist, irgendwo auf einen sitz einen ganzen stadtteil hinzustellen...

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Das Areal ist dzt. als Gewerbegrund gewidmet, schließlich war da eine Brauerei drauf. Ursprünglich hätte für 79,5 Mio. der Eigentümer Asset One von der Stadt übernommen werden sollen, zusätzlich wären 106 Mio. in Infrastruktur investiert worden. Durch die notwendige Umwidmung wären ca. 30-50 Mio. lukriiert worden. Auf den ersten Blick scheint die Stadt auf einem langen Ast zu sitzen wegen der notwendigen Umwidmungen, allerdings wird die Stadt kaum wollen, daß der neue Besitzer die Gründe zerstückelt und als Gewerbegründe weiterverkauft.

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