Kein Honiglecken und kein Heimspiel

13. Jänner 2011, 18:10
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Österreichs Nationalmannschaft startet am Freitag gegen Brasilien in die Handball-WM. Das Ziel ist der dritte Gruppenrang, der den Aufstieg in die Hauptrunde bedeutet

Norrköping/Wien - "Großes", sagt Magnus Andersson. "Wir haben Großes vor." Der Schwede mit dem passenden Vornamen war zweimal Handball-Weltmeister, viermal Europameister und dreimal Olympia-Zweiter. Doch die Zeiten haben sich geändert. Andersson (44) spielt nicht mehr selbst, sondern betreut, und außerdem betreut er nicht die Schweden, sondern die Österreicher. Sie sind mit "wir" gemeint, und sie starten heute, Freitag (21.30 Uhr, ORF Sport plus) gegen Brasilien in die 22. Handball-WM. Weitere Gegner in Gruppe B sind Japan, Norwegen, Island und Ungarn, gespielt wird in Norrköping und Linköping.

Schweden war schon 1993, als Österreich zum letzten Mal erstklassig war, WM-Veranstalter. Damals wurde die Hauptrunde verpasst, so gesehen wollen es die Österreicher besser machen. Von den damaligen Spielern ist keiner mehr aktiv, allein der 93er-Kapitän Stefan Higatzberger hat sich neuerlich auf die Reise gemacht, diesmal als Teammanager. "Die Erwartungen sind diesmal höher", sagt Higatzberger. Schließlich setze sich das Team im Gegensatz zu 1993 zu einem guten Teil aus Legionären zusammen, die "Woche für Woche voll gefordert werden".

Das Brasilien-Spiel ist für Kapitän Viktor Szilagyi "das wichtigste Spiel", daran wird sich erst etwas ändern, wenn es vorbei ist. Dann wird Japan der wichtigste Gegner sein. Die Papierform sieht Österreich in diesen zwei Spielen als leichten Favoriten, gegen Norwegen und Island als Außenseiter, alsdann erwartet das Papier gegen Ungarn einen Showdown um den dritten Gruppenrang.

Die Warnung

"Kann schon sein", sagt Szilagyi, "dass die Gruppe bis zum Schluss spannend bleibt." Aber Papierformen sind ihm immer schon egal gewesen. Nicht egal ist ihm der 32:31-Sieg, den die Brasilianer kürzlich in einem Testspiel in und gegen Norwegen errangen. "Wir sind gewarnt." Mit den Händen sind die Brasilianer jedenfalls weniger stark als mit den Füßen, ein 16. Platz (1999) steht als bestes WM-Ergebnis zu Buche. Doch Szilagyi meint, dass sich die Brasilianer gesteigert haben. "Sie spielen disziplinierter als früher, nicht nur ho ruck, sondern mit viel Konzept. " Das Match werde alles andere als ein Honiglecken, ist der Kapitän überzeugt. "Es wird ganz, ganz heiß."

Man soll Testergebnisse nicht überbewerten, weder den Sieg der Brasilianer in Norwegen noch das 27:39 der Österreicher in Serbien. Szilagyi: "Wir sind davor im Training hohe Belastungen gegangen, haben uns kaum mit dem Gegner beschäftigt. Für die Serben war das Match sehr wichtig, sie wollten unbedingt Revanche für die EM." Bei der EM im Vorjahr in Österreich war Serbien in der Vorrunde von den Gastgebern verabschiedet worden, die dann den überraschenden neunten Platz belegten. Europameister Frankreich und Vize Kroatien gelten auch in Schweden als erste Favoriten.

Österreich wird sich daran gewöhnen müssen, auswärts zu spielen. Oder, wie Szilagyi es ausdrückt: "Die Zuschauer werden uns nicht so pushen wie bei der EM. Wir müssen uns selbst pu-shen." In den vergangenen drei Jahren hat das Team beinahe alle Pflichtspiele vor Heimpublikum absolviert. Nur zwei Ausnahmen gab es. Die 28:34-Niederlage im WM-Playoff in den Niederlanden war nach einem 31:15-Heimsieg bedeutungslos. Dem 26:26 hingegen in Deutschland und in der EM-Qualifikation 2012 könnte noch viel Bedeutung beikommen, ihm ließen die Österreicher daheim ein 28:23 über Island folgen.

Doch die WM, wie gesagt, ist kein Heimspiel. Vielleicht nützt es etwas, dass Österreichs Teamchef Andersson aus Linköping stammt. Seine Eltern werden in die Halle kommen, er glaubt gar, "dass uns die schwedischen Fans adoptieren werden". Szilagyi geht freilich davon aus, dass Österreich in halbleeren Hallen spielen wird, umso mehr, als drei der fünf Vorrundenspiele erst um 21.30 Uhr beginnen. "Daran müssen wir uns gewöhnen, aber das gilt auch für unsere Gegner." So oder so kann mittlerweile keine Mannschaft der Welt mehr davon ausgehen, dass sie Österreich aus der Halle schießt. Weil sich die Zeiten geändert haben. (Fritz Neumann, DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 14. Jänner 2011)

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    Teamkapitän Viktor Szilagyi und eine andere Hand eines Handballspiels. Zunächst ist das erste Spiel das wichtigste, dann das zweite, dann das dritte und so weiter.

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