Was Österreich wirklich wissen will

11. Jänner 2011, 16:04
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Laut Statistik von 123people interessieren sich die Österreicher für Nissel, Katzi und Bambi sehr lange vor Faymann, Fischer und Pröll

Nicht schon wieder Robert Nissel! Leider doch: Wenn das, was die Statistik von 123people sagt, stimmt, dann wollen die Österreicher zunächst wissen, wer Nissel, Katzi und Bambi sind - und zwar sehr lange, bevor sie sich für Faymann, Fischer und Pröll interessieren

Eigentlich wollte ich hier nicht schon wieder von Robert Nissel und seinen Meriten erzählen. Aber erstens hat der große LoveCoach selbst das Thema in seinen Postings zur letzten Kolumne ein wenig angeheizt - und zweitens saß ich da neulich einem Freund gegenüber, der augen- und händeringend beteuerte, dass das, was hier regelmäßig ausgewalzt wird, doch niemanden interessiere. Und zwar weder im intellektuelle Elfenbeinturm, noch im prolligen Plattenbau: Jeder, wirklich jeder, beteuerte der Freund, mit dem er rede, schwöre ihm, dass er - oder sie - um-, weg- oder abschalte, umblättere, wegblicke oder sonstwie die Flucht ergreife, sobald es medial zu nisseln, katzenbergern oder lugnern begänne.

Meiner Entgegnung, dass ich das schon deswegen nicht glauben könne und wolle, weil er doch jetzt gerade drei der momentan prominentesten Individuen dieses Genres aufgezählt habe und er damit einmal mehr mein Vorurteil bestätigt habe, dass VIPperl-Schauen eben ähnliche Bekennerquoten habe, wie FPÖ-Wählen oder der Konsum von harten Schulmädchenpornos, schenkte er schon keine Aufmerksamkeit mehr: Er lamentierte, wie sehr die Medien doch an den wahren Interessen der Menschen vorbeiberichteten.

Nicht, dass ich nicht wollte, dass der Mann im Recht wäre. Aber die Wirklichkeit kann man sich halt dann doch nicht immer so zurecht zimmern, wie es fein wäre. und wenn man sich ansieht, welche heimischen Figuren 2010 die Österreicher tatsächlich beschäftigten, kann man sich schon auch fragen ...

Der Erste ist Achter

Aber egal. Bleiben wir bei den Fakten. Und zwar jenen, der Jahresbilanz der Online-Personensuchmaschine 123people: Dort war Robert Nissel im Vorjahr nämlich der unangefochtene Austro-Champion. Und auch im internationalen Ranking musste er nur wenigen anderen Platz machen: Kurt Cobain etwa. Oder Usher Raymond. Aber auch - erraten - Daniela Katzenberger, der deutschen Polizistin-gone-Pornostar Vivian Schmitt (soviel zum Thema Porno) oder DSDS-Teilnehmer Thomas "der Checker" Karaoglan. Robert Nissel belegt insgesamt den achten Rang in diesem Ranking.

Das ist insofern beachtlich, als danach lange nichts mit österreichischem Pass kommt. Und auch die zweite Austro-Zelebrität bestätigt wohl eher kaum die Unterstellung meines Freundes, wonach die Seitenblickefraktion hierzulande kein Leiberl hätte: Anastasia Sokol, bekannter als Richard Lugners "Katzi" nämlich. Im Gesamtranking kommt sie übrigens auf Platz 26. Fast schon auf ihren Fersen (Gesamtrang 30) die dritthäufigste Personenabfrage der Österreicher und -innen: Nina Bruckner, vulgo "Bambi". Wirklich knapp dran - nämlich auf Platz 31 - dann schon der nächste Austriake. Und der ist immerhin der erste, der kein Bewohner des Lugniversums ist: Gregor Schlierenzauer.

Ausgerechnet Rosenkranz

Die Liga, von der mein Freund meint, dass sie und ihr Wirken die Österreicher tatsächlich interessierten, beginnt dann erst bei Platz acht der Austro-Abfrage-Zugriffe. Und - immerhin - ist es eine Politikerin, die 2010 am öftesten abgefragt wurde. Doch dass es ausgerechnet Barbara Rosenkranz sein muss, über die man hierzulande am häufigsten Informationen fragte (insgesamt Rang 58), dürfte meinen Freund, der dem Volk ein grundlegendes Interesse an Substanz und Niveau attestiert, dann wohl doch schmerzen.

