Gutachter Kleiner nahm Auer-Welsbach in die Zange

12. Jänner 2011, 17:06
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Angeklagter verspätete sich eine halbe Stunde und beantwortet keine Fragen von Privatbeteiligten

Klagenfurt - Wolfgang Auer-Welsbach, Chef des pleitegegangenen Kärntner Finanzkonglomerats AvW, hat auch am zweiten Verhandlungstag des AvW-Prozesses heute, Mittwoch, jegliche Schuld von sich gewiesen und mehrmals betont: Ohne die "Malversationen" des ehemaligen Prokuristen K. im Herbst 2008 wäre das Genussscheinsystem nicht zusammengebrochen, die AvW hätte den Rückkauf der Papiere im Volumen von 270 Mio. Euro bewerkstelligen können. Auch gegen seine ehemaligen Vorstand Hans Linz und gegen die Masseverwalter holte er zu einem Rundumschlag aus.

"Linz hat uns um 30 Millionen betrogen", sagte Auer-Welsbach bei seiner Einvernahme durch Richter Christian Liebhauser-Karl. Linz ist in der Causa AvW wegen schweren gewerbsmäßigen Betrugs und betrügerischer Krida angeklagt, bei einer Vernehmung hatte er laut Liebhauer-Karl ausgesagt, Auer-Welsbach habe angegeben, die Genussscheine seien mit einer Rückkaufgarantie versehen. Stimmt nicht, meinte Auer-Welsbach. Eine solche Garantie hab es nicht gegeben. "Wenn ein Autohändler sagt, ich nehme Ihren Gebrauchtwagen, ist auch keine Rückkaufgarantie gegeben."

Auch an den Masseverwaltern ließ er kein gutes Haar. Diese hätten das verbliebene Vermögen der AvW "verschleudert", man hätte über 25 Mio. Euro mehr lukrieren können, wenn man Aktienpakete zu einem späteren Zeitpunkt verkauft hätte.

Genussscheine

Die ersten Stunden drehte sich wieder alles um die Genussscheine. Der Richter wollte etwa vom Angeklagten wissen, ob ihm bekannt war, dass Kunden sogar Fremdwährungskredite aufgenommen und ihre Liegenschaften besichert hätten, um AvW-Papiere zu kaufen. Auer Welsbach gab an, er könne sich an einen Fall erinnern, über den ihn ein Berater erzählte habe. Daraufhin habe er sofort in die Schulungsunterlagen für die Vermittler und auf die Homepage den Passus aufnehmen lassen, dass Wertpapiere nie auf Kredit gekauft werden sollten. Er selbst habe auch Kunden beraten. Wieviele Genussscheine er persönlich verkauft hat, sagte er nicht. Nur so viel: "Der Kunde hat immer selbst entschieden. Ich habe ihn nie zum Kauf gedrängt."

Der Angeklagte hat in der Früh übrigens eine halbe Stunde auf sich warten lassen. "Wo der Angeklagte bleibt, weiß ich nicht", meinte der Richter um 9:00 Uhr und vertagte um eine Viertelstunde. Erst um halb zehn tauchte Auer-Welsbach dann auf - er hat geglaubt, die Verhandlung beginne erst um halb zehn.

Indes hielt sich der Andrang am Klagenfurter Landesgericht am Mittwoch in Grenzen. Der Schwurgerichtssaal war am Vormittag nicht einmal halbvoll.

Schlagabtausch

Auer-Welsbach hat sich im Verlauf der Verhandlung den Fragen des Sachverständigen Fritz Kleiner stellen müssen, dessen umfangreiches Gutachten Basis für die Anklage war. Am späten Vormittag kam es zu einem wahren Schlagabtausch zwischen Kleiner und dem Angeklagten. Der Finanzjongleur musste etwa einräumen, dass die Kapitalgarantie, mit der die AvW ihre Genussscheine über Jahre beworben hatte, nie vertraglich fixiert gewesen ist. "Banken verbriefen ihre Kapitalsicherheit auch nicht, bei einem Sparbuch beispielsweise, und trotzdem gilt sie", meinte Auer-Welsbach.

