Hochschulpolitik: Wie die Politik Probleme ignoriert

12. Jänner 2011, 10:30
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Seit Jahren fordern Universitäts- und Hochschülerschaftsvertreter, Bildungsexperten und NGOs, dass die Mittel für den tertiären Bildungssektor erhöht werden

Wieder haben die Wiener Philharmoniker ein vielbeachtetes Neujahrskonzert im Wiener Musikverein gegeben. Wieder hat ein Österreicher den Skisprungolymp der Vierschanzentournee erklommen. Und wieder hat die österreichische Bundespolitik die Probleme im Hochschulbereich erfolgreich ein Jahr lang ignoriert.

Vier unbestrittene Fakten die österreichischen Hochschulen betreffend: 1) Die heimischen Universitäten, Fach- und Pädagogischen Hochschulen sind chronisch unterfinanziert; 2) Viele heimischen Studiengänge sind heillos überlaufen; 3) Studieren ist oft noch eine soziale Frage; 4) Im internationalen Bereich hinken die meisten Universitäten weit hinterher.

Seit Jahren fordern Universitäts- und Hochschülerschaftsvertreter, Bildungsexperten und NGOs, und ironischerweise auch zahllose Politiker, dass die Mittel für den tertiären Bildungssektor erhöht werden. Zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) Universitäten und Hochschulen sind das erklärte Ziel der Europäischen Union und des aktuellen Regierungsprogramms. 1,3 Prozent sind es aktuell und das Budget wird auch 2011 nicht mehr sondern weniger. Die schwarze Hälfte der Bundesregierung hätte gerne Studienbeiträge um die Lücke zu schließen, die Sozialdemokratie hält die Einführung einer Reichensteuer für die Lösung. Wenn man beide Vorschläge hochrechnet kommt man auf maximal 1,5 Prozent des BIP - man muss nicht Mathematik studieren um zu merken, dass hier 0,5 Prozent fehlen: In Euro sind das ca. 800 Millionen.

Einbindung von Wirtschaft und Industrie

Dabei gäbe es viele potentielle Lösungswege: Einerseits müsste das Bundesbudget prioritär auf Bildung, Wissenschaft und Soziales fokussiert werden anstatt auf Prestigeinfrastruktur, ein nicht finanzierbares Pensionssystem und teure Berufsprivilegien in staatlichen und staatsnahen Betrieben. Nicht einmal ein Zehntel der veranschlagten Tunnelprojekte könnte jährlich das heimischen Hochschulsystem finanziell sanieren. Auf der anderen Seite könnten durch die vermehrte Einbindung von Wirtschaft und Industrie Geldmittel für prosperierende, zukunftsorientierte Studienrichtungen, vor allem im technischen, medizinischen und naturwissenschaftlichen Bereich, lukriert werden. Natürlich müsste gewährleistet werden, dass wirtschaftlich weniger relevante, aber akademisch wichtige Studien weiterhin angeboten werden.

Die Überfüllung der heimischen Universitäten - insbesondere in den sogenannten Massenstudien wie Betriebswirtschaftslehre, Psychologie und dergleichen - senkt die Qualität der einzelnen Fächer und macht für viele Studierende das Studieren zur Tortur, zum Beispiel durch überfüllte Hörsäle, zu wenig Kursplätze oder monatelanges Warten auf Prüfungsergebnisse. Während bei vielen Ausbildungswegen - beispielsweise bei künstlerischen Berufen oder dem Polizeidienst - nur so viele Menschen ausgebildet werden, wie am Arbeitsmarkt benötigt werden, ist der heimischen Hochschulzugang de facto nicht reglementiert.

