Wissen über Erbanlagen beunruhigt kaum

13. Jänner 2011, 00:30
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Daten von weniger als der Hälfte der aufgenommenen Probanden auswertbar - Viele verzichteten auf Einsicht in Ergebnisse - Mehr Geschäft als Hilfe

San Francisco/Wien - Immer mehr Gen-Sequenzier-Unternehmen bieten einfach im Internet eine Untersuchung auf - so behauptet - mögliche krank machende Erbanlagen an. Die DNA-Tests sollen eventuell auch eine Lebenszeit-Risiko für den Ausbruch bestimmter Leiden ermöglichen. Eine neue Studie, die jetzt in der US-Fachzeitschrift "New England Journal of Medicine" veröffentlicht wurde, zeigt ein eher ernüchterndes Bild. Längst nicht alle Probanden, die sich für einen solchen Test entschieden, sahen sich die Ergebnisse überhaupt an. Die Resultate waren vielen auch einfach "egal". Weder waren sie beunruhigt, noch änderten sie ihren Lebensstil.

"Der Gebrauch von direkt an den Konsumenten gerichteten Angeboten für Screeningtests bezüglich der Erbanlagen, um ein Krankheitsrisiko zu bestimmen, wird kontroversiell beurteilt. Man weiß wenig über den Effekt dieser Technik für den Benutzer. Wir untersuchten die psychologischen, verhaltensmäßigen und klinischen Effekte (...) eines kommerziell erhältlichen Tests von unklarem klinischen Wert", schrieben die Autoren vom Scripps Institut unter Eric J. Topol in der Online-Publikation.

Keine Anzeichen von Stress bei Großteil der Probanden

Die Experten nahmen zunächst 4.891 Probanden, Beschäftigte von US-Gesundheitsunternehmen, auf, welche den Test zu billigeren Konditionen bekamen. Doch nur von 3.639 Testpersonen waren die Daten für eine weitere Untersuchung ausreichend. Erstaunlich: Nur 3.416 Testpersonen sahen sich die Informationen ihrer Gen-Analyse überhaupt an. Am Ende blieben 2.037 Personen übrig, deren Daten analysiert werden konnten. Nach durchschnittlich 5,6 Monaten waren sie auf Anzeichen von Angst, auf allfällige Veränderungen ihres Fettkonsums (Herz-Kreislauf-Risiko) bzw. auf ihre Fitnessaktivitäten untersucht worden.

Das Hauptergebnis, so die Autoren: "Wir beobachteten bei 90,3 Prozent der Probanden keine Anzeichen von schädlichem Stress oder von vermehrten (Folge-)Untersuchungen." Auch die Messwerte bezüglich von Angstzuständen, der Fettkonsum und das Maß der körperlichen Betätigung änderten sich nach dem Gen-Test nicht. 10,4 Prozent der Probanden allerdings diskutierten die Ergebnisse mit einem Ratgeber, der von dem Testunternehmen zertifiziert worden war, 26,5 Prozent sprachen darüber mit ihrem Arzt. In den USA kosten solche Tests derzeit zwischen 400 und 2.000 Dollar pro Untersuchung (310 Euro bis 1.550 Euro).

Sinnhaftigkeit nur unter bestimmten Umständen

Dazu der Wiener Medizin-Genetiker Markus Hengstschläger: "Genetische Tests sind nicht grundsätzlich ein Blödsinn. Aber einen Sinn bekommen sie nur dann, wenn es bestimmte Verdachtsmomente, zum Beispiel aus der Familiengeschichte etc., gibt - und über die Beratung durch den Arzt. Auch wenn ich einen hohen Cholesterinspiegel habe, muss ich keinen Herzinfarkt bekommen. Auch wenn ich einen niedrigen Cholesterinspiegel habe, bin ich davor nicht auf jeden Fall geschützt. Aber die Untersuchung macht nur einen Sinn als 'Paket' mit der entsprechenden Beratung." Die US-Ergebnisse würden das zeigen, was auch er, Hengstschläger, in der täglichen Praxis erlebe.

Die Österreichische Bioethik-Kommission hat erst vor kurzem eine Empfehlung bezüglich solcher Gen-Tests veröffentlicht. Darin heißt es, dass speziell Untersuchungen auf mögliche Krankheiten mit der Beteiligung mehrerer Gene und Ursachen zumeist nur eine geringe Aussagekraft besäßen: "Die Bioethikkommission empfiehlt daher, auf der Suche nach Informationen über persönliche Krankheitsrisiken von diesbezüglichen Tests im Internet abzusehen." Sollte ein solcher trotzdem in Erwägung gezogen werden, sollte auf jeden Fall vorher mit einem erfahrenen Arzt gesprochen werden. (APA)

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