Trägheit Ade

Der Sessel wird zum Fitnesstrainer

13. Jänner 2011, 13:26
  • Artikelbild
    foto: rolf van melis /www.pixelio.de

    Nach dem Prototypen für Zuhause sollen auch Bewegungsstühle für Büro, Bahn und Flugzeug entwickelt werden.

    Foto: Rolf van Melis /www.pixelio.de

Supersessel mit Bewegung und Vitalfunktionen über Sensoren - Informationsplattform gibt Ernährungstipps und motiviert zum Training

Sport machen, ohne den Wohnzimmerstuhl zu verlassen - dieser Wunschtraum könnte bald in Erfüllung gehen. Ein Team mit Forschern der Technischen Universität München (TUM) entwickelt einen Sessel, der über Sensoren Bewegung und Vitalfunktionen misst und an eine Informationsplattform schickt. Diese soll Ernährungstipps geben, Ärzte informieren und zum Training motivieren: Am Fernseher werden Übungen und Spiele vorgeschlagen, die der Nutzer mit seinen Bewegungen im Sessel steuert.

Aktiv im Möbelstück

Wer kennt das nicht: Sitzt man erst einmal gemütlich auf dem Sofa, kann man das abendliche Sportprogramm abschreiben, obwohl man doch unbedingt aktiver werden sollte. Um einen Ausweg aus dem Teufelskreis von Trägheit und schwindender Beweglichkeit zu finden, will eine Forschergruppe einen ungewöhnlichen Fitnesstrainer schaffen: den Sessel selbst. „Wir wollen die Menschen an ihrem Lieblingsplatz zur Bewegung anregen", sagt Thomas Linner vom TUM-Lehrstuhl für Baurealisierung und Baurobotik. „Sie sollen in einem Möbelstück aktiv werden können, ohne aufstehen zu müssen."

Das Prinzip ähnelt demjenigen moderner Videospiel-Konsolen: Über den Fernseher wählen die Nutzer Sport- und Spielprogramme aus. Mikrosensoren in Sitzfläche und Lehnen des Sessels sowie in einem Gürtel als Zusatzgerät registrieren Bewegungen und Kraftaufwand und setzen sie in die Programme um. Der Nutzer steuert so mit seinem Körper ein Spiel am Bildschirm oder bekommt dort Rückmeldungen, etwa über falsche Belastungen bei einer Trainingseinheit.

Sitzend trainieren

„Auch im Sitzen können jede Menge Muskeln und die Beweglichkeit trainiert werden", sagt Thorsten Schulz vom Lehrstuhl für Sport und Gesundheitsförderung. Ein Beispiel: Der Nutzer bewegt seine Beine gegen einen Widerstand am unteren Sesselrand. Klingt einfach - und entspricht damit dem Ziel der Wissenschaftler. „Es geht ja gerade darum, die Schwelle für inaktive Menschen so niedrig wie möglich zu halten", sagt Schulz. „Wenn sie ihre Übungen beherrschen, können sie sogar gleichzeitig ihre Lieblingssendung im Fernsehen schauen." Als Zielgruppe sehen die Forscher neben allen, „die das Gefühl haben, mehr tun zu müssen, aber sich nur schwer motivieren können", auch gehbehinderte Senioren.

Sportgerät überwacht Gesundheit

In einem zweiten Schritt wollen die Entwickler den Bewegungssessel nicht nur als Sportgerät, sondern auch zur Gesundheitsüberwachung einsetzen. Ebenfalls über Sensoren soll er Blutdruck und Puls, Atemfrequenz und Sauerstoffsättigung messen sowie als EKG-Gerät einsetzbar sein. Eine Informationsplattform soll die übermittelten Daten auswerten und in einfache Worte übersetzt auf Fernseher, Handy oder PC anzeigen. Servicedienste oder Ärzte könnten Applikationen anbieten, die über diese Plattform arbeiten: Ernährungs- und Sportprogramme leiten aus den Gesundheitsdaten Empfehlungen und Trainingspläne ab. Mediziner und Pfleger nutzen die Daten für ihre Behandlung. Notfalldienste werden bei einem kritischen Zustand informiert. „Über allem steht das Ziel, die Vitalität zu fördern", sagt Thomas Linner. Und weil man daran nicht oft genug arbeiten kann, können sich die Wissenschaftler vorstellen, nach dem Prototypen für Zuhause auch Bewegungsstühle für Büro, Bahn und Flugzeug zu entwickeln.

