Gefangen im System

KopfHörer, 12. Jänner 2011, 12:52
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Die Plage: Mojo, Uncut, Wire, Pitchfork, Spex ...

Rund um Weihnachten bin ich im FM4-Forum über eine Formulierung gestolpert. Das dortige Forum wurde ja aufgrund des neuen ORF-Gesetzes und der damit einhergehenden Registrierungsbestimmungen quasi kahlgeschlagen. Was dazu führt, dass, zwecks Aufrechterhaltung eines Mindestparteienverkehrs, FM4-Mitarbeiter unter den Artikeln ihrer Kollegen posten. Zumindest fällt das jetzt stärker auf.

In einem solchen Posting hat Christian Fuchs einen Begriff verwendet, der – ungefähr – „Vermojoisierung“ bzw. „Veruncutisierung“ lautete. Der Begriff war dahingehend verwendet, dass die britischen Musikmagazine Mojo und Uncut altbacken sind.

Nun könnte man sagen, dass Fuchs mit Bunny Lake auch ganz schön verjaggert wirkt, aber das ist nicht das Thema. Mojo und Uncut sind tatsächlich unerträglich, und das seit Jahren. Zwei, drei okaye Geschichten pro Heft ändern das nicht.

Saisonal wiederkehrend werden dort Hausheilige wie die Beatles, Dylan, die Beatles, Bob Dylan, LennonMcCartneyRingoHarrison, His Bobness und anderer Pop-Adel durchdekliniert, der oft schon mit einem Bein im Grab steht. Und zwar mit der Impertinenz von Briefmarkensammlern: „Was dachte Frank Zappa, als er sich mit heruntergelassenen Hosen am Häusl fotografieren ließ? Dann folgen 16 Seiten Stuhlanaylse, Interviews mit der Klofrau, dem Friseur der Klobürste und, und, und. Vom Rolling Stone – egal ob deutsche Ausgabe oder US – ganz zu schweigen.

Klar gibt es ein Publikum für diese Hefte. Und sie bilden eine Realität im Pop ebenso ab wie Fuchs mit Bunny Lake: Popkultur ist keine Angelegenheit der Jugend mehr. Je älter Pop wird, desto höher steigen die Ansprüche daran.

Das trifft zumindest auf jene Minderheit zu, die sich intensiver dafür interessiert. Weshalb der Super-Hipster des letzten Jahrzehnts, James Murphy vom LCD SS, ein Mittvierziger und kein 20-Jähriger ist. Er muss über mindestens so viel Wissen verfügen, wie sein kritisches Publikum. Deshalb flüchten Heftln wie das Mojo und Uncut – mitunter auch Wire – in die Details der Pop-Historie und schlachten sie episch aus.

Aber darum geht’s gar nicht.

Alle Popmedien werden immer schneller altbacken. Und das ist keine Frage des Alters. Wer Pitchfork, das Leitmedium für Jung und Hip, über längere Zeit beobachtet, stolpert über denselben geschmäcklerischen Lobbyismus, den erwähnte Magazine betreiben. Auch dort regieren seit Jahren dieselben Hausheiligen.

Das ist legitim, denn Hausheilige verdeutlichen eine Ausrichtung, geben Orientierung und schaffen Identifizierungsmöglichkeiten. Einhergeht aber jene Verblendung, die Verliebtheit bedeutet. Und: Als Online-Mediums, das sich eine gewisse Quantität an Rezensionen verordnet hat, wird mit der Bedeutungszuschreibung zu großzügig umgegangen. Übers Wertungssystem, ein Leitsystem für Idioten, sag ich lieber nichts.

Wie Heftln wie das Spex Themen wählen, lässt sich anhand der Inseratenschaltungen ablesen. Immerhin wurde die Hirnidee „Pop-Briefing“ gemeinsam mit dem Chefredakteur wieder entsorgt.

So, optimalerweise stünde hier nun so etwas wie ein Ausweg aus dieser Situation. Den sehe ich aber nicht. So sehr mir all das auf den Wecker geht, man bleibt Gefangener des Systems. Was bleibt ist, nämliche Heftln wie früher die Krone zu lesen: Von hinten. Zumindest die Rezensionen durchschauen, was es alles gibt. Aber zufriedenstellend ist anders.

(Karl Fluch, derStandard.at, 21. 1. 2011)

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Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 31
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ohneeigenschaften
 
00
22.3.2011, 08:00

de:bug - machts wieder gut!

Hoi S.
 