Man habe geglaubt, als Inhaber der großen Wertpapierkonzession die gleichen Möglichkeiten wie ein Bankinstitut zu haben und als Emittent solche Bedingungen bieten zu können. Nach der Beanstandung durch die Bundeswertpapieraufsicht (BWA) habe man das dann geändert und nicht mehr damit geworben, sagte Auer-Welsbach.

Kleiner konfrontierte ihn auch mit einem Schreiben des Wirtschaftsprüfers Europa Treuhand Ernst & Young aus dem Jahr 2001. Demnach soll die Privatperson Auer-Welsbach Genussscheine an Kunden weitergegeben und die AvW Invest AG auf die Papiere eine Rückkaufgarantie abgegeben haben. Das Privatvermögen des Angeklagten wird in diesem Brief mit "höher als 700 Mio. Schilling" (50,8 Mio. Euro) angegeben.

Wundersame Vermehrung

Auf dieses Privatvermögen angesprochen führte Auer-Welsbach das schon mehrfach genannte "Sonderdepot" ins Treffen. An anderer Stelle hatte er dieses als Vermögen der Genussscheininhaber bezeichnet. Hätten sich die Anleger damit nicht selbst besichert, wollte Kleiner wissen. "Der Wirtschaftsprüfer hat es verlangt", wusste der Angeklagte nur zu sagen.

Für Auer-Welsbach war der Europa-Treuhand-Brief, der an alle Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder geschickt wurde, ein "großer Vertrauensbruch" des Wirtschaftsprüfers. Er kündigte daraufhin den Vertrag mit der Kanzlei. Dieses Schreiben sei aber nicht der Anlass für den Wechsel zur Kanzlei Ehrenböck gewesen, betonte Auer-Welsbach mehrfach. Die Europa-Treuhand-Prüferin sei zu Ehrenböck gegangen und die AvW sei mit ihr.

Kleiner wollte weiters wissen, wie es zur "wundersamen Mengenvermehrung" der Genussscheine von 60.000 auf rund 420.000 Stück im Jahr 1999 kam. Damals führte die AvW einen Split im Verhältnis 1:7 durch, gab das Umtauschverhältnis laut Anklage aber nicht an die Anleger weiter. 360.000 Genussscheine blieben auf einem Sonderdepot von Auer-Welsbach. Laut Kleiner hat sich dadurch der Anteil der Anleger an der AvW Invest von 14,5 auf 2 Prozent verringert, weil der Nominalwert der Genussscheine von 100 Schilling auf 1 Euro gesunken sei. Konfrontiert mit diesen Berechnungen meinte Auer-Welsbach: "Das ist rechnerisch sicher richtig. Aber wir haben diese Rechnung so nicht gemacht." Wirklich schlüssig konnte Auer-Welsbach den Split jedenfalls nicht erklären.

Am frühen Nachmittag ließ Auer-Welsbachs Verteidiger Michael Sommer das Gericht wissen, dass sein Mandant keine Fragen von Privatbeteiligten oder deren Vertretern beantworten werde. "Dies ohne Begründung." 

Verfahren in Liechtenstein

AvW-Chef Wolfgang Auer-Welsbach hat auch in Liechtenstein ein Inlandsstrafverfahren am Hals, geht aus einem Schreiben des Fürstlichen Landgerichts Vaduz von gestern, Dienstag, hervor, das die Klagenfurter Staatsanwaltschaft heute beim AvW-Prozess vorbrachte. Demnach soll Auer-Welsbach noch im Mai 2010 Vermögenswerte im Wert von 7 Mio. Euro plus 1 Mio. Schweizer Franken in Liechtenstein geparkt haben.

4,9 Mio. Euro sollen in der Global International Beteiligungs (GIB) AG liegen - jener Gesellschaft, über die laut Anklage Stützungskäufe für die AvW-Invest-Aktie abgewickelt wurden. Weiters sollen 2 Mio. Euro in der Sidonia-Stiftung und 1 Mio. Franken in der Minoris-Stiftung vorhanden sein.

