"Wir müssen die Freiheit ausprobieren"

13. Jänner 2011, 18:25
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Demo und Schüsse in Tunis, acht Tote – Libyen fürchtet Überschwappen der Proteste

Tunis - Am Donnerstag versammelten sich in der tunesischen Hauptstadt Tunis schwerbewaffnete Spezialeinheiten der Polizei. Trotz Ausgangssperre waren die Unruhen in der Nacht davor weitergegangen und zahlreiche Geschäfte geplündert worden. Acht Menschen waren durch Schüsse der Polizei ums Leben gekommen. Für Freitag ist ein Generalstreik angekündigt.

Das Regime in Libyen fürchtet offensichtlich, dass die sozialen Unruhen überschwappen könnten. Steuern und Zölle auf alle lokal produzierten und importierten Nahrungsmitteln wurden abgeschafft. Auch im Sudan protestierten am Donnerstag Studenten gegen die hohen Preise.

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"Ich kann es einfach nicht glauben", schüttelt die junge Frau den Kopf. Mit hunderten von Passanten steht sie vor einer Häuserfront in Ettadhamen, dem größten Viertel in der Banlieue von Tunis. Rauch dringt aus schwarzen Fensterlöchern, die Schaufenster sind eingeschmissen, die Geschäfte leergeräumt. Die Ausgangssperre, die Präsident Zine El Abidine Ben Ali am Mittwochabend ab 20 Uhr bis 6 Uhr in der Früh über den Großraum Tunis verhängen ließ, hat offenbar nichts geholfen. Die Unruhen in den westlichen und südlichen Vororten von Tunis gingen unvermindert weiter.

Der Geruch von verbranntem Gummi liegt in der Luft. Die Feuerwehr hält vor den Resten einer ausgebrannten Drogerie. Noch immer kommt schwarzer Rauch aus dem zerstörten Geschäft. Von hier an stadtauswärts wurden mehrere hundert Meter lang alle Geschäfte geplündert. Die Straße ist mit Steinen übersät. Ein Wachhäuschen auf einer Verkehrsinsel, in dem normalerweise Polizeibeamte Verkehr und Bewohner beobachten, wurde schwer beschädigt. Das verkohlte Skelett eines Stadtbusses ziert die Szene. Ein Graffiti enthält eine Botschaft an die Polizei: "Wenn ihr wieder kommt, kommen auch wir zurück!"

"Es fahren keine Busse, deshalb bin ich bin heute nicht zur Arbeit gegangen, sondern bin hierhergekommen, um zu schauen, was los ist" , fährt die junge Frau, die für ein US-Informatikunternehmen arbeitet, fort. Von den Unruhen in Ettadhamen hat sie erstmals - nicht wie bisher üblich - über Twitter oder Blogs erfahren, sondern aus der tunesischen Presse. Am Donnerstag zieren Fotos von brennenden Gebäuden die Titelblätter der sonst gründlich zensierten Zeitungen. Le Temps, eine der wichtigsten französischsprachige Tageszeitungen, zählt alle Orte auf, an denen es am Mittwoch erneut zu Unruhen kam, Verletzte und acht Tote inbegriffen. "Dieses Blutvergießen muss enden. Unser Volk verdient etwas Besseres", lautet die Überschrift eines Meinungsartikels.

Für die junge Frau sind die Urheber der Verwüstung "Kleinkriminelle und gemeine Diebe" . "Ich kenne viele von den Leuten aus der Protestbewegung von der Uni. Aber so etwas machen die nicht" , sagt sie. Ihren Namen möchte sie wie auch die Umstehenden nicht nennen. Sie redet aber weiter, als sich Gestalten mit schwarzer Lederjacke und Sonnenbrille auffällig nahe postieren. Eine Zivilcourage, die neu ist in Tunesien.

Seit dem Beginn der Jugendrevolte vor fast einem Monat wurden zwar öffentliche Einrichtungen in Brand gesteckt, aber Plünderungen sind neu. Die Leute wollen verstehen, wie es dazu kam. "Die Polizei zog zwischen 14 und 15 Uhr ab" , erzählt eine Passant, und sei erst gegen 22 Uhr wieder zurückgekommen. Da lag längst alles in Schutt und Asche. Deshalb sei nicht klar, ob die Polizisten vor den Jugendlichen flohen oder ob sie das Feld räumten, um mit dem Chaos zu zeigen, dass nur das Regime des seit 23 Jahren mit eiserner Hand regierenden, verhassten Präsidenten für Ordnung sorgen kann.

"Die zwei ausgebrannten Geschäfte gehörten nicht irgendjemandem" , weiß ein Mann, den Frühstückskaffee in der Hand. Der Besitzer sei der ehemalige Bezirksvorsteher. "Der hat sich im Amt so bereichert, dass er mittlerweile in einer Luxusvilla am Stadtrand lebt" , fügt er hinzu. Er könne die Wut verstehen, schließlich sei das System durch und durch korrupt. "Nur wer die Behörden schmiert, bekommt, was er will." Die Opposition sieht das auch als Grund für den Selbstmord des jungen Arbeitslosen in Sidi Bouzid. Dem fliegenden Gemüsehändler war am 17. Dezember zum wiederholten Male Handkarren und Ware beschlagnahmt worden. Auf der Wache sei er misshandelt und erpresst worden. Aus Verzweiflung übergoss er sich mit Benzin und steckte sich selbst in Brand, was die Jugendproteste im Lande entfachte.

Der Mann im Café sagt, er selbst habe aufgehört, Autoersatzteile einzuführen. Die Korruption erdrücke kleine Geschäftsleute wie ihn. Ob Präsident Ben Ali zurücktreten solle? "Hören Sie: Ben Ali ist die Sonne, die über Tunesien scheint. Es ist sein Umfeld, das schlecht ist, nicht er." Ein Hilfsarbeiter um die 20 meint:"Wir brauchen Demokratie." Die Rolle des Präsidenten schätzt er alles andere als positiv ein. "Auch wenn wir das nicht gelernt haben, müssen wir einfach die Chance bekommen, die Freiheit auszuprobieren." Als sich auch hier ein paar Herren in Schwarz nähern, schaut er kurz über die Schulter und sagt dann gelassen: "Wir haben keine Angst mehr." (Reiner Wandler aus Tunis /DER STANDARD, Printausgabe, 14.1.2011)

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    Demonstranten und Polizei stoßen in der Banlieue der tunesischen Hauptstadt Tunis, im Viertel Ettadhamen aufeinander.

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