Korruptionsvorwürfe gegen Premier Putin

12. Jänner 2011, 18:23
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Am Schwarzen Meer soll ein Palast für eine Milliarde US-Dollar entstehen, ein Geschäftsmann erhebt schwere Vorwürfe

Moskau - Das Anwesen ist sogar aus dem All zu erkennen. Seit 2006 lässt sich auf Satellitenbildern der Bau eines Prunkbaus in der Nähe des Dorfes Praskowejewka am Schwarzen Meer verfolgen. Schenkt man den jüngsten Enthüllungen des russischen Geschäftsmannes Sergej Kolesnikow Glauben, entsteht dort für eine Milliarde US-Dollar (rund 770 Millionen Euro) ein Zarenpalast für Premier Wladimir Putin.

In einem vierseitigen Brief an den russischen Präsidenten Dimitri Medwedew, der auf der Internetseite www.corruptionfreerussia.com veröffentlicht wurde, erhebt Kolesnikow ungeheuerliche Vorwürfe gegen den Regierungschef. Der Prachtbau sei durch Spenden von Oligarchen, die eigentlich für die Anschaffung von medizinischem Equipment für Kliniken in St. Petersburg gedacht waren, finanziert worden.

35 Prozent davon flossen auf ein Offshore-Konto, das für das "Projekt Süden" vorgesehen war, schreibt Kolesnikow, der für die zuständige medizintechnische Firma Petromed arbeitete und sich nun ins Ausland abgesetzt hat. Offiziell gehört der Palast einem Strohmann, Nikolaj Schamalow, der bis 2008 Repräsentant des deutschen Konzern Siemens für Nordwestrussland war.

Das "Projekt Süden" besteht aus einem Palast, einem Casino, einem Winter- und einem Sommertheater, einer Kapelle, einem Schwimmbad, einem Fitnesscenter, Hubschrauberlandeplätzen, einem Teehäuschen, Häusern für das Personal und einem eigenen Weingut. Die Zufahrtsstraße zu dem Anwesen soll mit Staatsgeldern gebaut worden sein. Selbst zum Höhepunkt der Wirtschaftskrise 2009, als landesweit alle Kräne standen, sei der Bau des Palastes fortgesetzt worden sein, kritisiert der Geschäftsmann.

Kompromat, das russische Wort für kompromittierendes Material, spielt eine wichtige Rolle in Wahlkampfzeiten. Ein Jahr und zwei Monate vor der Präsidentenwahl ist der Wahlkampf in Russland im vollen Gange - auch wenn er sich vor allem hinter den Kulissen abspielt. Die Frage, ob der amtierende Präsident Dimitri Medwedew oder dessen Vorgänger Wladimir Putin, 2012 in den Kreml einziehen wird, hängt auch davon ab, welches Team erfolgreicher darin ist, alte Schmutzwäsche hervorzukramen.

Es war wohl kein Zufall, dass der russische Politologe Stanislaw Belkowski kurz vor der letzten Präsidentenwahl im Jahr 2008 gegenüber der britischen Tageszeitung "The Guardian" enthüllte, dass Putin nicht nur der reichste Mann Russlands, sondern auch Europas sei.

Insgesamt soll der ehemalige Geheimdienstboss auf geheimen Konten in der Schweiz und Luxemburg mindestens ein Vermögen von 40 Milliarden US-Dollar (rund 30 Milliarden Euro) angehäuft haben. Laut Belkowski hält Putin bedeutende Anteile am Ölkonzern Surgutneftegas und an Gasprom.

Belegen konnte Belkowski seine Vorwürfe damals jedoch nicht. Und auch diesmal lässt der Pressesprecher des Regierungschefs die Anschuldigungen aufs heftigste dementieren. Putin habe keinerlei Beziehungen zu dem Skandalbau. Das Wall Street Journal, das Einblick in Kolesnikows Dokumente erhielt, bezeichnete sie jedoch als glaubwürdig. (Verena Diethelm aus Moskau, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.1.2011)

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    Wladimir Putin (links und) Russlands Präsident Dmitri Medwedjew am Schwarzen Meer.

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