Die Risiken der Gesamtschule

11. Jänner 2011, 19:07
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Wenn die Mittelschicht in Privatschulen abwandert, wird das System noch viel ungerechter

So mutlos das Bildungskonzept der ÖVP auf den ersten Blick auch wirkt, im zentralen Punkt haben die Konservativen mehr recht, als es die meisten Experten ihnen zugestehen: Der Wechsel zu einer Gesamtschule ist eine riskante Operation, die, wenn nicht sehr  überlegt vorgegangen wird, in einem noch viel ungleicheren Schulsystem münden kann.

ÖVP-Finanzlandesrat Wolfgang Sobotka hat es im derStandard.at-Interview auf den Punkt gebracht: "Wenn es die Gymnasien nicht gibt, haben wir auf einmal ein riesengroßes Privatschulsystem und damit ein Zwei-Klassen-System.“ 

Die Abwanderung des bildungsnahen Bürgertums in Privatschulen bei der Einführung einer Gesamtschule ist keine leere Drohung. In Finnland wurde das vermieden, aber das nordische Land hat auch eine besonders homogene Bevölkerung mit wenig Migranten.

In Großbritannien hat das allmähliche Verschwinden der "grammar schools“ und anderer selektiver Schulen seit den siebziger Jahren hingegen zu einer massiven Verschlechterung des öffentlichen Schulwesens geführt, vor allem in den Städten. Mittelschichtfamilien sehen sich praktisch dazu gezwungen, 7000 Pfund und mehr im Jahr für Privatschulen zu bezahlen, wenn sie ihren Kindern eine gute Ausbildung und berufliche Chancen bieten wollen.

Gerät diese Abwanderung einmal in Gang, dann lässt sich sie kaum noch stoppen. Die Qualität von Schulen hängt von zwei Faktoren ab: von den Lehrern und den Mitschülern. Gehen einmal die besten Schüler mit den engagiertesten Eltern verloren, dann wollen auch viele andere Familien ihre Kinder nicht mehr in diese Schule entsenden.

Für sie wird dann das Schulgeld zur größten finanziellen Belastung, die zur ohnehin beträchtlichen Steuerlast für die Mittelschicht dazu kommt.

In Großbritannien besuchen etwa sieben Prozent der Schüler eine der rund 2500 Privatschulen. Das klingt nicht nach viel, ist aber genug, um den Traum eines egalitären Schulsystems zu zerstören.

Denn wenn die besten Schulen des Landes – und das sind die Privatschulen – mit den besten Schülern nur für jene Kinder zugänglich sind, deren Eltern sich hohe Schulgelder leisten können, dann wird das System noch viel ungerechter als in einem öffentlichen und kostenlosen Zwei-Klassensystem wie in Österreich. Das wollen wohl auch alle Befürworter der Gesamtschule vermeiden.

In den USA war es die erzwungene Integration von weißen und schwarzen Schulkindern seit den sechziger Jahren, die Millionen von Familien aus der oberen Mittelschicht in Privatschulen getrieben hat.

Die einzige Alternative ist es, ein Haus in einem guten Schulbezirk zu kaufen, und das sind meist teure Vororte, die durch die Nachfrage noch teurer werden.  Auch das schafft massive Ungleichheiten und finanzielle Belastungen für Familien mit Kindern.

Ein persönlicher Einschub: Meine Kinder (16 und 13) besuchen ein öffentliches Gymnasium in Wien. Aber in einem anderen Land würden sie wohl in Privatschulen gehen.

Diese Bedenken sprechen nicht gegen die Gesamtschule an sich, sehr wohl aber gegen einen doktrinären, ideologischen Zugang zu ihrer Einführung. Peter Michael Lingens hat in einem klugen Profil-Kommentar zu Recht davor gewarnt und zu einer vorsichtigen, pragmatischen Politik geraten.

 Im Schulsystem soll man viel experimentieren, um Neues auszuprobieren, aber vor grundlegenden Systemänderungen zuwarten. Es muss immer die Möglichkeit bestehen, Fehler zu korrigieren und unerwartete negative Konsequenzen auszumerzen.

Deshalb ist die von der ÖVP vorgeschlagene Strategie – Aufwertung der Hauptschule, Erhöhung der Durchlässigkeit der Schultypen, klare Kriterien für den Übergang in die Oberstufe – nicht so falsch. Wenn die Neuen Mittelschulen Erfolg haben, könnten sich auch einige Gymnasien diesem Schultyp anschließen. Durch differenzierte Leistungsgruppen und zusätzliche personelle Ressourcen lassen sich auch potenzielle Eliteschüler in solchen großen Lehranstalten halten.

Vielleicht kommt auch das, was Wirtschaftskammerchef Christoph Leitl im Standard-Interview prognostiziert: das allmähliche Zusammenwachsen von Gymnasium und Neuer Mittelschule. Das wäre das bestmögliche Szenario, bei dem die Gefahr einer Abwanderung in die Privatschulen relativ gering bleibt.  Aber das wird nur mit viel Umsicht und viel Geld gelingen.   

Was beim ÖVP-Bildungskonzept daher so schmerzlich fehlt, ist ein grundsätzliches Bekenntnis zum Endergebnis Gesamtschule. Der Erhalt des Gymnasiums sollte, anders als es die ÖVP suggeriert,  kein Selbstzweck sein.

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