Der Wald sitzt auf dem kürzeren Ast

11. Jänner 2011, 18:29
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Täglich gehen weltweit 50.000 Fußballfelder an Waldflächen verloren - Eine nachhaltige Bewirtschaftung ist nicht nur für die Artenvielfalt, sondern auch für den Klimawandel essenziell

Zahlreiche Forschungsprojekte setzen sich im heurigen Internationalen Jahr der Wälder dafür ein.

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Auch wenn die Bundeshymne nichts davon erwähnt, ist Österreich ein Land der Wälder: Rund 48 Prozent der Staatsfläche - circa vier Millionen Hektar - sind Wald, und jährlich kommen rund 20 Quadratkilometer hinzu, eine Tendenz, die genau entgegengesetzt zur weltweiten Entwicklung läuft: Nach Schätzungen der Welternährungsorganisation FAO werden jährlich 13 Mio. Hektar Wald vernichtet - das bedeutet einen täglichen Waldverlust in der Größe von knapp 50.000 Fußballfeldern. Grund genug für die Vereinten Nationen, 2011 zum Internationalen Jahr der Wälder zu erklären.

Dass das erste Jahr im "Jahrzehnt der Biodiversität" den Wäldern gewidmet ist, ist dabei kein Zufall: Nach Schätzungen der Weltbank leben etwa 80 Prozent aller terrestrischen Tier- und Pflanzenarten in Wäldern, die meisten freilich in tropischen Regenwäldern. Doch nicht nur aus Sicht des Naturschutzes sind Wälder interessant: Laut Weltbank sind schätzungsweise mehr als 1,6 Milliarden Menschen in der Gewinnung ihres Lebensunterhalts auf die eine oder andere Weise von Wäldern abhängig.

Auch in der Klimaproblematik spielen Waldflächen eine enorme Rolle: Bis zu 20 Prozent der für die Erderwärmung verantwortlichen Treibhausgase entstehen durch Entwaldung - das ist mehr, als alle Autos, Schiffe und Flugzeuge der Welt zusammen produzieren. Wälder sind nämlich sogenannte Kohlenstoffsenken: Im Zuge ihres Wachstums bauen die Bäume eine Menge Kohlendioxid in ihren Holzkörper ein - das so lange darin gebunden bleibt, wie der Baum lebt bzw. wie sein Holz für Bauten oder Ähnliches genutzt wird.

Und wenn das Holz verbrannt wird, wird dabei nur so viel CO2 freigesetzt, wie der Baum während seines Wachstums gespeichert hat - Heizen mit Holz ist daher klimaneutral. Voraussetzung dafür ist allerdings eine nachhaltige Bewirtschaftung, also dass mindestens so viele Bäume nachwachsen, wie entnommen werden. In den meisten Wäldern Europas ist das auch der Fall, schlecht sieht es diesbezüglich in den meisten Entwicklungsländern aus.

Illegale Abholzung

Die Uno will Entwicklungsländern in Zukunft finanzielle Anreize bieten, ihre Wälder nachhaltig zu bewirtschaften. Die Österreichischen Bundesforste (ÖBF) und der WWF haben kürzlich ein gemeinsames Projekt in einem von illegaler Abholzung bedrohten Schutzgebiet in Laos gestartet, in dem es noch Sibirische Tiger, Asiatische Elefanten und Malaienbären gibt. Unter anderem sollen Management-Vorschläge erarbeitet, nachhaltige Einkommensquellen für die lokale Bevölkerung gefunden und standortgerechte Bäume gepflanzt werden.

Auch für den Waldbau in Österreich ist die Auswahl der richtigen Baumarten ein Thema, vor allem im Hinblick auf den Klimawandel. Rund die Hälfte von Österreichs Bäumen sind Fichten, und diese leiden mit steigender Erwärmung stark unter Hitze und Trockenheit - vor allem in tieferen Lagen, wo sie gern angepflanzt wurden, teilweise aber auch in ihren angestammten Lebensräumen. Trockenstress macht die Fichten außerdem anfälliger für den Borkenkäfer, der im Zuge der Klimaerwärmung auch in höher gelegene Areale vordringen kann.

