Wenn die Mittelschicht in Privatschulen abwandert, wird das System noch viel ungerechter
So mutlos das
Bildungskonzept der ÖVP auf den ersten Blick auch wirkt, im zentralen Punkt
haben die Konservativen mehr recht, als es die meisten Experten ihnen
zugestehen: Der Wechsel zu einer Gesamtschule ist eine riskante Operation, die,
wenn nicht sehr überlegt vorgegangen
wird, in einem noch viel ungleicheren Schulsystem münden kann.
ÖVP-Finanzlandesrat
Wolfgang Sobotka hat es im derStandard.at-Interview auf den Punkt gebracht: "Wenn es die Gymnasien nicht gibt, haben wir
auf einmal ein riesengroßes Privatschulsystem und damit ein Zwei-Klassen-System.“
Die Abwanderung
des bildungsnahen Bürgertums in Privatschulen bei der Einführung einer
Gesamtschule ist keine leere Drohung. In Finnland wurde das vermieden, aber das
nordische Land hat auch eine besonders homogene Bevölkerung mit wenig
Migranten.
In
Großbritannien hat das allmähliche Verschwinden der "grammar schools“ und
anderer selektiver Schulen seit den siebziger Jahren hingegen zu einer massiven
Verschlechterung des öffentlichen Schulwesens geführt, vor allem in den
Städten. Mittelschichtfamilien sehen sich praktisch dazu gezwungen, 7000 Pfund
und mehr im Jahr für Privatschulen zu bezahlen, wenn sie ihren Kindern eine
gute Ausbildung und berufliche Chancen bieten wollen.
Gerät diese
Abwanderung einmal in Gang, dann lässt sich sie kaum noch stoppen. Die Qualität
von Schulen hängt von zwei Faktoren ab: von den Lehrern und den Mitschülern.
Gehen einmal die besten Schüler mit den engagiertesten Eltern verloren, dann
wollen auch viele andere Familien ihre Kinder nicht mehr in diese Schule
entsenden.
Für sie wird dann
das Schulgeld zur größten finanziellen Belastung, die zur ohnehin
beträchtlichen Steuerlast für die Mittelschicht dazu kommt.
In
Großbritannien besuchen etwa sieben Prozent der Schüler eine der rund 2500 Privatschulen. Das klingt nicht nach viel, ist aber genug, um den Traum eines egalitären
Schulsystems zu zerstören.
Denn wenn die
besten Schulen des Landes – und das sind die Privatschulen – mit den besten
Schülern nur für jene Kinder zugänglich sind, deren Eltern sich hohe
Schulgelder leisten können, dann wird das System noch viel ungerechter als in
einem öffentlichen und kostenlosen Zwei-Klassensystem wie in Österreich. Das
wollen wohl auch alle Befürworter der Gesamtschule vermeiden.
In den USA war
es die erzwungene Integration von weißen und schwarzen Schulkindern seit den
sechziger Jahren, die Millionen von Familien aus der oberen Mittelschicht in
Privatschulen getrieben hat.
Die einzige Alternative ist es, ein Haus in einem
guten Schulbezirk zu kaufen, und das sind meist teure Vororte, die durch die
Nachfrage noch teurer werden. Auch das
schafft massive Ungleichheiten und finanzielle Belastungen für Familien mit
Kindern.
Ein
persönlicher Einschub: Meine Kinder (16 und 13) besuchen ein öffentliches
Gymnasium in Wien. Aber in einem anderen Land würden sie wohl in Privatschulen gehen.
Diese Bedenken sprechen
nicht gegen die Gesamtschule an sich, sehr wohl aber gegen einen doktrinären, ideologischen
Zugang zu ihrer Einführung. Peter Michael Lingens hat in einem klugen
Profil-Kommentar zu Recht davor gewarnt und zu einer vorsichtigen,
pragmatischen Politik geraten.
Im Schulsystem soll man viel
experimentieren, um Neues auszuprobieren, aber vor grundlegenden
Systemänderungen zuwarten. Es muss immer die Möglichkeit bestehen, Fehler zu
korrigieren und unerwartete negative Konsequenzen auszumerzen.
Deshalb ist die
von der ÖVP vorgeschlagene Strategie – Aufwertung der Hauptschule, Erhöhung der
Durchlässigkeit der Schultypen, klare Kriterien für den Übergang in die
Oberstufe – nicht so falsch. Wenn die Neuen Mittelschulen Erfolg haben, könnten
sich auch einige Gymnasien diesem Schultyp anschließen. Durch differenzierte
Leistungsgruppen und zusätzliche personelle Ressourcen lassen sich auch
potenzielle Eliteschüler in solchen großen Lehranstalten halten.
Vielleicht
kommt auch das, was Wirtschaftskammerchef Christoph Leitl im Standard-Interview
prognostiziert: das allmähliche Zusammenwachsen von Gymnasium und Neuer Mittelschule. Das
wäre das bestmögliche Szenario, bei dem die Gefahr einer Abwanderung in die
Privatschulen relativ gering bleibt. Aber
das wird nur mit viel Umsicht und viel Geld gelingen.
Was beim
ÖVP-Bildungskonzept daher so schmerzlich fehlt, ist ein grundsätzliches
Bekenntnis zum Endergebnis Gesamtschule. Der Erhalt des Gymnasiums sollte,
anders als es die ÖVP suggeriert, kein
Selbstzweck sein.