"Unwahrscheinlich, dass Portugal davonkommt"

12. Jänner 2011, 17:49
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Trotz einer erfolgreichen Anleihenauktion wird die Regierung in Lissabon Finanzhilfe brauchen, sagt der portugiesische Ökonom Francisco Gomes

Trotz einer erfolgreichen Anleihenauktion wird die Regierung in Lissabon Finanzhilfe brauchen, sagt der portugiesische Ökonom Francisco Gomes zu András Szigetvari. Das Land habe nicht genügend gespart.

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STANDARD: Portugal hat seine Anleihen erfolgreich am Markt platziert. Ist das Land über den Berg?

Gomes: Nein. Der Zinssatz von 6,7 Prozent, zu dem die Anleihen verkauft wurden, ist zwar ein gutes Zeichen. Die Investoren haben in den vergangenen Wochen schon mehr für unsere Papiere verlangt. Aber gegeben wurde jetzt nur eine kleine Anleihe. Im Lauf des Jahres muss weit mehr geholt werden. Bestenfalls haben wir uns also etwas mehr Zeit verschafft. Und selbst das ist nicht sicher: Zuletzt haben institutionelle Anleger wie die Europäische Zentralbank und die Japanische Notenbank angekündigt, portugiesische Anleihen zu kaufen. Stellt sich in den nächsten Tagen heraus, dass die Lage sich nur dank dieser Interventionen beruhigt hat, wird alles schnell wieder chaotisch.

STANDARD: Die meisten Bankanalysten gehen fix davon aus, dass Portugal Finanzhilfe beantragen wird. Sie auch?

Gomes: Portugal hat schon vor der Finanzkrise große strukturelle Probleme gehabt, und die Regierung hat dagegen bisher nicht sehr viel unternommen. Auf positive Impulse aus dem Inland sollte also niemand hoffen. Andererseits wird die Europäische Zentralbank mit ihren Interventionen weiter versuchen, ein Bailout zu verhindern. Das Interesse ist klar: Bisher sind die Staaten einer nach dem anderen gefallen. Zuerst Griechenland, dann Irland und jetzt Portugal. Fällt Portugal, wird's ernst für Spanien, und das will niemand. Die Frage ist also nur, ob die EZB-Interventionen ausreichen werden. Ich halte es für unwahrscheinlich, dass Portugal davonkommt.

STANDARD: Sie sagen, die Regierung hat bisher nichts unternommen. Aber Portugal spart doch, die Mehrwertsteuer wurde von 21 auf 23 Prozent erhöht, Beamtengehälter um fünf Prozent gestrichen.

Gomes: Wenn jemand fünf Prozent seines Gehalts verliert, ist das schmerzlich. Aber das Budget wird damit nicht saniert. Und an anderen Stellen hat die Regierung bisher nicht angesetzt. Einkommenssteuern wurden so gut wie gar nicht angehoben: Weder die Unternehmens-, Gewinn- noch die Kapitalsteuern wurden erhöht. Das wäre aber ebenso notwendig wie eine breite Erhöhung der Lohnsteuern - andere Länder haben all das ja getan.

STANDARD: Die portugiesische Wirtschaft kann sich aus der Rezession nicht erholen. Was ist eigentlich der Grund dafür?

Gomes: Die spannendere Frage ist nicht, wieso es der Wirtschaft schlecht geht, sondern wieso es der Wirtschaft überhaupt lange gut gegangen ist. Mir scheint, dass das hohe Wachstum im Land lange vom starken Zufluss an EU-Fördermittel angetrieben war. Nach den EU-Osterweiterungen 2004 und 2007 wurden die Fördermittel gestrichen, die Basis für das Wachstum brach weg. Zudem wurden viele Reformen zu lange herausgezögert. Der staatliche Sektor ist zuletzt explosionsartig gewachsen, was auf Investoren abschreckend wirkt.

STANDARD: Die EU überlegt, den Rettungsschirm auszuweiten. Würde das helfen?

Gomes: Ja, das glaube ich schon. Es wäre ein Zeichen in Richtung der Spekulanten: Ihr könnt noch so gegen einzelne Länder wetten, wir haben genug Geld, um Portugal und Spanien die nächsten drei, vier Jahre durchzufinanzieren. Dagegen würde nicht viele ankämpfen wollen.

STANDARD: Spielen Spekulationen bei der Zuspitzung der Krise rund um Portugal eine Rolle?

STANDARD: Ja. Im selben Ausmaß wie bei Griechenland und Irland. Es gibt natürlich strukturelle Probleme für die Krise, aber Spekulationskäufe von Anleihen und CDS (Credit Default Swaps sind Anleihenbesicherungen, Anm.) tragen natürlich zur Krise bei. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.1.2011)

FRANCISCO GOMES begann seine Karriere bei der portugiesischen Nationalbank, später unterrichtete er in Harvard. Derzeit lehrt er an der London Business School Finanzwirtschaft.

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