"Ich konnte es nicht verstehen"

11. Jänner 2011, 16:47
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Übersetzer Manuel erinnert sich an jenen Tag zurück, der das Leben in Haiti grundlegend verändert hat

Manuel* geht am Wochenende in die Disco, er tanzt gerne und er mag Autos – Er will die Welt bereisen und er möchte sich selbstständig machen – Ein Jahr ist vergangen, seit dem Erdbeben im Jänner 2010 – Seither arbeitet der 27-Jährige als Übersetzer im SOS-Kinderdorf Santo – Er erinnert sich an jenen Tag zurück, der das Leben in Haiti grundlegend verändert hat

"Wir waren auf dem Weg in die Stadt Leogane zur Mutter meines Freundes. Wir wollten für drei Monate in die Dominikanische Republik gehen und uns von ihr verabschieden. Mein Freund ist immer unpünktlich, deswegen sind wir viel später losgefahren als geplant. Das hat uns vielleicht das Leben gerettet, sonst wären wir schon in dem Haus gesessen, das in sich zusammengestürzt ist", erzählt Manuel.

Er schaut den Kindern zu, die rund um ihn im Kinderdorf spielen und wirkt, als würde er die Geschichte selbst noch nicht ganz glauben können. "Wir waren mit zwei Autos unterwegs, ich habe an einer Tankstelle gehalten. Dort habe ich etwas zu trinken gekauft und auf meine anderen Freunde gewartet. Als sie in den Shop gekommen sind, hat plötzlich alles zu wackeln begonnen. Ich habe versucht das Gleichgewicht zu halten und habe im Beben getanzt. Die Waren sind aus den Regalen gefallen. Bumm, bumm. Niemand wusste, was los war, wir sind alle nach draußen gerannt."

Ein Anruf zuhause

Manuel erinnert sich, wie das Haus gegenüber in sich zusammengestürzt ist. "Ich konnte es einfach nicht verstehen, ich habe das nur aus Filmen gekannt. Dann hat die Erde endlich aufgehört zu beben, die Leute waren mit Staub überzogen und alle haben nach ihren Familien gerufen. Alle waren verletzt und haben geschrieen, ich konnte einfach nicht realisieren, was passiert war." Im Schock versuchten Manuel und seine Freunde, ihre Familien zu erreichen. "Meine Mama war damals bereits zurück in den USA, wo sie lebt. Sie war besorgt, die Arme, wollte hören, dass es mir gut geht."

Zunächst sei das Telefonnetz überlastet gewesen, aber dann haben alle von ihren Familien gehört. Fast alle. "Nur mein Freund, zu dessen Mutter wir fahren wollten, hat niemanden erreicht." Schnell spricht sich herum, dass ein großes Gebiet vom Beben betroffen war, und dass es in Leogane noch größere Schäden angerichtet hatte. "Wir wollten meinen Freund beruhigen, aber hatten alle Angst, dass wir seine Mutter tot auffinden würden."

Die Stunden nach der Katastrophe

Die Beschreibung der darauffolgenden Stunden klingt tatsächlich wie aus einem Film. Die Nacht brach herein und jeder versuchte, so schnell wie möglich seinen Nächsten Hilfe zu leisten. Ein Schulgebäude war in sich zusammengebrochen und Manuel und seine Freunde versuchten, die Kinder aus den Trümmern zu ziehen: "Es war furchtbar. So viele waren verletzt. Ich habe Körperteile gesehen, bei denen ich nicht hätte sagen können, was das war. Viele Kinder sind gestorben, weil wir sie nicht ausgraben konnten", erzählt der 27-jährige.

Als Manuel und seine Freunde am nächsten Tag endlich beim Haus der Mutter seines Freundes ankamen, war das komplett eingestürzt. Doch die Mutter lebte, sie hatte noch hinauslaufen können.

Furcht vor Plünderungen

Die darauffolgenden Wochen waren für Manuel vor allem durch eines geprägt: Angst. "Plötzlich haben wir unter dem Mond geschlafen, wir waren das nicht gewöhnt. Unser Haus ist zwar noch gestanden, aber es gab dauernd Nachbeben und wir hatten Angst es könnte einbrechen." Außerdem nahmen in dieser Zeit Plünderungen zu. Manuel erzählt, dass er und seine Familie dauernd Angst hatten, jemand könnte einbrechen.

Trotzdem wusste Manuel, dass er in dieser schweren Zeit nicht zurück in die Dominikanische Republik kehren konnte. Er blieb in Haiti, um beim Wiederaufbau mitzuhelfen. Drei Monate habe es gedauert, bis Schritt für Schritt wieder Normalität eingekehrt war und Betriebe wieder ihre Arbeit aufgenommen haben.

Eine neue Stabilität im SOS-Kinderdorf

Im Februar erfuhr Manuel von einem Freund, dass bei SOS-Kinderdorf Übersetzer gesucht werden. Bis heute arbeitet er hier und übersetzt zwischen Kreolisch, Französisch und Spanisch, das er während seiner Studienzeit in der Dominikanischen Republik gelernt hatte. Und dort hat er auch gelernt, wie es ist, an einem Ort die Sprache nicht zu verstehen.

Als Übersetzer bei SOS-Kinderdorf hat er viele Schicksale mitverfolgt und ist Teil eines großen Prozesses. "Das Beste an der Arbeit hier war, dass ich so viele Leute kennengelernt habe", sagt er. Er erinnert sich an einen Freund aus Guatemala, den er hier getroffen hat und den er – genauso wie einige andere Kollegen aus verschiedenen Ländern – eines Tages besuchen möchte.

In seiner Freizeit geht Manuel seiner Leidenschaft nach, er repariert und verkauft Autos. Irgendwann möchte er seine eigene Werkstatt gründen, danach noch verschiedene andere Betriebe. Die Selbstständigkeit ist etwas, wovon er schon lange träumt. "Haiti ist diesbezüglich jungfräulich – wir brauchen hier noch alles!", sagt er.

Zum Abschluss erklärt der 27-Jährige: "Ich habe gemerkt, dass vieles von dem in mir noch nicht verheilt ist. Es ist so viel passiert in diesem Jahr, aber über das Erdbeben zu sprechen, tut noch immer weh." (Sophie Preisch, derStandard.at, 11.1.2011)

* Name von der Redaktion geändert

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