Der verführerische Vermögensvernichter

12. Jänner 2011, 17:38
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Peter Turrini hat Carlo Goldonis Komödie "Campiello" in seiner Neubearbeitung an die moralische Verkommenheit der Gegenwart angepasst

Am Donnerstag, 13.1., feiert sie am Theater in der Josefstadt Premiere.

Wien - Sein Schicksal, als halber Italiener dereinst Komödien von Goldoni zu "modernisieren", wurde dem Kärntner Weltdramatiker Peter Turrini (66) vielleicht nicht gerade an der Wiege gesungen. Aber als geschworener Anwalt der Armen ist Turrini gewissenhafter Notar der sogenannten "kleinen Leute". Er nimmt die einfachen Helden seiner Stücke in Schutz, weil er sich und die Zuschauer über das Ausmaß der proletarischen Verkommenheit - über Gier, Streitlust und zänkische Habsucht - nicht hinwegtäuscht.

Überhaupt prunkt eine Komödie wie Campiello, die am 13. Jänner, bedeutsam überarbeitet, im Wiener Josefstadt-Theater Premiere feiert, mit keinem Heldenpersonal. Die Ortsbezeichnung Campiello - was so viel wie "Stadtplätzchen" bedeutet - beschreibt das Feld der Öffentlichkeit. Der Verkehrsraum vor einem heruntergekommenen venezianischen Wohnblock bildet den Schauplatz einer auf Wortwitz gebauten Komödie. Turrini aber vergiftet die Heiterkeit vorsätzlich. Wen immer es auf dieses Fleckchen Erde verschlägt, wer kommt, geht oder - gegen jede Wahrscheinlichkeit - verweilt, wird misstrauisch taxiert.

Die Mieterinnen, alleinstehende Proletarierinnen mit klingenden Namen wie Orsola, Pasqua oder Catte, unterliegen dem Komödiengesetz der Heiratsanbahnung: Schön ist es, die eigenen Kinder an den jungen Mann, die junge Frau zu bringen. Liebesdinge werden als Nachbarschaftsangelegenheiten behandelt. Denn leider sehen die Standesgesetze von 1756 keinerlei Aufstiegsmöglichkeiten vor: Wer unter die Haube kommt, wird unter demselben sozialen Elend zu leiden haben wie (so noch am Leben) die Eltern.

1982, aus Anlass der Uraufführung im Wiener Volkstheater, wahrte Turrini, ehrfürchtiger Schüler Goldonis, das Dekorum: Die hässlichen Ungerechtigkeiten einer modernen Industriegesellschaft schienen wie mit Grau- und Brauntönen auf der ehrwürdigen Vorlage aufgetragen. In der Neufassung, die der Autor Regisseur Herbert Föttinger zugedacht hat, räumt Turrini Goldonis Artigkeiten kurzentschlossen beiseite.

Lackaffe und Spekulant

Ein Cavaliere hat sich im einzigen Gasthaus am Campiello eingemietet: ein zudringlicher Lackaffe, der, vom Balkon herab das weibliche Fleisch taxierend, schönen jungen Proletarierinnen die "Apfelblüten" auf alle vier Backen herabdichtet. Vor bald 30 Jahren war besagter Cavaliere ein verarmter Adeliger. An sein Erscheinen hefteten sich alsbald die unkeuschesten Gedanken der Damen, die durch seine Hilfe der Notdurft der Verhältnisse zu entrinnen hofften. 2011 hat die Rohheit ein neues Ausmaß erreicht: Der Cavaliere der Jetztzeit hat den Titel vielleicht gekauft; ganz gewiss aber entstammt er einer Dynastie bürgerlicher Finanzspekulanten, die man nicht mehr an Adelsprädikaten misst, sondern an dem Grad ihrer moralischen Verkommenheit als Zeitgenossen erkennt.

Cavaliere Astolfi schließt Verlobungen und hebt sie auf - "zum Spaß". Dass er sein Hab und Gut verprasst hat, seine kalkulierten Frechheiten daher "auf Pump" finanziert, ist erst seit dem Zerplatzen der Finanzspekulationsblasen wirklich plausibel geworden: Die Vernichtung von Vermögen bleibt für die Drahtzieher folgenlos. Turrini über sein Stück, das jetzt 1960, in Mestre, dem Vorort von Venedig, spielt: "Bei Goldoni wurde der Witz aus dem Zusammenprall der Dialekte gespeist. Aber damit fängt man heute nichts mehr an. Mein jetziger Cavaliere erinnert an Managertypen, die man auch hierzulande kennt." Er sei als Exponent jener Lobbyisten zu verstehen, die nunmehr auch das Interesse der Staatsanwaltschaften geweckt haben.

Von Mestre ist es daher nicht mehr weit - nach Kagran oder in die Schöpfwerk-Siedlung. (Ronald Pohl/ DER STANDARD, Printausgabe, 13.1.2011)

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    Ein Eroberer schöner junger Proletarierinnen: André Pohl als skrupelloser Cavaliere und Therese Lohner als Gasparina in Peter Turrinis Goldoni-Bearbeitung "Campiello" (Regie: Herbert Föttinger).

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