"Drei": Zahlenmystik und andere Liebesspiele

12. Jänner 2011, 17:16
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Regisseur Tom Tykwer hat sich eine originelle Variation der Dreiecksbeziehung ausgedacht: Sophie Rois, Sebastian Schipper und Devid Striesow machen "Drei" trotz phasenweisen Bedeutsamkeits-Overkills sehenswert

Wien - Schon in den ersten zwanzig Minuten passiert so viel wie sonst in einem ganzen Film. Wir lernen die Fernsehkulturjournalistin Hanna (Sophie Rois) und ihren Langzeitlebensgefährten, den Kunsthandwerker Simon (Sebastian Schipper), kennen. Wir kommen herum: Schwimmbad, Wohnung, Arbeit, Theater. Geschäftliche Schwierigkeiten werden weggeredet, eine Untersuchung beim Urologen findet statt, und der Ethikrat tagt. Dort kommt der Genetiker Adam (Devid Striesow) ins Spiel. Bald darauf sitzt spontan er statt Simon neben Hanna in einer Vorstellung von Robert Wilsons Inszenierung der Shakespeare-Sonette.

Das Paar hat sich damit zum Dreieck erweitert. Aber diese Konstellation hat in Tom Tykwers jüngstem Film, der den Titel Drei trägt, mehr Entfaltungsspielraum, als ihr üblicherweise zugestanden wird. Die Rechnung, wonach drei Personen auch drei unterschiedliche Zweierkombinationen eingehen können, wird ausgeführt. Das Spielerische und das Berechnende, das darin liegt, ist ein Charakteristikum der Tykwer-Filme, und es macht auch diesen jüngsten Film höchst interessant und phasenweise unerträglich.

Wir sind in Berlin, im Beziehungsalltag gut ausgebildeter und situierter Fortysomethings. Nach den international ausgerichteten Großprojekten der vergangenen Jahre - deren letztes denn auch The International hieß - dockt Tykwer mit einer eigenwilligen Romantic Comedy jetzt wieder ans deutsche Autorenkino an. Mit Drei fühlt man sich außerdem ans Frühwerk des inzwischen 45-jährigen Regisseurs erinnert, vor allem an seinen zweiten Spielfilm Winterschläfer von 1997. Schon damals hat Tykwer, der so gern von Zu- und Unfällen und Unwägbarkeiten erzählt, nichts dem Zufall überlassen.

Das führt zum Signifikanzoverkill. Selbst wenn Drei manches fast selbstironisch zuspitzt (wie den Selbstmordversuch einer Zahlenmystikerin mit "39 Valium am 3. 9. um drei nach neun"), wirken bedeutungsvolle Namen wie Adam Born und Hanna Blum oder eine Inszenierung, die immer wieder privates Glück und Unglück mit den medial omnipräsenten Weltkatastrophen koppelt, einfach affig.

Spielerische Leichtigkeit

Dass sich trotzdem vieles in diesem Film richtig und gut anfühlt, das liegt an den Schauspielern und daran, wie leicht und scheinbar selbstverständlich sie die Figuren spielen, ihre treffend geschriebenen Sätze modulieren: Sophie Rois, die in Drei nach längerer Leinwandabstinenz als unumschränkte Leading Lady agiert, aber dabei immer Teamspielerin bleibt. Der TV- und Kinoroutinier Striesow, der Adams Unverbindlichkeit langsam kippen lässt. Und der Regisseur und Teilzeitschauspieler Schipper, in Tykwer-Filmen seit langem in Nebenrollen präsent, der Simons Handeln die angemessene Unsicherheit und Nuanciertheit verleiht.

Außerdem zieht einen die Erzählung von Anfang an in den Bann. Drei, der im September beim Festival von Venedig uraufgeführt wurde und bereits seit Weihnachten in den deutschen Kinos läuft, ist souverän komponiert. Mathilde Bonnefoy, Tykwers Haus-Cutterin, sorgt für eine geschmeidige, dynamische Erzählung. So bleiben Aufbau und Verlauf der Erzählung lange Zeit spannend.

Der Vollzug der Geschichte ist dann aber leider ein ärgerlicher Rückfall in jenes "deterministische Biologieverständnis", das Tom Tykwer seinen Figuren zuvor schon fast erfolgreich abgewöhnt hatte.  (Isabella Reicher / DER STANDARD, Printausgabe, 13.1.2011)

Ab Freitag im Kino

  • Eine von drei möglichen Kombinationen, wenn drei Menschen sich einander 
jeweils zweisam verbunden fühlen: Devid Striesow (li.) und Sebastian 
Schipper in 
Tom Tykwers Romcom "Drei".
    foto: filmladen

    Eine von drei möglichen Kombinationen, wenn drei Menschen sich einander jeweils zweisam verbunden fühlen: Devid Striesow (li.) und Sebastian Schipper in Tom Tykwers Romcom "Drei".

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