Neben den beiden TUM-Lehrstühlen sind weitere Forschungseinrichtungen und mehrere Unternehmen am Projekt „Gesund wohnen mit Stil (GewoS)" beteiligt, das das Bundesministerium für Bildung und Forschung mit insgesamt mehr als zwei Millionen Euro in drei Jahren fördert. Der Projekttitel deutet an, dass die Herausforderung für die Entwickler nicht nur in Technik und Sportprogramm liegt - sondern auch im Design. „Die Leute sollen sich den Sessel gerne ins Wohnzimmer stellen", sagt Thomas Linner. „Da sollte er schon schick aussehen." (red)

Kommentar posten
14 Postings
The Alien
 
00
15.1.2011, 08:21
Lieber an Symptomen rumdoktern, als die Ursachen beheben ...

... der eindeutige Trend der Zeit.

Für mich klingt das dennoch immer so, wie selbstinduziertes Kotzen (in diesem Fall mittels eines komplexen, mechatronischen, stromhungrigen Gerätes) als Therapie für zu grosse Gier beim Essen ...

no nick no name
00
14.1.2011, 00:33
mein sessel

ich will aber nicht, dass mein sessel mehr über mich weiß, als ich selbst.......

Dagmar Rehak Wien
 
01
13.1.2011, 20:22

Das heißt, der Sessel weiß dann, wie schwer ich bin?
Und erzählt mir, ich soll ein Vollkornbiodinkelweckerl mit Frischkäseaufstrich und Gemüse essen? Na, sonst noch was...

Nimain Volbaad
00
14.1.2011, 09:52
Naja, mir wird er erzählen ich soll mir ein Bier reinpfeifen. Und dann heißt es stark bleiben - und es bei einem belassen!

astemp79
00
13.1.2011, 16:13

Fein! Leute, kauft fleißig diese Sesseln - dafür machen wir ja hier Werbung -, und ihr braucht euch nicht mehr im Freien zu bewegen. Wie praktisch. "Für gehbehinderte Senioren": auch praktisch, denn die Alten haben ja viel Geld (haha).

PS: Es gibt bereits eine Vielzahl guter Balance-Sessel für Büro und Heimschreibtisch, die dazu dienen, dass man bei langem Sitzen nicht so leicht verkrampft. Allen diesen Sitzgeräten ist aber gemeinsam, dass man mit ihnen KEINE FITNESS trainieren kann.

Susanne_B
05
13.1.2011, 14:20

Jetzt haben wir gestern gelernt, dass wir alle sterben, wenn wir sitzen. Heute gibt es den Supersessel, der unsere Gesundheit fördert.
Da soll sich mal einer auskennen.

The Alien
 
01
15.1.2011, 08:16
Marketingstrategie für Anfänger

Schritt 1: kreiere einen Bedarf
Schritt 2: erfülle den Bedarf

Ganz logisch, oder?

Susanne_B
00
17.1.2011, 08:37

Dann ist es aber schlechtes MArketing. Wir durften nämlich unlängst lesen, dass Sitzen das Leben verkürzt - und das auch nicht durch Sport ausgeglichen werden kann.

Der Artikel widerspricht dem einfach. Das hat mit MArketing und "Bedarf kreieren" nichts zu tun.

Gallo Way
00
13.1.2011, 16:45

Verdammt du warst zu schnell :-)

Susanne_B
02
14.1.2011, 08:31

Komisch - normalerweise sage ich den Satz. :-)

Gallo Way
01
14.1.2011, 10:46

Na jetzt weißt auch wie sich das anfühlt "Erster" rufen zu können ;-)

eisy57
01
13.1.2011, 14:05
Also müssen wir jetzt doch nicht vorzeitig sterben:

Artikel von gestern:
http://derstandard.at/129337048... port-nicht

Genial !

qwertztt
00
13.1.2011, 20:32

Sport hilft ja auch nicht gegen das Sterben durch Sitzen wenn man viel sitzt.......schon gar net wenn man beim Sport sitzt wäre das ziemlich kontraproduktiv...Sport hilft ja nix und durch Sitzen stirbt man.....deshalb wird ja schon überlegt in Lokalen Sessel zu verbieten.......

mooon
00

irgendwie is das stehbeisl aber schon erfunden ...

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.