Kreiskys Schatten

12. Jänner 2011, 19:26
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Kreisky war im wahrsten Sinne des Wortes ein Verführer

Noch vor seinem Rücktritt als Bundeskanzler antwortete Bruno Kreisky in einem langen Gespräch mit dem früh verstorbenen großen Journalisten Kurt Vorhofer auf dessen Frage, ob er sich einmal ein Denkmal an der Wiener Ringstraße wünschen würde: "Meine Eitelkeit erschöpft sich nicht in solchen Dingen (...) Das eigentlich Allerliebste wäre mir, wenn die Leut' sich einmal erinnerten: Na ja, damals, das war eine gute Zeit, in der haben wir uns aus dem Sumpf des Alltäglichen herausgearbeitet und haben dem Land ein bissl Profil gegeben."

Wenn er also heute lesen könnte, dass laut der letzten Umfrage 59 Prozent der Österreicher ihn, den Großbürgersohn jüdischer Herkunft, den Sozialisten, den erst 40-jährig aus dem Exil in Schweden zurückgekehrten diplomatischen Anfänger als den bedeutendsten Bundeskanzler, weit vor Figl und Raab, halten, wäre er wohl zufrieden gewesen.

Er war der erste (und wohl letzte) Kanzler, der Österreich in einer Art "stillen Koalition" mit uns in- und ausländischen Journalisten regierte. Wie Furche-Herausgeber Heinz Nußbaumer in einem bemerkenswerten Artikel jetzt betonte, konnte Kreisky durch seine Bildung und Weltläufigkeit, seine Fantasie und Dialektik in jedem von uns in einer unverwechselbaren Gefühls- und Erinnerungswelt Faszination wecken.

Hugo von Hofmannsthal schrieb einmal: "Politik ist Magie. Wer die Mächte aufzurufen weiß, dem gehorchen sie." Kreisky war im wahrsten Sinne des Wortes ein Verführer. Seine Hausmacht war das gesprochene und geschriebene Wort. Seine unnachahmliche Art, weltbekannte Publizisten, aber auch junge Reporter, Großindustrielle, aber auch radikale Studenten in seinen Bann zu ziehen. Ich hatte das Glück, ihn zwischen 1960 und 1990, zuerst als Financial Times-Korrespondent, aus der Nähe als Schrittmacher der Ostpolitik (lange vor Brandt) und als Kanzler der Reformen, als (nur scheinbar) mächtigen Parteichef und als murrenden, halbblinden Pensionisten beobachten, beschreiben und bewundern zu können.

Welcher österreichische oder auch deutsche Politiker konnte sich das leisten, einen bürgerlichen Spitzenpolitiker, also von der "anderen Seite", wie den ÖVP-Klubobmann Stephan Koren zum Nationalbankpräsidenten oder den Katholiken Rudolf Kirchschläger zum Außenminister und dann gegen großen innerparteilichen Widerstand zum (erfolgreichen) Präsidentschaftskandidaten zu befördern? Nicht nur in dieser Hinsicht hatte Kreisky den Mut zum Unvollendeten.

Der pausenlos agierende und improvisierende "Zauberer" löste freilich nicht nur Bewunderung, sondern gerade in den obersten SPÖ-Gremien, ja sogar in Kreiskys engerem Kabinett Ressentiments, um nicht zu sagen Hassgefühle aus. Dass heute von Leuten, die ihn entweder gerade in der interessantesten Zeit nicht einmal gekannt oder von "links" bekämpft hatten, ein Kreisky-Festival mitgestaltet wird, gehört ebenso zur Welle der Nostalgie und der Zweitverwertung in Bild und Schrift wie die Tatsache, dass die fairsten und intelligentesten Kreisky-Wertungen von seinem verstoßenen Kronprinzen, dem heute so erfolgreichen Hannes Androsch, stammen. (Paul Lendvai/DER STANDARD, Printausgabe, 13.1.2011)

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