Grenzgänge der Seele

Die Welt in "Grau" gehüllt

Maria Kapeller, 18. Jänner 2011, 16:57
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    foto: uschi dreiucker/www.pixelio.de

    Depressive Menschen erkennen Schwarz-Weiß-Kontraste anders als Gesunde.

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    Ludger Tebartz van Elst, Leiter der Sektion Experimentelle Neuropsychiatrie der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie an der Uniklinik Freiburg.

Der Freiburger Forscher Ludger Tebartz van Elst über die Erkenntnis, dass Depressive ihre Umwelt anders wahrnehmen, als gesunde Menschen

Die Farben grau und schwarz werden häufig mit Melancholie und Depressivität in Verbindung gebracht. Wer etwa "Schwarzmalerei" betreibt, zeichnet ein pessimistisches Bild, befürchtet das Schlimmste. Man sagt auch, dass Depressive ihre Umwelt "grauer" sehen als gesunde Menschen. Das ist jetzt sogar wissenschaftlich bewiesen: Freiburger Forscher aus den Bereichen Psychiatrie/Psychotherapie und Augenheilkunde haben mittels einer objektiven elektrophysiologischen Methode herausgefunden, dass depressive Menschen Schwarz-Weiß-Kontraste tatsächlich anders erkennen als Gesunde - derStandard.at berichtete.

Mit dem für die Untersuchungen eingesetzten Muster-Elektroretinogramm ("pattern electroretinogram", PERG) lässt sich den Ergebnissen zufolge objektiv messen, ob ein Mensch depressiv ist oder nicht. Warum diese Diagnose bisher so schwierig war und inwiefern Depressive wirklich alles "grauer" sehen, erklärt Ludger Tebartz van Elst, Leiter der Sektion Experimentelle Neuropsychiatrie der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie an der Uniklinik Freiburg, im Interview mit derStandard.at

derStandard.at: Wie erkennen Ärzte bislang, ob eine Depression vorliegt?

Ludger Tebartz van Elst: Bislang ist die Diagnose einer Depression eine klinische Diagnose. Sie wird gestellt, wenn die typischen Symptome eines depressiven Syndroms wie Antriebsstörung, Konzentrationsstörung, niedergedrückte oder reizbare Stimmung, Lust- und Freudlosigkeit, Schlafstörung, Appetitstörung, Libidoverlust etc. nachhaltig vorhanden sind und es keine andere erkennbare Ursachen für diese Symptome, zum Beispiel Alkohol- oder Drogenkonsum, endokrinologische Erkrankungen wie Hypothyreose, andere Hirnerkrankungen etc., gibt.

derStandard.at: Warum war es bisher so schwierig, eine Depression beziehungsweise deren subjektiven Zustand zu diagnostizieren?

Ludger Tebartz van Elst: Gerade weil die Diagnose eine klinische Diagnose ist und es kein trennsicheres objektives Korrelat zum subjektiven Zustand der Depression gibt, ist es schwer, die Diagnose zu stellen. Sie ist wesentlich abhängig von den Angaben und Schilderungen des subjektiven Erlebens betroffener Menschen. Was der eine aber als "deprimierte Stimmung" bezeichnet kann zumindest in der Fremdbeobachtung für den anderen der Normalzustand sein. Die Unterscheidung kann schwer sein. Auch die Bedeutung von psychoreaktiven Stressoren ist oft schwer einzuschätzen, weil viele Menschen nicht zwischen Problemen wie Stress am Arbeitsplatz oder in den Beziehungen und Symptomen wie schlechte Stimmung oder Lustlosigkeit trennen.

derStandard.at: Die von Ihnen angewendete Untersuchungsmethode basiert auf der Reaktion der Netzhaut eines Menschen auf unterschiedliche Kontraste. Es zeigte sich, dass Depressive deutlich kleinere Antwortamplituden auf der Netzhaut vorweisen, Kontraste also abgeschwächt verarbeiten. Je schwerer die Depression desto geringer der Kurvenausschlag auf der Netzhaut bei Kontrastzunahme. Was lässt sich daraus schließen?