Die Unterlagen wurden von den Liechtensteiner Behörden im Zuge eines Rechtshilfeansuchens der Klagenfurter Staatsanwaltschaft beschlagnahmt und sollen in Kürze nach Kärnten übermittelt werden.

Auer-Welsbach bestritt dies: "Dort kann nichts mehr sein, höchstens 20.000 bis 30.000 Euro." Das Vermögen in der GIB "waren zu 99 Prozent AvW-Aktien. Wenn ich diese abziehe, kann da nichts mehr vorhanden sein." Von Liechtenstein habe er kein Geld transferiert, sagte er auf Nachfrage von Staatsanwalt Christof Pollak.

Bei der gestrigen Verhandlung hatte Auer-Welsbach zugegeben, dass er für "ein paar hunderttausend Euro" an Geldern, die er von 2003 bis 2008 aus Liechtenstein-Stiftungen genommen hat, keine Steuern zahlte. "2010 habe ich eine Selbstanzeige durchgeführt." Der Grund: die berüchtigte Steuer-CD.

"Habe Haider um Hilfe gebeten"

 

Auer-Welsbach hat am Mittwoch dem Gericht erzählt, dass er den verstorbenen Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider im Oktober 2008 um "Kredithilfe" gebeten hat. Dem Vernehmen nach hat Haider der damals schwer angeschlagenen AvW sogar eine Landeshaftung zugesagt. Dazu kam es aber nicht mehr, weil Haider in der selben Nacht tödlich verunglückte. Bei dem Treffen in einem Klagenfurter Lokal, so Auer-Welsbach, seien auch Haiders damaliger Pressesprecher Stefan Petzner und der damalige AvW-Vorstand Reinhold Oblak dabei gewesen. Mit Mitarbeitern des Finanzministeriums habe es keinen Kontakt gegeben, sagte der Angeklagte auf Nachfrage.

Am Nachmittag kam auch die Rolle der zuständigen Behörden zur Sprache. Laut Staatsanwalt Christof Pollak hat das Klagenfurter Finanzamt sowohl im Jahr 2001 als auch 2005 eine Großbetriebsprüfung durchführen wollen. Beide Male hätten die Prüfungen jedoch auf Anweisung des zuständigen Gruppenleiters abgebrochen werden müssen. Einer der Prüfer sagte bei der Zeugeneinvernahme durch die Staatsanwaltschaft: "Die Zuordnung der liechtensteinischen Firmen zum Unternehmen AvW ist nur durch eine Hausdurchsuchung zu eruieren", wegen der "dünnen Suppe" würde diese aber kein Richter anordnen. Pollak hakte nach und fragte, warum die Prüfungen abgebrochen wurden. Auer-Welsbach: "Das weiß ich nicht, da müssen Sie den Chef der Finanz fragen."

Von anderen Unregelmäßigkeiten, die die Bundeswertpapieraufsicht (BWA, später FMA) bzw. die Finanz festgestellt hätten, will er ebenfalls nichts wissen. "Wir haben nie einen negativen Bescheid bekommen." Weiters wollte der Staatsanwalt wissen, ob Auer-Welsbach versucht habe, eine Hochzeitsreise in die USA steuerlich abzusetzen. Auer-Welsbach meinte dazu nur, dass er nicht für die Buchhaltung zuständig gewesen sei.

In puncto Kursbildung der AvW-Invest-Aktie sah Auer-Welsbach weiterhin kein Fehlverhalten seinerseits. Alles sei "gewissenhaft und nach bestem Wissen" abgelaufen. Bei der Neustrukturierung des AvW-Firmengeflechts im Jahr 2001 hatte Auer-Welsbach als Vorstandsvorsitzender das letzte Wort. Seine Vorstandskollegen hätten manche Entscheidungen "nicht mitgetragen, aber mitunterschrieben". "Wie wir gestern schon gehört haben, haben Sie einen sehr kooperativen Führungsstil", meinte Richter Christian Liebhauser-Karl in diesem Zusammenhang nicht ohne Augenzwinkern. (APA)

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    Wolfgang Auer-Welsbach am ersten Verhandlungstag in Klagenfurt.

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