Man könnte die Überfüllung durch faires, didaktisch-wertvolles und sozial gerechtes Zugangsmanagement problemlos lösen. Dies würde auch für jene Studierende, die die Auswahlverfahren positiv abschließen, ein qualitativ hochwertiges Studium gewährleisten. Die Politik ignoriert auch dieses Problem mit lang erprobter Routine: Während die SPÖ Kreiskys freien Hochschulzugang gebetsmühlenartig wiederholt, will die ÖVP den Studienzugang anhand der bestehenden Zahlen beschränken - dass dies bereits überfüllte Studien und Universitäten in keiner Weise entlastet, ignoriert das zuständige Ministerium gekonnt.

Marodes Förderungssystem

Studieren kostet Geld, auch ohne Studienbeiträge. Die Lebenserhaltungskosten sind nicht gerade gering und Bücher, Ausrüstungen und anderer Uni-Materialien kosten meist auch viel Geld. Nur die wenigsten können sich ein Studium ohne Nebenjob leisten, und dieser verlängert meist die Studiendauer. Die grundsätzliche Frage, ob man studiert oder nicht, hängt auch im Jahr 2011 noch stark von der Einkommens- und Bildungsschicht der Eltern ab. Während das Stipendien- und Studienbeihilfesystem als wenig treffsicher und sozial oftmals undifferenziert gilt, schafft die Bundesregierung mit 2011 auch noch einen beträchtlichen Teil der Familienbeihilfe für Studierende ab. Angeblich tut sie dies, um auf Ausgabenseite zu sparen. Allerdings wird bei Pensionsprivilegien kaum der Rotstift angesetzt - Investition in die Zukunft kann das wohl nur ein autosuggestiv äußerst begabter Finanzminister nennen. Diese Kürzungen gepaart mit dem maroden Förderungssystem, werden die soziale Schere an den Hochschulen weiter aufgehen lassen.

In internationalen Rankings werden Hochschulen einerseits anhand der Klasse ihrer Lehrenden beurteilt - also Publikationen, Wissenschaftspreise und ähnliches - andererseits durch die finanziellen Mittel, Studierendenzahl und Studienzugang, sowie die Internationalität. Während Österreich durchaus viele hochkarätige Universitätsprofessoren und Wissenschaftler beheimatet, punkte man hierzulande kaum mit finanziellen Mitteln, Internationalität und - wie oben ausgeführt - Zugangsbedingungen.

Die finanziellen Mittel könnten neben Staat und Wirtschaft auch durch Studiengebühren erhöht werden, denn das man für qualitative, postsekundäre Bildung und Ausbildung einen angemessenen Beitrag leisten muss, gilt außerhalb von Österreich in den meisten hochtechnisierten Ländern. Außer linken Studentenvertretern und rot-grünen Politikern verstehen das auch alle. Verbesserungen bei der Qualität der Studenten und des Studiums heben auch die performance der Universitäten - eine Gleichung, die auch allgemein verständlich sein müsste. Und während bereits in der Volksschule mit Fremdsprachenunterricht begonnen wird und sich länderübergreifendes Verständnis in der schulischen Bildung in den meisten Fächern gelehrt wird, findet man - vor allem in den klassische Studienfächern - kaum eine Lehrveranstaltung auf Englisch, geschweige denn in anderen Welt- oder Nachbarlandssprachen.

Mit gutem Beispiel voran gehen

Es wäre eine zu verkürzte Darstellung, wenn man nur der Bundespolitik die Schuld an der Misere des Hochschulsektors gäbe - auch die Vorstellungen vieler Professoren und der gesamten Uni-Verwaltung müsste modernisiert werden - allerdings muss die Politik mit gutem Beispiel voran gehen und die Hochschulen mit finanzieller und inhaltlicher Unterstützung ermutigen, neue und internationalere Wege zu gehen.

Ansonsten wird bald vom Land der vormaligen Wissenschaftselite, die unter anderem Schrödinger, Tesla, Kelsen und andere hervorgebracht hat, wenig übrigbleiben. (Jan-Philipp Schifko, derStandard.at, 12.1.2011)

JAN-PHILIPP SCHIFKO (22) ist Bundesobmann der AG.

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