Unter diesen Umständen ist es wichtig, reine Fichtenbestände mit anderen Baumarten wie etwa der Buche zu durchmischen. Im Rahmen eines internationalen Forschungsprojekts, an dem neun südosteuropäische Länder teilnehmen und das von den Wiener Wasserwerken geleitet wird, befassen sich Wissenschafter der Universität für Bodenkultur Wien mit den Quellenschutzwäldern der Hauptstadt. Dabei wurde ein sogenanntes Hydrotopmodell entwickelt, das für jeden Waldtyp die optimale Artenzusammensetzung und Bewirtschaftungsform angibt, um seinen Bestand zu sichern.

"Die Vielfalt an Baumarten und die strukturelle Vielfalt des Waldes sind dabei besonders wichtig" , wie Roland Koeck vom Institut für Waldbau ausführt. "Wenn dann etwa die Fichte ausfällt, sind andere Arten da, die ihren Platz einnehmen können." Speziell die Buche tendiert dazu, die Fichte zu ersetzen, wie überhaupt in den letzten 25 Jahren der Laubholzanteil in Österreichs Wäldern von 22,5 auf 27,7 Prozent gestiegen ist. "Die Bundesforste setzen auch stark auf die Lärche" , wie Bernhard Schragl von den ÖBF erklärt. Die einzige Nadelbaumart, die im Winter ihre Nadeln verliert, ist nämlich außergewöhnlich widerstandsfähig gegen Stürme.

Saurer Regen

Mit einem viel älteren Thema im Wald befasst sich Torsten W. Berger vom Institut für Waldökologie an der Universität für Bodenkultur in Wien, nämlich mit dem sauren Regen. Seit das Phänomen in den frühen 1980er-Jahren für Schreckensmeldungen über Waldsterben sorgte, wurden die dafür hauptsächlich verantwortlichen Schwefeldioxid-Emissionen drastisch reduziert: Von 1990 bis 2007 sind sie um 65 Prozent zurückgegangen. "Luftchemisch hat man das sehr gut in den Griff bekommen" , zeigt sich Berger zufrie-den.

Weitgehend ungeklärt ist jedoch, wie weit sich die Waldböden von den damals massiven Schwefeleinträgen erholt haben. "Wenn man sich den Wasserdurchfluss durch die Böden anschaut, kommt oft mehr Schwefel heraus, als hineingelangt" , erklärt Berger, "und die Frage ist, woher er stammt."

Um die näheren Umstände zu klären, greift Berger auf Flächen im Wienerwald zurück, die bereits zu den Hoch-Zeiten des sauren Regens intensiv beprobt und untersucht wurden, und vergleicht ihr damaliges Schwefelgebaren mit dem heutigen. Diese Daten sind wichtig, um Prognosen darüber zu erstellen, wie rasch sich die Böden wirklich erholen. Im asiatischen Raum etwa steht das Schlimmste diesbezüglich noch bevor: Dort beginnt die Saurer-Regen-Problematik gerade erst virulent zu werden. (Susanne Strnadl/DER STANDARD, Printausgabe, 12.01.2011)

=> Wissen: Waldgipfel und Waldwunder


Wissen: Waldgipfel und Waldwunder

Vier "Waldgipfel" zu den Schwerpunktthemen Naturgefahren, Wirtschaftsfaktor Wald, Ökosystemleistungen des Waldes und Heizen mit Holz bie- tet das österreichische "Jahr des Waldes" dem Fachpublikum und der breiten Öffentlichkeit. Zudem wird die Ausstellungsreihe "Wald und Holz" von April bis Oktober in rund 70 Museen in ganz Österreich zu sehen sein. Die Österrei- chischen Bundesforste rufen zur Wahl der "7 Waldwunder" auf: Unter www.waldwunder.at werden 23 österreichische Wälder vorgestellt, aus denen jeder bis zum Frühjahr seine drei Favoriten wählen kann. Im April eröffnen die ÖBF im Tiergarten Schönbrunn einen Walderlebnisweg. Der ORF stellt in der Sendereihe Jahreszeit wöchentlich einen Aspekt der Forst- und Holzwirtschaft vor. Außerdem erhalten alle Volksschulklassen ein Unterrichtspaket zum Thema Wald mit Büchern, einer DVD und Spielen. (strn)

  • Wälder sind nicht nur Lebensräume für unzählige Tiere und Pflanzen, ihr Holz dient auch als Kohlenstoffspeicher.
    foto: standard/fischer

    Wälder sind nicht nur Lebensräume für unzählige Tiere und Pflanzen, ihr Holz dient auch als Kohlenstoffspeicher.

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