Gift erstmals auch im Schweinefleisch entdeckt

11. Jänner 2011, 12:56
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Warnplattform für Lebensmittel geplant

Der deutsche Dioxin-Skandal weitet sich aus: Erstmals ist ein erhöhter Dioxinwert auch in Schweinefleisch nachgewiesen worden. Bei einem Mastbetrieb im niedersächsischen Landkreis Verden ergab eine Probeschlachtung bei einem Tier den stark erhöhten Giftgehalt, teilte das Landwirtschaftsministerium in Hannover mit. Bund und Länder wollen für Deutschland eine Warnplattform für Lebensmittel einrichten.

Da Lebensmittelkontrolle in Deutschland Ländersache ist, informieren die Länder bisher meist nur über verdächtige Produkte in ihrer Region. Die neue Internetseite mit Informationen aller bundesweit zuständigen Behörden solle in den nächsten Wochen starten, sagte Peter Bleser (CDU), der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (Dienstag).

In den vergangenen Tagen waren in Deutschland in Proben von Eiern und Legehennenfleisch erhöhte Dioxin-Werte gemessen worden. Proben bei Hendl, Putenfleisch und Kuhmilch hatten keine Überschreitungen von Grenzwerten aufgewiesen. In Niedersachsen würden nun sämtliche Schweine des betroffenen Hofes getötet und entsorgt, sagte der Sprecher des Landwirtschaftsministeriums, Gert Hahne. Es handelt sich um mehrere hundert Tiere.

Bei einem zweiten Schweinemäster sei ein Tier entdeckt worden, dessen Belastung im Grenzbereich liege. Dort werden weitere Proben genommen, der Hof bleibt gesperrt. Die derzeit noch gesperrten 330 niedersächsischen Schweine- und Putenmäster sowie Legehennenbetriebe würden einzeln kontrolliert, um Risiken für die Lebensmittelsicherheit auszuschließen.

An der Situation für österreichische Konsumenten hat sich laut der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) nichts geändert. Angesichts der bekannten Vertriebswege des kontaminierten Futtermittels gebe es keinen Hinweis, dass die betroffenen deutschen Betriebe Waren nach Österreich geliefert hätten.

Keine Grenzwertüberschreitung in Österreich

Bereits im Oktober und November waren im Auftrag des österreichischen Gesundheitsministeriums zahlreiche Lebensmittel (Eier, Geflügel, Schwein, Kalb, Käse und Fisch) von der AGES auf Dioxin getestet worden, sagte AGES-Sprecher Roland Achatz. "Die Ergebnisse liegen nun druckfrisch vor. Es hat in Österreich keine einzige Grenzwertüberschreitung gegeben." Nach dem Auffliegen des deutschen Dioxin-Skandals, aber noch vor dem Fund von kontaminiertem Schweinefleisch in Deutschland hatten die Lebensmittelbehörden der Bundesländer weitere Schweinefleischproben gezogen, diese werden noch ausgewertet.

In Deutschland dürfen tausende wegen Dioxin-Verdachts gesperrte Agrarbetriebe inzwischen wieder ihre Produkte verkaufen. Nach Angaben von Montagabend waren noch 558 Betriebe gesperrt, davon neben den 330 in Niedersachsen 143 in Nordrhein-Westfalen und 62 in Schleswig-Holstein.

Das Dioxin soll in einer Firma im niedersächsischen Bösel in das Futterfett gekommen sein. Das Unternehmen arbeitet als Spedition für Fette. Die Futterfettproduktion wurde dort wohl illegal betrieben. Die Firma ist ein Partnerunternehmen von Harles und Jentzsch in Schleswig-Holstein, das die Dioxin-belasteten Futterfette vertrieben hatte und nun im Fokus der Ermittlungen steht.

Hohe Strafen gefordert

Der niedersächsische Justizminister Bernd Busemann (CDU) forderte hohe Strafen für die Verantwortlichen. "Nach derzeitigem Stand kann ich mir nicht mehr vorstellen, dass irgendwelche Dinge fahrlässig stattfanden." Niedersachsen will die Futtermittelproduktion künftig von der von Industriefett trennen und dieses einfärben lassen.

Aus Österreich wurden Rufe nach schärferen Regeln bei der Herkunftskennzeichnung von Lebensmitteln laut. Die Europäische Kommission wolle künftig jedes Frischfleisch in Europa kennzeichnen lassen, sagten die SPÖ-Europaabgeordneten Jörg Leichtfried und Karin Kadenbach. "Verbraucher könnten dann auch bei Hühner-, Schweine- oder Lammfleisch erkennen, wo der Ursprung liegt. Bisher gilt diese Kennzeichnungspflicht lediglich für Rindfleisch", erläuterte Kadenbach. "Dass die EU-Kommission nun erst in Folge des Dioxin-Skandals tätig wird, ist enttäuschend. Ich hoffe jetzt aber auf eine umso entschiedenere Vorgehensweise", so Leichtfried. FPÖ-Konsumentenschutzsprecher Heinz Hackl will zudem die Einfuhrbestimmungen für Fleisch aus Deutschland verschärft sehen, die Einfuhr von Eiern aus dem Nachbarland solle überhaupt verboten werden. (APA)

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