Der unösterreichische Österreicher

11. Jänner 2011, 18:16
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Ein intellektuell neugieriger, gebildeter, konzeptiv denkender Politiker - schnell, wer fällt einem da heute ein?

Es wird so bald kein "neuer Kreisky" kommen. Die Hoffnungen von manchen auf etwas großformatigere Politiker - aus welcher Partei immer - sind derzeit wenig begründet. Der Kanzler von 1970 bis 1983 war ein Politikertypus, den es heute nicht mehr gibt - und schon zu Kreiskys großen Zeiten kaum gab. Bruno Kreisky war ein recht unösterreichischer Österreicher.

Er war ein Großbürger in einem kleinbürgerlichen Land. Kreisky stammte aus dem jüdischen, liberalen, kaisertreuen Groß- und Bildungsbürgertum der Monarchie. Er erzählte oft, dass er als Vierjähriger noch das Begräbnis von Franz Joseph (1916) mitbekommen habe. Seine Vorfahren waren die Aufsteiger der (späten) Industrialisierung in Österreich-Ungarn gewesen. Erfolgreiche, tüchtige Juden, angefeindet von wild gewordenen Kleinbürgern schon lange vor den Nazis.

Umfassende Bildung, elegantes Auftreten, sprachlicher Witz, aktives Interesse für Kunst und Kultur, Mäzenatentum waren Grundausstattung dieser Schicht. Obwohl sich der junge Kreisky der (fast) revolutionären Linken zuwandte, behielt er diese bildungsbürgerliche Anmutung bei. Die Maßkleidung vom böhmischen Schneider und Schuster ("mit diesen Schuhen bin ich in die Emigration gegangen") war das Äußerliche. Die tiefe Belesenheit, die habituelle Lektüre fremdsprachiger Zeitungen, das Interesse für zeitgenössische Kunst (Arnulf Rainer und Friedrich Hundertwasser hingen im Kanzlerzimmer) waren die Substanz.

Kreisky hatte auch keine Angst vor anderen gescheiten Leuten. Die "1400 Experten", die das Sozial-, Familien-und Wirtschaftsprogramm der SPÖ mitgestalteten, lieferten wertvollen "input" und waren ein Symbol für die Modernität der Sozialdemokratie.

Ein intellektuell neugieriger, gebildeter, konzeptiv denkender Politiker - schnell, wer fällt einem da heute ein? Aber auch damals war er fast ein Fremdkörper. Und er war Jude in einem immer noch massiv antisemitischen Land. Wie erklären sich dann seine heute unfassbaren Wahlerfolge (drei absolute Mehrheiten in Folge: 1971,1975, 1979)?

Erstens: Die Zeit war reif für einen Modernisierer. So konservativ die Österreicher sind, die "Bete-und-arbeite/Frauen-an-den-Herd"-Philosophie etwa des letzten VP-Kanzlers Josef Klaus genügte nicht mehr. Zweitens: Kreisky betrieb eine bewusste Aussöhnungspolitik gegenüber den zahlreichen ehemaligen Nationalsozialisten, in deren Genuss auch Kriegsverbrecher und Kriegsverbrecherverdächtige wie der frühere FPÖ-Chef Friedrich Peter kamen.

Aber drittens: Kreisky war eine Vaterfigur. Wahrscheinlich sogar eine väterliche Herrscherfigur, bei der sich die Österreicher geborgen fühlten. Er hatte Autorität, gewürzt durch seinen wieder sehr österreichischen Wortwitz. Er verstand, dass in einem kleinbürgerlich strukturierten, nicht von Wettbewerbsdenken geprägten Land soziale Sicherheit der höchste Wert des Volkes ist. Er konnte sie geben - bis das Geld ausging und er 1983 das "Mallorca-Paket" (Steuer auf Sparbucherträge) schnüren musste.

Kreisky war "unösterreichisch" in dem Sinn, dass ihm der kleinkarierte, antiintellektuelle, provinzielle Teil des heimischen Nationalcharakters fehlte. Er war gewiss in manchem nicht unproblematisch, er konnte extrem ungerecht und polemisch sein; aber er bewies, dass man den Österreichern auch ein größeres Format zumuten kann.(Hans Rauscher, DER STANDARD, Printausgabe, 12.1.2011)

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