Moskau und Tallinn streiten über Grenzverlauf auf Euromünzen

13. Jänner 2011, 12:26
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"Künstlerische Deutung" der Landesform lässt allerhand Interpretationen zu - Grenzvertrag zwischen beiden Staaten bis heute nicht in Kraft

Moskau/Tallinn - Über den Verlauf der Landesgrenzen auf den neuen estnischen Euro-Münzen ist ein bilateraler Streit zwischen Estland und Russland ausgebrochen. Dabei geht es um die Frage, welche Grenze auf sämtlichen estnischen Euros und Euro-Cents abgebildet ist. In der Zwischenkriegszeit umfasste Estland einige Gebiete im Osten, die später nicht mehr Teil der estnischen Sowjetrepublik waren und auch heute offiziell wie auch de facto zu Russlands gehören.
Vergangenen Freitag veröffentlichte die russische Botschaft in Tallinn eine Erklärung, in der bedauert wird, dass sich die estnische Seite in Bezug auf die schwer eindeutig verifizierbare Form Estlands auf den Münzen hinter dem Begriff „künstlerischen Vision" der Grenzen versteckt und die diesbezügliche offizielle Haltung der estnischen Notenbank als „unpassend" bezeichnet. Dies zeige, dass das russische Misstrauen in Bezug auf „wiederholte estnische Versuche, die gültigen Grenzen rückwirkend zu verändern" berechtigt sei.

Davor hatte ein Moskauer Anwalt Unstimmigkeiten in der Form des auf dem Euro abgebildeten Grenzverlaufs geortet und bei der estnischen Zentralbank diesbezüglich nachgefragt. Dort erhielt er praktisch die selbe Antwort, wie jene, die der estnische Botschafter in Moskau zuletzt zur Erklärung gegenüber russischen Medien bereit hielt. Nämlich, dass es sich bei der Darstellung Estlands um eine „künstlerische Deutung" der Grenzen Estlands handle, die als solche nicht exakt dem Umriss Estlands entsprechen könne.

Streit mit langer Vorgeschichte

Davor hatten Vertreter einer estnischen Landsmannschaft in der „künstlerischen" Version der Form Estlands das Gegenteil gesehen. Der Vorsitzende der Vertriebenen-Gemeinde der Seto, Ahto Raudoja, hatte sich im Fernsehen darüber beschwert, dass die verlorenen Gebiete Estlands eben gerade nicht auf den Euro-Münzen abgebildet seien.

Der Streit hat eine lange Vorgeschichte. Bereits im Jahr 2007 musste Estland den Entwurf für das Design des Künstlers Lembit Lohmus noch einmal zur Änderung in Auftrag geben, nachdem sich herausgestellt hatte, dass die auf den Münzen abzubildende Form ziemlich eindeutig nicht den heutigen Grenzen Estlands entsprach, sondern eher jenen des Friedens von Tartu aus dem Jahr 1920 glich. Lohmus hatte bereits damals revisionistische Absichten bestritten.
Estland verlor im Rahmen der innersowjetischen Grenzziehung nach dem Zweiten Weltkrieg zwei größere Landstriche an Sowjetrussland. Einen östlich der heutigen Grenzstadt Narva und einen im Süden des Landes, der Gegend um die Stadt Petschory im heutigen russischen Oblast Pskow.
Im Jahr 2005 wurde der Grenzstreit wieder virulent, als das estnische Parlament im Rahmen der Ratifizierung dem bereits von beiden Seiten unterschriebenen Grenzabkommen eine umstrittene, einseitige Präambel voranstellte, die sich indirekt auf die alten Grenzen bezog und von Moskau als territorialer Vorbehalt interpretiert wurde.

Russlands Außenminister Lawrow zog seine Unterschrift daraufhin im Protest zurück. Seiher liegt das Grenzabkommen auf Eis. Die EU hat zwischen Estland und Russland somit bis heute keine völkerrechtlich verbindliche Außengrenze. Das Problem wird von Brüsseler Seite als „bilaterale Angelegenheit zwischen Russland und Estland bezeichnet, obwohl ein endgültiger Grenzverlauf ursprünglich Bedingung für den EU-Beitritt des baltischen Landes war. (APA)

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    Die Grenze zwischen Estland und Russland ist bis heute nicht völkerrechtlich verbindlich.

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