00
18.1.2011, 13:48
Mojo und Uncut sind tatsächlich unerträglich? II

Ist schon ein hartes Urteil angesichts dessen, was in der Standard-Musikabteilung immer wieder abgeht. (Wer im Glashaus sitzt ...). Aber das dictum in Sachen Säulenheilige stimmt sicherlich, gilt aber für alle auf dem Markt befindlichen Hefte (und Zeitungen). Kenne RS (völlig humorfrei), ME (zu deutschrockig...), Mojo usw. - überall gilt: Fame sells ... Aber wo finde ich ausserhalb von uncut/mojo etwa ausführliche News zu americana von Lucinda W. bis zu fleet foxes, sicherlich nicht auf FM4 und auch kaum im Standard (St. Nick Cave), der lieber m.M. überschätzte Gruppen wie Arcade fire abfeiert und etwa die Besnard lakes (keine americana) unterschlägt. Und: ich mag die 60er/70er aber auch und 90er, 00er und finde alles in uncut.

Bigmouth
00
20.1.2011, 16:30

Goldene Worte. Der ME ist übrigens meiner Ansicht nach nicht nur zu deutschrocklastig; damit könnte man ja noch leben. Aber seit einigen Jahren werden dort doch nur mehr komplette Obskuranten abgefeiert (müßte Fluch eigentlich gefallen). Lustig im Artikel von Fluch ist im übrigen das großmütige "zwei, drei okaye Artikel/Heft", das er Uncut und Mojo zugesteht. Das wären immerhin 24 bis 36/Jahr. Erinnert sich jemand an ein einziges Jahr, in dem Fluch und Schachinger (die immerhin nicht nur zwölf Hefte/Jahr zur Verfügung haben, sondern theoretisch auch 300x/Jahr die Welt an ihrer Weisheit teilhaben lassen können) zusammen auch nur annähernd in die Nähe eines solchen Wertes gekommen sind?

Hoi S.
 
00
18.1.2011, 13:56
sorry, posting hing zwischenzeitlich fest, daher doppelt gemoppelt ...

Hoi S.
 
00
18.1.2011, 13:26
Mojo und Uncut sind tatsächlich unerträglich?

Finde ich ein bisschen arg, das Urteil, vor allem angesichts des auch von Fluch eben nicht ausgezeigten Auswegs. Was stimmt ist, dass auch mir als Uncut-Leser (39!), die ständigen "Säulenheiligen" von Beatles, Stones über Paul Weller, Kate Bush, Bowie bis zu den Allmann Brothers (Heft 2011!/2) schon lange "stinken". Aber woanders ist aber eben auch nicht besser (siehe Rolling stone, der m.M. noch viel schlimmer, weil v.a. humorloser ist, Musikexpress (mit den Hosen oder WSH), Mojo no na ...). Fame sells? Muss nicht unbedingt so sein ... Aber kaufen tu ich uncut trotzdem, weil es mit seiner Ausrichtung auf 60/70ies und aktuelle Americana meinen Geschmack trifft. Meine Frage: Was will Herr Fluch in seinem Heftl sehn?

Bigmouth
22
13.1.2011, 19:41
Ääh,

hat sich da einer als Österreich-Korrespondent angetragen und wurde als fachlich ungeeignet abgelehnt? Das ist ja genauso absurd wie wenn Hans Krankl darlegt, warum Mourinho und Wenger doch nicht so tolle Trainer sind.

michael grasberger
10
12.1.2011, 22:42

dass mojo und uncut immer dieselben alten coverboys featuren, stimmt schon. vom schreiberischen niveau her kann man die beiden mags aber nicht vergleichen. da liegt mojo schon um welten vorne...

über den abgang des spex-chefs max dax mag ich mich nicht so recht freuen. der hat immerhin für ein nicht mehr erwartetes zwischenhoch bei dem blattl gesorgt (mit gastautoren wie theweleit z.b.). jetzt gehts wohl wieder zurück ins soziologiestudentenghetto.

brauchen tut man die ganzen hefterl heute wirklich nicht mehr, aber ich fülle trotzdem jeden monat den zeitschriftenständer am klo mit frischen ausgaben von groove, de:bug, record collector, mojo und co.

richard lewis
00
13.1.2011, 09:40
ach du...

...bist der zweite record collector-käufer neben mir! ;-) ich liebe ihn.

Pro Hockey Channel im Standard Sport
30
12.1.2011, 21:00

also den rolling stone auf "nur" auf seinen coverstory über alte helden festzunageln ist einfach und oberflächlich, gut mehr darf man von österr. journalisten anscheinend nicht erwarten. ich würd mir gern mal innenpolitischen stories annährend
in der qualität eines rolling stone auch in einem politischen blatt bei uns wünschen. auch die stories über das filmbiz, über die macher von mad men bzw auch über glee waren gut recherchiert und machten spass zum lesen. interessanterweise hab ich so ein erlebnis in österreichischen medien kaum.

safeasmilk
20
12.1.2011, 20:54

also das der wirklich sehr nette christian fuchs
für mojo/uncut-vergleiche herhalten muss, finde ich wenig charmant. muss sowas sein?

henryandjune
01
13.1.2011, 09:45

wieso vergleich, der fuchs hat das ja selber gesagt!!!

