Endlager-Pläne in Tschechien lassen NÖ kalt

13. Jänner 2011, 07:08
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Nahe der niederösterreichischen Nordgrenze könnte Tschechien ein Atommüllendlager bauen. Im Wald­­viertel nimmt man es gelassen

Wien - Spätestens bis zum Jahr 2015 will die tschechische Behörde für Nuklear-Abfallentsorgung Surao entschieden haben, an welchen beiden Standorten der Atommüll aus den beiden tschechischen Atomkraftwerken Temelin und Dukovany endgelagert werden kann. Im "Rennen" für potenzielle Standorte ist etwa ein Gelände nahe der Ortschaft Lodherov, die wiederum nur 30 Kilometer von Litschau (Bezirk Gmünd) entfernt liegt. Auch der Sicherheitsabstand von Budisov und Rohozna-Ruzena zu Niederösterreichs Nordgrenze ist mit jeweils rund 50 Kilometern überschaubar.

Neben vier militärischen Arealen hat Surao insgesamt sechs tschechische Gemeinden als potenzielle Standorte in die engere Wahl genommen. Hier sollen zumindest einmal die geologischen Voraussetzungen für eine "Versiegelung" in 500 Metern Tiefe untersucht werden. "Ohne diese können die beiden möglichen Orte für das Endlager nicht bestimmt werden", sagte Tomas Hüner, stellvertretender Minister für Industrie und Handel und Surao-Eigentümervertreter, in einem Interview mit Radio Prag. So wie im Mühl- und Waldviertel würde sich in den tschechischen Landkreisen Südböhmen und Vysocina der vorhandene Granit beim Bau einer unterirdischen Lagerstätte für nuklearen Abfall als Schutzmantel eignen.

Uneinigkeit über beste Lösung

Unter Experten herrscht keineswegs Einigkeit darüber, dass unterirdische Endlagerung die beste aller Lösungen ist. Zur Diskussion steht auch eine oberirdische Variante, die manch einer trotz eines erhöhten Aufwands hinsichtlich Bewachung für sinnvoller hält: Man hätte den Müll und seine Ummantelung besser unter Kontrolle und könnte "umlagern", wenn bessere Materialien gefunden werden. Tatsächlich ist eine mögliche Inbetriebnahme eines solchen Endlagers für atomare Brennstäbe zeitlich gesehen vermutlich noch relativ weit entfernt. Derzeit wird etwa der "Atommüll", der im Atomreaktor Temelin produziert wird, auch dort zwischengelagert - potenziell bis zum Jahr 2065. 

Druck für eine europaweite Lösung kommt allerdings von Seiten der EU. Geht es nach der Union, sollen die Mitgliedstaaten zum Bau von geologischen Endlagern verpflichtet werden. Dies sieht ein Richtlinienvorschlag vor, den EU-Energiekommissar Günther Oettinger im November vorgelegt hat. Nach EU-Schätzungen fallen in der Union jährlich rund 7.000 Kubikmeter Atommüll an, angesammelt in Zwischenlagern, die sich meist in der Nähe oder am Gelände eines AKW befinden.

Die Endlagerfrage ist weltweit quasi ungelöst. Sollten sich die EU-Staaten heuer auf die Richtlinie einigen, könnte diese 2013 in Kraft treten. Frühestens 2015 müssten die EU-Staaten dann detaillierte nationale Atommüll-Entsorgungspläne in Brüssel vorlegen und von der EU-Kommission genehmigen lassen. Für hochradioaktiven Atommüll will die Kommission tief unter der Erde gelegene geologische Endlager vorschreiben. Vorgaben zu Tiefe oder zur Auswahl der Lagerstätte gibt es aber nicht. Die Richtlinie soll die EU-Staaten auch verpflichten, die Kosten für die Entsorgung radioaktiver Abfälle zu kalkulieren und nachzuweisen, dass Geld für entsprechende Anlagen zur Verfügung steht. Geschätzt werden die Kosten auf vier Prozent der Stromproduktion.

Bürger gegen Endlager

In der Bevölkerung in den betroffenen tschechischen Regionen gehen jedenfalls die Wogen bereits seit geraumer Zeit hoch, sagt zumindest Roland Egger von der Initiative "atomstopp oberösterreich". In mehreren Referenden hätten sich die Bewohner der in Frage kommenden Gemeinden mit überwältigender Mehrheit gegen Atommüll-Deponien ausgesprochen. Auch wenn die tschechische Bevölkerung Atomkraftwerke viel weniger als Bedrohung zu sehen scheint, als dies hierzulande der Fall ist, hält man offenbar ein Endlager in der eigenen Gemeinde durchwegs für verzichtbar. Laut Egger liegt die Ablehnung bei 99 Prozent. Er ortet aber auch wenig Freude bei der Bevölkerung diesseits der Grenzen. Weniger Widerstand erwarte Sorao wohl, wenn man auf militärische Areale ausweiche, so Egger. Geprüft werden Gebiete in Boletice (Böhmerwald) und Hradiste (Bezirk Karlsbad). Tatsächlich könnte Tschechien aber auch damit spekulieren, gemäß dem EU-Richtlinienvorschlag "Gemeinsam lagern" seinen Atommüll vielleicht in Deutschland unterzubringen: "Deswegen ist ja der Widerstand in Gorleben so groß." Möglicherweise will man in Tschechien die Sache aber auch im Land rasch erledigen, weil die EU-Kommission den Staaten vorschreiben will, dass sie bei der nuklearen Abfallentsorgung in einen Dialog mit den Bürgern treten und diese an den Entscheidungen beteiligen muss.

Die benachbarten Waldviertler Gemeinden hätten dabei zwar nichts mitzureden, aber dort sieht man die Sache ohnehin eher gelassen - zumindest derzeit und von offizieller Seite. "Bei uns ist das jetzt überhaupt kein Thema", sagen Christian Schlosser, Bürgermeister der niederösterreichischen Grenzgemeinde Reingers, und der Gmünder Bürgermeister Otto Opelka unisono. (Regina Bruckner, derStandard.at, 13.01.2010)

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    Symbole des Widerstands gegen Atomkraft und Atommülltransporte - allerdings in Deutschland und nicht in NÖ.

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