Vom vermeintlichen Segen der gemeinsamen Schule

13. Jänner 2011, 19:18
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Oder: Was Österreich von Großbritannien lernen könnte - Von Christian Goldstern

Fernsehwerbung, schnell geschnitten: Vier, fünf Prominente, Menschen aus dem öffentlichen Leben, die jeder sofort erkennt, sind kurz im Bild und sagen nur einen Namen. Zuerst der Premierminister: "James Webster." Dann das Fußballidol: "Richard Summer". Die Oskarpreisträgerin: "Sue Hawkins." Die Nachrichtensprecherin: "Sally Beckett." Ein richtiger Teaser - wovon reden diese Leute? Endlich die erlösende Punchline: "Nobody forgets a good teacher." Ein guter Lehrer bleibt uns immer im Gedächtnis. Es ist einfach ein total erfüllender Beruf. Dankbarkeit allüberall. Haben Sie nicht auch schon einmal mit dem Gedanken gespielt, Lehrer zu werden?

In den 90ern des vergangenen Jahrhunderts lief diese Werbekampagne in Großbritannien - in unterschiedlicher Form - jahrelang, der Slogan hat sich tief ins Gedächtnis der Nation eingeprägt.

Eine Werbekampagne für den Lehrberuf? Was ist denn diesen versponnenen Briten da schon wieder eingefallen? Wer einen etwas genaueren Blick auf das englische Schulsystem wirft, hört rasch auf, sich zu wundern. Das britische Schulwesen ist durch einen tiefen Graben zweigeteilt: auf der einen Seite die breite Masse der "Comprehensive Schools" (Gesamtschulen), staatlich finanziert und daher gratis, auf der anderen die superteuren Privatschulen, die sich ihre Schüler einzeln aussuchen.

Diese Teilung hat enorme Folgen für alles, was mit Schule zusammenhängt. Erstens: Staatlich finanziert heißt natürlich chronisch unterfinanziert. Die sogenannte Schulautonomie, die es seit einiger Zeit ansatzweise auch in Österreich gibt, existiert in Großbritannien schon viel länger und in ausgedehnterer Weise. Das heißt, dass auch die Lehrer aus den autonom verwalteten Geldern der Schulen zu bezahlen sind. Was das für die Lehrergehälter an öffentlichen Schulen bedeutet, lässt sich leicht ausmalen. Die logische Folge ist, zweitens, dass jeder Lehrer an einer staatlichen Schule nur ein Ziel vor Augen hat: Seine Anstalt zu verlassen und an einer privaten Schule unterzukommen.

Wichtigstes Medium für diese pädagogische Massenwanderung ist das wöchentlich erscheinende Times Educational Supplement (TES), das vor allem eines bietet: eine umfangreiche Beilage mit Jobinseraten, in denen die Privatschulen frei werdende Stellen (samt Gehaltsversprechen!) anbieten. Dieses ständig rotierende Jobkarussell hat, drittens, zur Folge, dass an den staatlichen Schulen nur die zurückbleiben, die nicht gut genug sind, um sich bei den harten Jobinterviews der Privatschulen durchzusetzen. Somit ist es viertens kein Wunder, dass jedes Elternpaar in Großbritannien vor allem ein Ziel hat: ihr Kind in einer Privatschule unterzubringen, damit es nicht in die "local state comprehensive" gehen muss.

All dies ist, auch wenn es so klingen mag, natürlich kein Beweis, dass das System einer einheitlichen Schule zum Scheitern verurteilt ist. Sehr wohl aber lässt sich daraus schließen, dass die Gesamtschule nicht funktionieren kann, wenn man zu wenig Geld für sie ausgibt. Und genau diese Entwicklung muss leider vermutet werden, wenn man die neu aufgeflammte Schuldiskussion in Österreich verfolgt. Die Ministerin schafft es ja seit Jahren nicht einmal, die groß angekündigte Klassenschülerhöchstzahl im Pflichtschulbereich umzusetzen - und dabei würde das nur einen Bruchteil dessen kosten, was man für eine konsequente individualisierte Betreuung von Gesamtschulklassen ausgeben müsste. Schuldzuweisungen sind fehl am Platz, wesentlich ist die Befürchtung, dass sich dieses Sparen am falschen Platz auch künftig nicht ändern wird.

Wenn Karl Heinz Gruber (im STANDARD vom 11. 1.) auf "großangelegte Studien" verweist, die die Gesamtschule als einzig seligmachende Errungenschaft preisen, fragt man sich, wie dem Bildungswissenschafter, der selbst jahrelang in Großbritannien lehrte, diese so eindeutige Entwicklung auf der Insel entgangen sein konnte. Warum liegt das TES in jedem englischen Konferenzzimmer auf? (Nein, nicht wegen der redaktionellen Texte!) Warum werden Lehrer durch Inserate, denen eine gewisse Verzweiflung nicht abzusprechen ist, gesucht? Und was wird Professor Gruber seinen Lesern erklären, wenn auch in Österreich durch die Einführung der einheitlichen Schule die Privatschulen bald schon blühen und gedeihen? Dass endlich soziale Gerechtigkeit in unserem Bildungswesen herrscht? (DER STANDARD-Printausgabe, 14.1.2011)

CHRISTIAN GOLDSTERN ist Englisch-Lehrer an einer Wiener AHS.

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