Die Region, in der sich Krieg oder Frieden entscheidet

10. Jänner 2011, 23:22
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Während die Südsudanesen über die Unabhängigkeit befinden, brach an der Grenze in der Region Abyei Gewalt aus

Das Problem: Niemand weiß, zu welchem Teil Abyei gehören wird und wer darüber abstimmen dürfen soll.

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Abyei/Wien - Während das Referendum ruhig verläuft, brach die Gewalt an der Grenze zwischen Norden und Süden aus. In der Region Abyei starben seit Freitag mindestens 33 Menschen. Abyei ist der Hotspot, wenn es um die Sezession des Südens vom Norden geht. Denn im Mikrokosmos Abyei zeigen sich alle Interessenkonflikte, die Khartum und Juba gerade jetzt wieder gegeneinander aufbringen könnten.

Die arabischen Misseriya, Nomaden, die sich politisch und religiös dem muslimischen Norden zugehörig fühlen, beanspruchen in der Trockenzeit Weideland in dem Abyei, das hauptsächlich von den schwarzafrikanischen Dinka, einer mächtigen Ethnie des Südens, bewohnt wird. Die animistisch-christlichen Dinka unterstützten während des Bürgerkriegs die Volksbefreiungsarmee des Südens (SPLA), während die Misseriya im Krieg etwa zur Bewachung der Eisenbahn von Khartum eingesetzt wurden. Es geht aber nicht nur um Weideland, sondern - und das ist viel gefährlicher - um Öl. In der Region Abyei liegt etwa das Ölfeld Heglig, das von der chinesischen National Petroleum Corporation ausgebeutet wird und für den Norden - die allergrößten Ölfelder liegen im Süden - strategisch und finanziell sehr wichtig ist.

Im Friedensvertrag von 2005 wurde festgelegt, dass die Bewohner von Abyei in einem separaten, aber parallelen Referendum zum Sezessionsvotum über die Zugehörigkeit der Region zum Süden oder zum Norden abstimmen sollten. Doch die Vertreter von Khartum und die SPLA konnten sich nicht darüber einigen, wer abstimmen darf. Die Dinka stehen auf dem Standpunkt, dass die Misseriya kein Recht dazu haben, weil sie nur zeitweise das Land nutzen. Das Referendum wurde verschoben und der Disput verlängert.

Zugang zu Wasser

Die Misseriya fürchten, dass sie im Fall einer Sezession und geschlossenen Grenze ihre Weideland und Wasserzugänge verlieren. Die Dinka wiederum fürchten, dass die Misseriya im Disput um die Grenzziehung von Khartum bewaffnet werden. Sicher ist:Waffen gibt es auf beiden Seiten viel zu viele.

Bereits im Mai 2008 gingen Soldaten der Volksgruppen aufeinander los. Abyei brannte. 50.000 Menschen flohen. Der Konflikt könnte sich auch jetzt zum Krieg zwischen Norden und Süden ausweiten. Noch dazu ist er lange eingeübt. Bis 1905 gehörte Abyei zum Süden. Als sich die Dinka bei den britischen Behörden über Übergriffe der Misseriya beschwerten, wurde Abyei der nördlichen Provinz Kurdufan zugeordnet.

2005 entschied eine Grenzkommission dann eher für die Ansprüche der Dinka. 2009 sprach das Schiedsgericht in Den Haag allerdings die Ölfelder Heglig und Bamboo dem Norden zu, definierte die übrige Region Abyei aber so, dass sie von Dinka dominiert wird und damit beim Referendum wohl dem Süden zufällt.

George Clooney, der sich zurzeit als Beobachter im Sudan aufhält, meinte kürzlich über Abyei: "Wenn man die Bedeutung dieses Gebiets unterschätzt, kann alles auseinanderfallen, all das Glück und die Freude können sich in den blutigsten Krieg des 21. Jahrhunderts umkehren." (Adelheid Wölfl/DER STANDARD, Printausgabe, 11.1.2011)

 

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