Autokrat mit wachsendem Realitätsverlust

13. Jänner 2011, 18:38
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Tunesiens Staatschef Zine El Abidine Ben Ali wird Zielscheibe

Es ist eine Biografie aus dem Baukasten für Autokraten: einfache Herkunft, Karriere beim Militär, zielsicherer Aufstieg in den Vorhof der Macht, deren kaltblütige Aneignung und Absicherung, anfangs noch mit einem gewissen Charisma, dann mit Pseudo-Reformen und Unterstützung von außen, schließlich zunehmender Realitätsverlust. Wie so viele andere Herrscher hat auch Tunesiens Langzeitpräsident Zine El Abidine Ben Ali die Alarmsignale im Land erst spät, möglicherweise zu spät erkannt. Jetzt wird er zur Zielscheibe einer Jugendrevolte, die sich an der Hoffnungslosigkeit angesichts der tristen Wirtschaftslage entzündet hat.

Ben Ali stammt selbst aus bescheidenen Verhältnissen. 1936 in der östlichen Stadt Sousse geboren, war er 19, als das französische Protektorat unabhängig wurde. Nach einer Militärausbildung in Frankreich und den USA entschied er sich für den Geheimdienst. 1978 war er bereits Sicherheits- chef in der Regierung, danach Minister für nationale Sicherheit, Innenminister und, Anfang 1987, Regierungschef. Im November desselben Jahres erklärte er Präsident Habib Bourghiba, den einstigen Führer des Widerstands gegen die französische Kolonialmacht, wegen "Senilität" kurzerhand für abgesetzt. Mit demokratischen Standards hatten die Wahlen, mit denen sich Ben Ali seither im Amt bestätigen ließ, wenig zu tun. Im Oktober 2009 gewann er sein fünftes Präsidentschaftsmandat erstmals mit weniger als 90 Prozent der Stimmen, was bereits ein gewisses Rumoren im Untergrund andeu-tete.

Den Vorwurf der Repression einschließlich Isolationshaft und Folterung politischer Gefangener schmetterte Ben Ali bis zu den jüngsten Ereignissen stets selbstbewusst ab, auch in der Gewissheit, Rückhalt in Paris und Washington zu haben. Dort hatte er sich schon als Innenminister mit der Bekämpfung von Extremisten ein Entree verschafft und Tunesiens Ruf als - vermeintlich - stabiles Bollwerk gegen den Islamismus begründet.

Ben Alis Ehefrau Leila, mit der er drei Kinder hat, gilt als Chefin des Familienclans und graue Eminenz, die sogar seine Nachfolgerin werden könnte. Die zwei Töchter hat sie mit den Erben der reichsten Familien des Landes verheiratet. Moncef Ben Ali, Sohn aus einer früheren Verbindung, wurde in den 1990er-Jahren in Frankreich wegen Heroinhandels in Abwesenheit zu zehn Jahren Haft verurteilt. Mithilfe des Vaters konnte er sich rechtzeitig absetzen. (Josef Kirchengast/DER STANDARD, Printausgabe, 14.1.2011)

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