Millionenstadt Brisbane vom Hochwasser lahmgelegt

12. Jänner 2011, 19:05
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Tausende Stadtbewohner türmten Sandsäcke auf und brachten sich in Sicherheit: Eine Stadt im Ausnahmezustand

Schweiß rinnt John Stern von der Stirn. Gemeinsam mit seinen Kumpeln schaufelt er auf der Ladefläche eines Lastwagens Sand in Jutesäcke und wirft sie auf den Gehsteig. Von dort bringen seine Freunde die Säcke zu einem nahegelegenen Laden und türmen sie vor der Schaufensterscheibe hoch. "Noch fünf Tonnen" sagt Stern, "dann haben wir es."

Sand ist in diesen Tagen in Brisbane Gold wert. Sogar an der Touristenmeile, der South Bank, graben Anwohner ihn aus dem künstlichen Strand, auf dem sie sich sonst sonnen. Der 24-jährige Barmann Stern ist einer von tausenden Bewohnern der Stadt, die am Mittwoch ihr Restaurant, ihren Laden, ihr Haus mit einer Wand von Sandsäcken überflutungssicher machen wollten.

Gespenstische Stille

Die Innenstadt von Brisbane Mittwochnachmittag: Auf den ersten Blick herrscht Normalität: Sonnenschein, 29 Grad. Touristen machen Fotos. Doch die Eisdiele ist geschlossen, wie fast alle Geschäfte. Es herrscht gespenstige Stille. Verkehr gibt es kaum, die Busse fahren nicht mehr und die Bahn hat nur wenige Dienste in Betrieb, bis auch diese eingestellt werden.

In weiten Teilen der Stadt gibt es keinen Strom - aus Sicherheitsgründen. Doch den braucht in den Bürotürmen ohnehin niemand. Beamte oder Angestellte, Chefs oder Hilfsarbeiter - alle sind zu Hause und versuchen zu retten, was zu retten ist.

Zwar heißt es im Laufe des Mittwochs, der zunächst befürchtete Pegelhöchststand von 5,5 Metern werde doch nicht erreicht werden. Doch schon die am Abend gemessenen 4,1 Meter bringen großflächige Zerstörung. Tausende Bewohner müssen ihre Häuser verlassen, als sich das Wasser durch die Kanäle, Gassen und Straßen frisst wie ein schlammig braunes Krebsgeschwür, unaufhaltbar und gnadenlos. Mit bis zu 40.000 überfluteten Häusern rechnen die Behörden.

"Über 80 Stadteile sind gefährdet", warnt Bürgermeister Campbell Newman, man solle die Häuser sofort verlassen, "nicht erst, wenn Ihnen das Wasser an der Hüfte steht". Am Abend befinden sich hunderte Menschen in Lagern. Die meisten Evakuierten sollen aber bei Freunden untergekommen sein.

Stummes Staunen

Am Ufer des Flusses beobachten Anwohner mit stummem Staunen die gigantischen Wassermassen, die vom Hinterland im Westen in Richtung Meer rauschen. Es ist keine Springflut wie die, die am Montag das 130 Kilometer entfernte Toowoomba und die Dörfer im Lockyer Valley überrascht hatte und für mindestens zehn der bisher zwölf bestätigten Todesopfer verantwortlich war.

Doch der Brisbane River reißt alles mit, was ihm in Ufernähe in den Weg kommt: Mülltonnen, Wassertanks, Bootsstege, Segeljachten, vereinzelt auch Kühe. Vor ein paar Stunden sei ein bekanntes Schiffsrestaurant, das immer am Ufer des Stroms angekettet war, an ihm vorbei getrieben in Richtung Meer, sagt Anwohner Freddy Stewart. Medien berichten von einem ersten Todesopfer in Brisbane: Ein Vierjähriger soll aus einem Rettungsboot gefallen sein.

Ökonomen schätzen, dass die Schäden, die Queensland und der australischen Konjunktur in den letzten Wochen entstanden sind, in die Milliarden gehen. Ernteausfälle in der Landwirtschaft und Produktionsausfälle in der Bergbauindustrie werden in den nächsten Monaten deutlich auf das Wachstum drücken. Die wirklich große Unbekannte ist aber das Ausmaß der Schäden an Privateigentum und Infrastruktur. Tausende Häuser müssen renoviert oder komplett neu gebaut werden. Im Lockyer Valley sind Teile eines Dorfes weggespült worden.

"Wir müssen in dieser düsteren Stunde zusammenhalten", sagt die Ministerpräsidentin von Queensland, Anna Bligh. Nachbarn helfen Nachbarn, Freunde helfen Freunden, Junge helfen Alten. Doch auch wenn das Wasser sich irgendwann wieder zurückzieht, kann es jederzeit wiederkommmen. (Urs Wälterlin, DER STANDARD Printausgabe, 13.1.2011)

  • Häuser westlich von Brisbane, die bis zum Dach im Wasser versanken, das auch die Millionenstadt überschwemmte
    foto: epa/hunt

    Häuser westlich von Brisbane, die bis zum Dach im Wasser versanken, das auch die Millionenstadt überschwemmte

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