Ludger Tebartz van Elst: Der Befund ist erstaunlich stark für neuropsychiatrische Untersuchungen. Auf Rohdatenebene können die Signale Depressiver und Gesunder unterschieden werden. Das gibt es bislang fast nie. Wenn sich die Befunde so erhärten, dann stünde mit dieser relativ einfachen Messmethode ein Instrument zur Verfügung, welches den subjektiven Zustand einer Depression "objektivieren" könnte. Den Menschen könnte also eine Messung präsentiert werden, welche den wesentlich subjektiven Leidenszustand verdinglicht und damit für den ein oder anderen auch besser fassbar macht.

derStandard.at: Wie könnte diese Messmethode für die Forschung nützlich sein?

Ludger Tebartz van Elst: Man könnte zum Beispiel mithilfe der PERG Messungen die Wirkung von Medikamenten oder psychotherapeutischen Methoden objektiv belegen und wäre nicht mehr nur auf die Angaben der Patienten angewiesen.

derStandard.at: Kann man aufgrund der Untersuchungsergebnisse bestätigen, dass Depressive wirklich alles "grauer" sehen? 

Ludger Tebartz van Elst: Nein, denn man sollte bei Netzhautsignalen noch nicht von "wahrnehmen" sprechen. Die Bildwahrnehmung entsteht wahrscheinlich erst auf Ebene des visuellen Kortex im Okzipitalhirn. Diese beruht aber auf dem Input der Netzhaut, insofern spielt die Signalverarbeitung der Netzhaut natürlich eine wichtige Rolle für die bewusste visuelle Wahrnehmung. Der notwendig subjektive Charakter der bewussten Farbwahrnehmung "grau" oder "rot" kann nie sicher objektiv eingeholt werden. Darüber denken Philosophen und Erkenntnistheoretiker schon seit Jahrhunderten nach. In der Philosophie des Geistes wurde dafür der Qualia-Begriff geprägt. 

derStandard.at: Was genau kann man sich nun darunter vorstellen, wenn man sagt, Depressive würden ihre Umwelt "grauer" sehen als Gesunde? 

Ludger Tebartz van Elst: Ich persönlich stelle es mir so vor, als wenn man ein Foto zum Beispiel mit einem Computer nachbearbeitet und dann den Kontrast des Fotos reduziert. Man sieht immer noch das Gleiche und erkennt auch die gleichen Objekte. Dennoch sind die Bilder kontrastreicher oder kontrastärmer. Wenn ein depressiver Mensch nun Bilder kontrastärmer sieht, kann er dennoch alles sehen und lesen und er ringt um Worte, um zu beschreiben, was anders ist. Die meisten Menschen wählen dann Begriffe wie "alles ist grauer", oder "verschwommen" oder "milchig" oder ähnliches. Ich persönlich glaube, dass hinter der begrifflich-metaphorischen Schilderung von Depressivität und Melancholie in grauen, dunklen oder düsteren Farben in Kunst und Literatur letztendlich diese Erfahrung als Intuition stehen könnte. Das ist aber sehr schwer zu beweisen. 

derStandard.at: Weiß man, warum Depressive Kontraste anders verarbeiten?

Ludger Tebartz van Elst: Wir gehen von einer Störung dopaminerger Zellen in der Netzhaut aus. Die Zellen, die ja Teil des Gehirns sind, könnten wie ein Fühler eine Funktionsstörung von dopaminergen Zellen im so genannten limbischen System des Gehirn funktionieren. Diese limbische System zu dem zum Beispiel Strukturen wie die Amygdala oder der "Belohnungskern" Nucleus accumbens gehören, ist bekanntermaßen eng mit der Verarbeitung von Gefühlen und Emotionen verknüpft. Dieses Erklärungsmodell ist zwar nicht bewiesen aber plausibel und kann die Befunde gut erklären.

derStandard.at: Ihre Studie wurde Anfang April 2010 veröffentlicht. Gab es mittlerweile weitere Untersuchungen, wenn ja, mit welchen Ergebnissen?

