Streitobjekt Heeresreform: Zivildiener in Geiselhaft?

12. Jänner 2011, 18:19
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Protestbrief eines altgedienten "Drückebergers" - Von Rudi Leo

Es ist im Jahr 1979, als ich meine "Stellungskommission" in Zell am See absolvieren muss. Das Formular für den Zivildienstantrag muss ich dreimal urgieren, bis es schließlich unter dem Tisch gefunden wird. Die Herren Generäle vom Bundesheer haben keine Freude mit meiner Entscheidung. Und tun dies auch kund. "Drückeberger" ist das freundlichste, was ich zu hören bekomme.

Es ist im Jahr 1981, als ich meine "Gewissensprüfung" in Salzburg machen muss. Ein gutes Dutzend Männer will wissen, warum ich nicht zum Bundesheer will. Die Herren Generäle in der Kommission gehen davon aus, dass ich "gewisse Gründe" habe und keine Gewissensgründe. Stimmt. Ich will keinen Kriegsdienst machen. Ganz einfach.

Es ist im Jahr 1982, als ich den Zivildienst beim Roten Kreuz in Radstadt mache. Ich hole Verletzte aus kaputten Autos, trage SkifahrerInnen mit gebrochen Rippen von den Skipisten, helfe bei Geburten und fahre alte Menschen vom Altersheim ins Krankenhaus zur Dialyse. Ich bereue keinen Tag. Im Gegenteil. Den Hohn und Spott der Herren Generäle nehme ich gerne in Kauf.

Das Gewissen der Generäle

Es ist im Jahr 2011, die längst fällige Reform des Bundesheers steht an. Endlich. Nun sind es genau diese Herren Generäle, die den Zivildienst entdecken. Eine Reform des Bundesheers geht gar nicht, so der Tenor der Herren, weil dann müsste auch der Zivildienst abgeschafft werden. Hunderte Organisationen müssten um teures Geld Leistung zukaufen. Das Sozialsystem würde zusammenbrechen, so die Argumentation der Militärs.

Meine Herren, möchte man rufen, geht es euch noch gut? Ich brauche eure Geiselhaft nicht, nein ich verwahre mich entschieden dagegen!

Ja, ich und viele meiner Zivildienstkollegen haben den Schritt zum Zivildienst aus "gewissen Gründen" gemacht. Wir waren bereits damals der Meinung dass das Bundesheer dringend reformiert werden muss.

Wir haben uns für Kranke, Behinderte und Alte entschieden ("fürs Arschauswischen", wie ihr das damals mit militärischer Akkuratesse benannt habt) und gegen das Saufen in der Militärkantine. Also, bitte lasst uns jetzt aus dem Kraut. Darum, habt Acht, links um - und wo immer ihr hinwollt, aber ohne uns.

Klar braucht Österreichs Sozialsystem auch weiterhin Unterstützung, also warum nicht einmal den Spieß umgedreht. Nehmen wir das Geld eurer Panzer, Flugzeuge und Kasernen und finanzieren wir ein gutdotiertes soziales Jahr für Männer und Frauen. Wer zum Militär möchte, soll durch die Gewissensprüfung. Den Vorsitz übernehmen wir Zivis gerne. (Rudi Leo, DER STANDARD, Printausgabe, 13.1.2011)

RUDI LEO ist Pressesprecher von Landesrat Rudi Anschober (Grüne Oberösterreich).

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