Wie das Klima Geschichte schrieb

13. Jänner 2011, 20:00
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Rekonstruktion anhand von Jahresringen offenbart auffällige Zusammenhänge

Innsbruck/Washington - "Wir können zum Beispiel sagen, dass dieser Jahresring im Jahr 67 gewachsen ist." Das behauptet Kurt Nicolussi vom Institut für Geografie der Uni Innsbruck, der gemeinsam mit einem internationalen Forscherteam anhand der Jahresringe von Bäumen erstmals die Klimaentwicklung der vergangenen 2500 Jahre in Mitteleuropa detailliert rekonstruiert hat.

Damit haben sich die Forscher aber noch nicht zufriedengegeben: Sie konnten auch die These erhärten, dass das Klima den Lauf der menschlichen Geschichte mitbestimmt, wie sie in der US-Wissenschaftszeitschrift Science (online) schreiben. So gäbe es auffällige Zusammenhänge zwischen starken Klimaschwankungen und gesellschaftlichen Krisen.

Die Thesen stehen buchstäblich auf einem hölzernen Fundament: Nicolussi und seine Kollegen werteten die Jahresringe von Bäumen, vor allem von uralter Hölzern aus, die aus Mooren, Seen, Gletschern oder aus Gebäuden stammten. Anhand dieser Methode - wissenschaftlich Dendrochronologie genannt - konnten sie die Sommertemperaturen bestimmen, da kalte Sommermonate zu einem geringen Wachstum führen. Eichen wiederum zog man dazu heran, um die Niederschlagswerte insbesondere in tieferen Regionen zu bestimmen. Bei Laubbäumen sei die Feuchtigkeit im Frühjahr der wichtigste Wachstumsfaktor.

Dass nur die Sommerwerte zur Verfügung stehen, störte die Wissenschafter nicht, da es kaum einen Unterschied zwischen Sommer- und Jahresmittelwerten gebe.

Deren lückenlose und Kalenderjahr-genaue Chronologie der Klimaentwicklung verglichen die Wissenschafter mit historischen Ereignissen. Und dabei zeigten sich auffällige Zusammenhänge - ohne dass die Forscher deshalb gleich einem Klima-Determinismus das Wort reden wollen.

Während der besten Zeit des Römischen Reiches war das Klima jedenfalls vergleichsweise stabil und überwiegend feucht-warm. Die Periode der Völkerwanderung stimmt wiederum mit einer Phase starker Klimaschwankungen ab dem Jahr unserer Zeitrechnung überein. Andere Zusammenhänge: die Verbreitung der Pest im 14. Jahrhundert und die Abkühlung in dieser Zeit. Oder die Hungersnöte nach einer Kältephase während des Dreißigjährigen Kriegs.

Welche Folgen könnte der aktuelle und in der neuen Studie bestätigte Klimawandel haben? Das hängt für Nicolussi letztlich davon ab, wie verwundbar die Gesellschaft ist und ob sie diese Veränderungen abpuffern kann oder nicht. (tasch, APA, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14. Jänner 2011)

  • Die Jahrringforschung (Dendrochronologie) lässt Rückschlüsse auf das Klima noch vor der Römerzeit zu.
    foto: uni innsbruck

    Die Jahrringforschung (Dendrochronologie) lässt Rückschlüsse auf das Klima noch vor der Römerzeit zu.

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