Der Grenzgänger von Lefkoşa

12. Jänner 2011, 13:09
5 Postings

Wenn man jenseits der 50 ist, immer noch Kette raucht und schon zweimal hinter schwedischen Gardinen saß, dann klingt „enfant terrible" einigermaßen beknackt und „Querdenker" ein bisschen zu betulich. Şener Levent ist ein notorischer Querschläger. „Türkische Armee raus, Zypern den Zyprioten" ist der Leitspruch des Chefredakteurs und Herausgebers von „Afrika", der Zeitung der Opposition im türkischen Teil Zyperns.

„Afrika" hieß einmal „Europa", aber dann ließ der frühere nordzypriotische „Präsident Rauf Denktaş 2001 die Zeitung verklagen, bis sie in Konkurs ging und ihre technische Ausrüstung beschlagnahmt wurde. Eine Wiedergründung unter den Namen „Neues Europa" ließ die Regierung nicht zu, also kamen Şener Levent und sein Team mit „Afrika" und einem Affen im Titel zurück auf den Markt. „Wir gehen auf dem Umweg über Afrika nach Europa", scherzt Levent, „Wir haben hier Dschungelgesetze".

Kibris", die größte Zeitung im türkischen Teil der Insel, soll eine Auflage von rund 10.000 Stück am Tag haben und wird von dem Milliardär Azil Nadir herausgegeben (welcher sich vergangenen Sommer nach knapp 20 Jahren Flucht wegen Betrugsverdacht den britischen Behörden stellte und mit einer elektronischen Fessel am Fuß in London lebt). „Afrika" rangiert nach eigenen Angaben mit 3000 Exemplaren an zweiter Stelle. Ungefähr so viel Stimmen hat auch die redaktionseigene politische Bewegung Yasemin („Yasemin Haraketi") bei der Parlamentswahl 2009 bekommen. „Für uns ist das nicht wenig", sagt Levent.

Wegen seiner „landesverräterischen" Ansichten musste Levent zweimal für mehrere Monate ins Gefängnis. Auf das Redaktionsbüro in Lefkoşa wurde auch einmal ein Bombenanschlag verübt. Mittlerweile kann Levent seine Meinung unbehelligt vertreten, dafür ist die Selbstzensur unter den Journalisten im türkischen Teil gut eingeübt, sagt er. Man weiß, was man schreiben soll und was nicht.

Die Invasion von 1974 verzeiht er Ankara nicht. „Die Türkei hat versprochen, die Republik von 1960 wiederherzustellen. Sie hat es nicht getan, sondern stattdessen eine Regierung installiert, die vom Rest der Welt nicht anerkannt wird." Der Alltag im Inselnorden habe sich mit dem massiven Zuzug von Türken aus dem Süden Anatoliens verändert, beklagt Levent, die türkischen Zyprioten seien auf ihrer Insel zu einer Minderheit geworden. „Regierungschef" Irsen Kücük beziffert die Bevölkerung mit „600.000 oder mehr".

Levent, der zu Breschnews Zeiten in Moskau studiert hat, ist einer der wenigen intellektuellen Grenzgänger auf der Insel. Für die Tageszeitung „Politis" im griechischen Teil schreibt er fast täglich Kolumnen. So auch im Jahr 2004, als das Referendum über den Annan-Plan anstand. Die griechischen Zyprioten stimmten damals mit großer Mehrheit dagegen, was nach allgemeinen Dafürhalten in der EU als fataler Fehler gilt; die türkischen Zyprioten waren für den Annan-Plan. Bei „Politis" aber erklärte Levent als einziger sein Nein zum Annan-Plan (und ging selbst dann nicht zur Abstimmung), die anderen Kolumnisten unterstützten den Friedensplan. Das brachte ihm den scherzhaften Namen ein, der einzige wahre „Grieche" in der Redaktion zu sein. Levents Argument: Mit dem Annan-Plan wäre die Republik Zypern innerhalb von 24 Stunden den Orkus hinuntergegangen ...

 

  • Artikelbild
    foto: evrim kamali
Share if you care.