Groß, erfolgreich, berühmt und ziemlich ungesund

    13. Jänner 2011, 18:26
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    Die hohen Kosten für Spieler erdrücken Europas Fußballklubs, warnt die Uefa. Die Schulden der Vereine haben einen Rekordstand von 19 Milliarden Euro erreicht. Strikte Defizitgrenzen sollen gesetzt werden

    Wien/Nyon - Sportlich läuft es für den Traditionsklub 1899 Hoffenheim gut. Das Team liegt auf Platz acht der deutschen Liga, ist nur vier Zähler von einem Quali-Platz für die Europa League entfernt. Finanziell steht der Verein aber am Rande des Kollaps. Dietmar Hopp, SAP-Mitbegründer und milliardenschwerer Mäzen Hoffenheims, gab Anfang der Woche zu, dass der Klub zwischen 2007 und 2009 Verluste in Höhe von 65 Millionen Euro erwirtschaftet hat. 35 Millionen sind 2010 dazugekommen. Misswirtschaft des alten Managements und teure Spielerverträge hätten Hoffenheim "fast den Hals gekostet", so Hopp.

    Die gute Nachricht für die deutsche Liga: Hoffenheim ist die Ausnahme. Der europäische Fußballverband Uefa hat die bisher umfassendste Finanzanalyse der europäischen Klubs vorgelegt. Die 733 Erstligavereine spielten 2009 insgesamt 1,2 Milliarden Euro Verlust ein. Das ist ein Negativrekord. Von den 30 größeren Ligen haben nur jene in Deutschland, Österreich, Belgien und Schweden positiv bilanziert.

    Besorgniserregend ist zudem der Anstieg der Verbindlichkeiten. Die Vereine weisen Schulden in Höhe von 19 Milliarden Euro aus, das sind 26 Millionen pro Klub. Am tiefsten in der Kreide steht die englische Liga, gefolgt von Spanien, Italien und Portugal.

    Uefa-Chef Michel Platini sieht angesichts der Zahlen den Wettbewerb in Gefahr. Hauptverantwortlich für die explodierenden Kosten seien die immensen Ausgaben für Spieler. Die Vereine geben durchschnittlich 64 Prozent ihrer Einnahmen für Spielergehälter aus. Weil nur wenige Klubs sich Topgagen leisten können, driften Arm und Reich immer weiter auseinander. In Europa hat es noch nie so wenig verschiedene Meister gegeben wie im vergangenen Jahrzehnt. Es gewannen also fast immer die selben.

    "Zu sagen, nur die Spielerkosten sind schuld, ist aber zu einfach", meint Sportanalyst Henri de La Grandville. Beispiel England: Die Premier League ist besonders ertragreich, die Vereine stehen trotzdem mit 3,5 Milliarden Euro in der Kreide. Die Hälfte dieser Verbindlichkeiten haben die Klubs gegenüber ihren Eigentümern. Eine Praxis, die von Manchester United (800 Millionen Schulden) bekannt ist. Der US-Investor Malcolm Glazer übernahm den Verein und verbuchte den Kaufpreis als Verbindlichkeit.

    Auch die italienische Liga ist laut Grandville in schlechtem Zustand. Mit Ausnahme der beiden Mailänder Klubs sei die Stadion-Auslastung bei allen Vereinen schlecht. Wegen häufiger Gewalttaten meiden immer mehr Frauen und Kinder die Arenen. In Spanien wiederum existiert bis heute kein Lizenzierungsverfahren für Klubs, die Schulden können also grenzenlos wachsen.

    Schlupfloch für Mäzene

    Was aber auch immer die Ursachen sein mag: "Klar ist, dass es nicht ewig so weitergehen kann", sagt Marketingexperte Stephan Schröder. "Die Einnahmen aus dem Verkauf von TV-Rechten sind stetig gestiegen. Das wird aber nicht ewig so gehen. Die Klubs müssen zu sparen beginnen."

    Die Uefa rechnet vor allem in kleineren Ligen, wo Vereine nicht leicht an Geld kommen, zunehmend mit Pleiten. Daher werden die Spielregeln geändert. Platini hat die Pläne erstmals im Detail vorgestellt. Ab der Saison 2013/2014 dürfen die Ausgaben der Klubs in einem Dreijahreszeitraum die Einnahmen um nicht mehr als fünf Millionen Euro übersteigen. Die Regel gilt nur für größere Vereine, soll aber den Wettbewerbsdruck mindern. "Platini hat sein eigenes Schicksal mit der Initiative verknüpft, die Uefa ist dahinter", urteilt Schröder. Für Mäzene wie Hoffenheims Hopp gibt es übrigens eine Ausnahme. Findet sich ein Sponsor, der die Kosten deckt, dürfen die Verluste auf 45 Millionen Euro anwachsen. (András Szigetvari, DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 14. Jänner 2011)

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      Nicht beliebt bei den Fans: Die Investorenfamilie Glazer hat den Fußballklub Manchester United nach und nach übernommen und dem Verein den Kaufpreis als Verbindlichkeit verbucht. Eine gängige Praxis in England. Die Liga hat einen Gesamtschuldenstand von 3,5 Milliarden Euro.

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