Ludger Tebartz van Elst: Wir haben inzwischen Untersuchungen an anderen Patientengruppen und weiteren Gesunden mit sehr spannenden Befunden gemacht. Wir haben auch Daten zum Verlauf des PERG-Signals nach therapeutischem Ansprechen bei Depressiven. Da diese Daten aber noch nicht publiziert sind, kann ich dazu noch nichts Offizielles sagen. (Maria Kapeller, derStandard.at, 18.1.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 53
1 2
Heinzi1
 
00
19.1.2011, 15:24
kreizteifleini!

Kann man nicht voraussetzen, dass so interessante Beiträge ordentlich interpunktiert werden, notabene, wo der Anspruch jener einer Qualitätszeitung ist?

Spartaner13
01
19.1.2011, 14:14
Hilfe gegen Depressionen?

Schade, dass es noch nicht so eine tolle Hilfe gegen Depressionen gibt. Kannte eine tolle Frau, welche leider an Depressionen litt ... da wurde sie dann irgendwie total seltsam und wollte nichts und niemanden ... hatte keine Freude, keine Ziele ... sie hatte aber auch einen Mega-Stress in ihrem Leben - also kommt nicht von ungefähr.

Barbarin
20
19.1.2011, 17:09
...stimmt!

Depressionen kommen nicht zufällig...das ist ein Ergebnis aus vielen ungelösten Problemen/Verwirrungen/ungesunden Verhaltensmustern/Mangel an Verständnis für die eigenen Bedürfnisse!

Was hilft ist die Produktion der Glückshormone anzuregen (bin den Weg ohne Pillen gegangen), viel darüber sprechen (Therapie mit Profi wenn möglich) und versuchen sich selbst kennen zulernen und zu akzeptieren (vor allem die Schattenseiten...denn da liegt meist der Hund begraben). Zuerst wird es sehr viel schlimmer (wenn es dämmert)...aber es gibt Lösungen und Wege aus einer Depression, allerdings keinen einfachen oder schmerzlosen!

Empire CPSIII
01
20.1.2011, 14:16
"Lösungen und Wege aus einer Depression"

Gibt es nicht. Es gibt Bewältigungsstrategien aber keine Heilung in dem Sinn. Eine Depression ist chronisch und nicht mit einem depressiven Zustand gleich zu setzen. Wenn jemand mal depressiv ist hat er nicht gleich eine Depression.

Barbarin
10
20.1.2011, 16:58
Nein, eine Depression ist nicht...

...zwangsläufig chronisch! Und auch eine chronische ist heilbar, also nicht chronisch!

Spartaner13
01
20.1.2011, 11:11

Naja bei ihr waren wohl die "Schattenseiten" die Vergewaltigung ... dadurch wurde sie schwanger, studium, nachtjobs ... ist halt alles ein bissi viel.

Barbarin
10
20.1.2011, 11:47
Eine ehemalige WG-

-bewohnerin hatte/hat ein ähnliches Problem...wurde allerdings nicht schwanger (dafür war es der Opa, die Mutter wusste es hat sie nicht beschützt)...lange und beschwerlich und mit viel Tränen war/ist der Weg, aber ihr Zustand hat sich mittlerweile sehr gebessert...Gesprächstherapie...daraus resultierend mehr Vertrauen, mehr liebe Freunde, mehr Lebensfreude!

mediview
 
00
19.1.2011, 10:56
Exaktere Beweise....

Kann man mit dieser Methode auch den Modetrend Burn-Out in den Griff bekommen? Wird ja fälschlicherweise sehr oft mit Depression in einen Topf geworfen.
http://mediview.wordpress.com/2010/04/1... /burn-out/

Barbarin
11
19.1.2011, 11:14
Was ist der Unterschied?