Und vielleicht tröstet es den Freund ja, dass sich die rechte Mutter ohnehin in jenem Umfeld bewegt, dem er so wenig abgewinnen kann: Der auf 123people am neunthäufigsten abgerufene Ösi ist nämlich schon wieder ein echter Lugner: Helmut Werner - nicht nur Lugners Schwiegersohn in spe, sondern darüber hinaus auch noch dessen Songwriter. Darüber hinaus agiert Werner als Leider-Nein-Starlet-Impresario und Watschenmann von von ihm selbst gemangten straffälligen DSDS-Rappern. Der Hansi Hinterseer für ganz ganz Arme belegt im globalen Ranking übrigens Platz 64. Nach ihm kommt dann übrigens Helmut Berger (Gesamtrang 72). Richard Lugner belegt - das nur nebenbei - den 76. internationalen Rang, und schaffte es damit ganz knapp nicht in die Austro Top Ten.

Und die "echte" Politik? Wo sind sie, all die Menschen, die das Land gestalten, lenken und zu stets neuen lichten Höhen führen? Interessierte sich denn niemand dafür, wer sie sind, was sie treiben und was sie so drauf haben?

Doch, doch. Auch die wirklich wichtigen wurden gesucht. Sehr oft sogar. Schließlich suchen jeden Monat über eineinhalb Millionen Österreicher auf dieser Plattform nach Namen und Personen. Dass Michael Häupl es da auf den 103. Rang schaffte und er damit nach Barbara Rosenkranz der am zweithäufigsten abgefragte Ö-Politiker war, ist da schließlich schon auch etwas, das gefeiert werden darf. Beinahe zumindest. Denn erst mit Respektabstand folgt ihm ein kleiner Pulk heimischer Bedenken- und Verantwortungsträger: Werner Faymann (Gesamtrang 131), Andreas Hölzer (133) und Heinz-Christian Strache (148) liegen nahezu gleichauf.

Voves schlägt Obama (und E. Pröll)

Danach kommt eine Weile nix Heimisches, bevor Heinz Fischer (225) Josef Pröll (241) doch deutlich abhängt. Immerhin schaffen "die Unsrigen" doch noch ein Bisserl mehr als etwa Barack Obama - der schafft es in der Gesamtwertung überhaupt nur auf Platz 384. Der US-Präsident wird da sogar noch von Franz Voves, dem achtgefragtesten Austro-Politiker (307) geschlagen, liegt aber ganz klar vor dem mächtigsten Mann Niederösterreichs, Erwin Pröll: Der neunte in der österreichischen Politikerabfragewertung ist insgesamt auf dem 433. Platz. Rang zehn belegt Innenministerin Maria Fekter, die es in einem Herzschlagfinale schaffte, die am häufigsten gesuchte Grünpolitikerin noch aus den Top Ten zu schmeißen: Maria Vassilakou schaffte es knapp nicht, und kam insgesamt auf den 457. Platz.

Natürlich kann man gegen derlei Rankings eine ganze Menge vorbringen. Ein Kritikpunkt zieht jedoch nicht: Dass dieses Ranking grundlegend anders aussähe, wenn man sich nämlich statt an 123people an Google halten würde. Denn auch wenn über Google mehr Abfragen lanciert werden, dürfte aufgrund der Suchergebnispräsentation ebendort ein durchaus repräsentativer Querschnitt der Suchenden danach bei den heimischen Personensuchern weiter fahnden.

Aber vielleicht hat ja auch jener Freund recht, der durch sein störrisches Beharren diese Ranking-Geschichte erst ausgelöst hat. Als ich ihm die Statistiken vorlegte, schluckte er zunächst - und setzte dann zur Flucht nach vorne an: All das, sagte er, besage gar nichts. Oder bestätige ihn sogar noch: "Denn," sagte er, "damit beweist du doch nur eines: Wer Frau Katzenberger oder wer Herr Nissel ist, das muss man eben erst rauskriegen - aber die, auf die es ankommt, die kennt man in Österreich eben."

Dabei sah er mich mit einem so verzweifelten Blick an, dass ich es nicht über mich brachte, ihm zu widersprechen. Doch auch wenn ich im Innersten meines Herzens hoffe, dass er recht hat - wirklich daran glauben kann ich dann doch nicht. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 11.1.2011)

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    Das interne Ranking der Familie Lugner (Christina Lugner, Anastasia 'Katzi' Sokol, Richard Lugner und seine Tochter Jacqueline v.l.n.r.) gewinnt die zweite von links.

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