Pro Hockey Channel im Standard Sport
31
12.1.2011, 18:29

mir gefällt der rollings stone. gibt schlechteres. standard musikkritiker z.b.

andi ebner
00
12.1.2011, 16:35
angst vor angreifbarkeit?

ich denke, das beschriebene phänomen hängt weitgehend mit der angst der publizierenden zusammen, durch rezensionen "neuer" künstler angreifbar zu werden.

nicht die inhalte der rezension betreffend, sehr wohl aber über die auswahl der künstler. tw. reagieren ja die leser recht ruppig, wenn in "ihrem" bevorzugten mag ein scheinbar "unwürdiger" künstler besprochen wird.

diesbezüglich ist man mit dylanbeatlesstoneszappa natürlich immer auf der sicheren seite. zum preis einer steigenden langeweile.

tobian
22
12.1.2011, 15:17
bobfather

lieber karl,
ist nicht gerade die musiksparte vom standard ein referenzbeispiel für zelebrierenden personenenkult (einen müdern dylan zu sehen wird als erscheinung verkauft)?

karl fluch
02
12.1.2011, 16:25

weiß nicht auf welches beispiel (müder dylan - wo? wann? - du anspielst). natürlich pflegt jeder seine helden, ist ein teilder emphase ohne die es sehr, sehr trocken wäre. die frage ist nur in welcher intensität und mit welch verliebter blindheit.

gru
flu

Ex-Spectator
01
12.1.2011, 17:43

Die müde Dylan Erscheinung war sicher auf ne Schachinger Konzertkritik bezogen; zu den fluchschen Hausheiligen würden mir spontan Lanegan, Jeffrey Lee Pierce, Stephen O'Malley, Lee Hazlewood, (ehemals) Grant Hart und nochmal Lanegan einfallen bzw. die unbedingte Gegenposition zu Typen wie Maynard James Keenan.

major schloch1
01
12.1.2011, 16:04
richtig,...

...treue leser dieser seiten wissen zum beispiel, dass fluch gerne ein kind von mark lanegan hätte, dem sie dann unter der patenschaft von robert forster den klingenden namen overton vertis verpassen würden.

karl fluch
12
12.1.2011, 16:35
@ms

true, mark und ich arbeiten auch dran, aber die schlampe lumpt ja dauernd rum - siehe iso campbell.

apropos ic: gerade diese liason find ich übrigens nicht nur zwischenmenschlich scheiße, sondern auch musikalisch, was ich mir hier auch schon öffentlich abgerungen habe ... bei meiner ehr!

susi strolcher
01
12.1.2011, 19:31
vielleicht geht sich mit mavis staples noch was aus...

sie sind ja beide noch im besten alter.

rav
10
12.1.2011, 14:39
ein tipp

kauf sie nicht, lies sie nicht, ärgere dich nicht. und: vergiss nicht, wir, die 40+ bzw 50+ in meinem fall, sind die letzte wichtige CD-käufergruppe!

trampolene
01
12.1.2011, 14:56

ich kauf doch keine cds!

gut beobachte.ist mir auch schon aufgefallen das im fm4 forum inzwischen vorwiegend mitarbeiter posten was einigermassen befremdlich wirkt.

Christian Lehner3
50
12.1.2011, 15:47
@ trampolene

kann aber auch sein, dass der hinweis von einem befreundeten fm4-mitarbeiter stammt (räusper), dem das mit den neuen modalitäten natürlich eher weniger behagt und ist natürlich so, dass autoren dort immer schon gern unter den postings mitdiskutiert haben, das also keinesfalls "zwecks Aufrechterhaltung eines Mindestparteienverkehrs" passiert. hach, das systäm!

Christian Lehner3
50
12.1.2011, 17:13

zur klärung, der fm4-mitarbeiter bin ich, falls das als spekulativ gelesen wurde (also keine flu misskreditierung im ersten satz).

Christian Lehner3
01
12.1.2011, 17:17

hehehe - und es soll natürlich "diskreditierung" heißen. das hirn ist halt manchmal ein richtiger arsch.

die Resi-Tant Evil
05
12.1.2011, 14:24

"... ganz schön verjaggert wirkt ..."

Hätte er wohl gerne. Nein, das würde ihm unverdienterweise Kontinuität unterstellen. Er ist allenfalls nur verfrankfariant - bzgl. was ist gerade hip in der Apre Ski Bauerndisko und da wird sich drangehängt.

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