...ist ein "Burn-out" nicht der traurige Höhepunkt einer Depression?

jose luis schuster
02
19.1.2011, 15:12

die depression ist eher der tragische höhepunkt des burn out.

Mary the Strange
02
19.1.2011, 13:27
Burn-Out

is ja eher eine Folge von Stress, Depressiv können Sie auch ohne Stress sein

Anton J. Helmreich
01
19.1.2011, 15:29

aber wenn sie depressiv sind haben sie auf jeden fall einen mordsstress, weil jede kleinigkeit unbewältigbar erscheint

Barbarin
20
19.1.2011, 17:11
Ja, sogar die Auswahl zb der Marke/...

...von Milch kann zu einer unlösbaren Aufgabe werden...weil unfähig sich zu entscheiden.

Barbarin
11
19.1.2011, 13:41
Depression ist...

...ein Stress, der von innen (ungesunde, unproduktive sich wiederholende Gedankengänge ohne Lösung und Ziel) von einem selbst erzeugt wird, meiner Meinung nach!

War selbt ein Jahr sehr depressiv...

Anton J. Helmreich
00
19.1.2011, 15:30

sehr gut beschrieben

Barbarin
10
19.1.2011, 17:02
Danke...

...weil selbst darunter gelitten und was bin ich froh, dass es mir wieder gut geht! :-)

LG
Barbara

Tethys
00
19.1.2011, 13:18

Nein. Nicht jeder Depressive leidet an Burnout. Depression ist eine mögliche Begleiterscheinung von Burnout.

Barbarin
10
19.1.2011, 13:42
...das glaube ich auch!

kwado
01
19.1.2011, 13:29

Ich bin medizinisch nicht gebildet, ich hätte "Burn-Out" der Überlastungsdepression gleichgesetzt.

fräulein potmesil
00
20.1.2011, 13:10

die Überlastungsdepression unterscheidet sich glaube ich vom Burn-out dahin, dass das burn-out sich über mehrere Jahre hin aufbaut, während eine Überlastungsdepression die Reaktion auf zuviel "auf einmal": z.B. Diplomarbeitschreiben, Familienangehöriger ernsthaft erkrankt und pflegebedürftig, Mietvertrag läuft aus und noch keine neue Wohnung in Sicht und als Sahnehäubchen z.b. Trennung vom Partner

kwado
01
19.1.2011, 12:21

Warum es dafür "ROT" gibt, ist mir ein Rätsel....

Barbarin
12
19.1.2011, 13:02
Ich haben einen Stalker...

...bei dem ich ins "Schwarze" getroffen haben zu einem anderen Thema (Feindbilder und warum Menschen einen Zwang/Hang dazu haben), dieser kann es nicht verwinden und verfolgt mich daher mit roten Stricherln.

Ich sehe es als Kompliment u. Bestätigung (nur was wahr ist tut weh u. verlangt nach Satisfaktion)...und ich ein weiterer Nebeneffekt...ich bin nie alleine. :-)

LG
B :-)

wann wenn nicht jetzt
11
19.1.2011, 12:52
Na ja,

vermutlich nur Faulheit.

Jemand ist halt anderer Meinung und zu faul oder zu antriebslos oder vielleicht sogar zu "depressiv" um selbst in die Tasten zu greifen - zwei Mausklicks gehen halt einfacher.

Barbarin
10
19.1.2011, 13:56
Mein Stalker hat sich...

...vertippt und Sie anstatt meiner erröten lassen...zum Ausgleich (ja, bin harmonie-süchtig, gestehe) schnell mein grünes! :-)

Barbarin
11
19.1.2011, 13:38
Nein, tatsächlich ein feiger Stalker...

...ohne Meinung, einen Tag nach posten (wurst zu was) habe ich immer zu mindestens 1 rotes.

An dieser Stelle: Hallo lieber Stalker! Alles ist gut! :-)

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