Profi-Jobs in Heer und Sozialdienst

13. Jänner 2011, 09:34
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Die Abkehr von der Wehrpflicht ist eine Chance für eine neue Arbeitskultur

Es gibt Berufe, die man nicht ein ganzes Arbeitsleben lang ausüben kann - manche brauchen die körperlichen Kräfte eines jungen Menschen, manche die psychische Stabilität eines älteren. Manche zehren an den Nerven, andere an den Bandscheiben. Und einige verlangen nach dem raren Talent, alle diese Anforderungen mitsamt der entsprechenden Belastbarkeit gleichzeitig mitzubringen - aber das halten auch die Besten nur recht kurze Zeit aus.

Das gilt für viele Sozialberufe. Hier hat sich über Jahrzehnte eine recht bequeme Jobrotation ergeben: Jedes Jahr kommen neue Zivildiener, üben um wenig Geld eine oft ziemlich belastende Tätigkeit aus und verabschieden sich im Regelfall in einen ganz anderen Beruf. Wenn nun die SPÖ auf eine Professionalisierung des Wehrdienstes hinarbeitet, dann wird dieses System rasch kippen.

Schon jetzt ist das Wehrsystem ja von einem hohen Maß an Freiwilligkeit geprägt - es herrscht de facto Wahlfreiheit zwischen Wehr- und Zivildienst. Jede weitere Lockerung bedeutet: Künftig geht zum Heer, wer dorthin will - und wer nicht will, muss nicht unbedingt Zivildienst leisten.

Nun muss man davon ausgehen, dass der freie Wille, der ins Heer oder zu den Sozialorganisationen führt, von materiellen Interessen gesteuert wird: Über kurz oder lang wird Soldat ein Job wie viele andere - und auch die Arbeit von Zivildienern wird auf dem Arbeitsmarkt als eine von vielen Möglichkeiten angeboten werden. Ein "sanfter Zwang", die eine oder andere Tätigkeit anzunehmen, ist völlig unrealistisch (und gleichheitswidrig). Entweder gibt es den Zwang und alle müssen dienen - oder es gibt eben keinerlei Verpflichtung.

Dabei gibt es eine interessante Parallele, die man jetzt schon bedenken muss: Auch das Soldatenhandwerk sollte nicht lebenslang ausgeübt werden - vernünftig konzipierte Berufsarmeen funktionieren nach dem Modell "up or out". Wer sich nicht für den nächsthöheren Dienstgrad mit einer entsprechend höherwertigen Verwendung qualifiziert, muss die Uniform ablegen. Weil man keine 50-jährigen MG-Schützen brauchen kann, wird man laufend junge Männer rekrutieren, die das Soldatentum "von der Pike auf" (wie es sinnigerweise nach der mit Spießen bewaffneten einfachen Infanterie des Mittelalters heißt) lernen und sich entweder hochdienen oder ins Zivilleben zurückkehren.

Dem einfachen Gewehrträger als Nachfolger des Pikiers wird man mehr Sold bieten müssen als seinerzeit - aber man wird ihm nur in den seltensten Fällen ein Karriereversprechen machen können.

Und ganz ähnlich muss es bei den sozialen Diensten sein, wo derzeit Zivildiener tätig sind. Sozialminister Rudolf Hundstorfer, ein bewährter Gewerkschafter, hat schon angedeutet, in welche Richtung es geht: Wer ein freiwilliges soziales Jahr absolviert, kann nicht wie bisher mit einem Taschengeld abgespeist werden - man wird auch in den Sozialberufen marktgerecht und kollektivvertragsgemäß zahlen müssen.

Das wird für einige Einsatzbereiche höhere Budgets erfordern. Andere Stellen, die bisher mit Systemerhaltern oder Zivildienern gearbeitet haben, werden auf diese Annehmlichkeit künftig ganz verzichten müssen.

Insgesamt aber wird die nun immer wahrscheinlicher werdende Umstellung des Wehrsystems mehr bezahlte Jobs und weniger Leerlauf bedeuten. (Conrad Seidl, DER STANDARD, Printausgabe, 13.1.2011)

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