Die Jugendlichen proben den Aufstand gegen das Regime

10. Jänner 2011, 19:26
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Die Polizei geht massiv gegen die Proteste vor – Augenzeugen sprechen von dutzenden Toten

Algier/Tunis/Madrid - Der Ruf spricht für sich: "Wir haben keine Angst", skandieren in Tunesien die jungen Demonstranten und wehren sich mit Steinen und Molotowcocktails gegen Spezialeinheiten der Polizei und schwerbewaffnete Soldaten. Diese haben am Wochenende in mindestens fünf Städten scharf geschossen, um Demonstrationen aufzulösen: in Kasserine, Thala, Rgueb, Meknessi und Feriana. Laut Innenministerium starben dabei 14 Menschen. Medien berichten von 23 Opfern, die Menschenrechtsorganisation Nationaler Rat für Freiheit in Tunesien (CNLT) veröffentlichte am Montag gar eine Liste mit 50 Namen. Längst ist auf Twitter von Revolution die Rede.

In Thala, 230 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Tunis, haben Armee und Polizei laut CNLT am schlimmsten gewütet: Mehrere Tote habe es bei den Protesten gegeben, die Krankenhäuser seien überfüllt. Wohnungen seien durchsucht, Jugendliche festgenommen worden. Letztere seien nach Angaben ihrer Familien aus dem Stadtzentrum gebracht worden. "Mehrere von ihnen wurden später in der Nähe des Friedhofes von Kugeln durchsiebt in einem Flussbett aufgefunden" , berichtete CNLT.

Das Innenministerium in Tunis erklärte dagegen: "Die Polizei hat das Feuer in gerechtfertigter Selbstverteidigung eröffnet, nachdem sie mit Warnschüssen versucht hatte, die Demonstranten davon abzuhalten, öffentliche Gebäude anzugreifen." Präsident Zine al-Abidine Ben Ali warf den Demonstranten in einer Fernsehansprache terroristische Handlungen vor. Die Auseinandersetzungen seien das Werk maskierter Banden, die nächtens Regierungsgebäude und Privathäuser angegriffen hätten, sagte er.

Der Aufstand der tunesischen Jugendlichen hat vor drei Wochen in der Stadt Sidi Bouzid im Zentrum des Landes begonnen. Dort übergoss sich am 17. Dezember der arbeitslose 26-jährige Mohamed Bouazizi mit Benzin und steckte sich selbst in Brand, nachdem die Polizei seinen Karren, mit dem er Gemüse verkaufte, beschlagnahmt und ihn auf der Wache misshandelt hatte.

Bouazizi, der am vergangenen Dienstag seinen Verletzungen erlag, teilte das Schicksal vieler Altersgenossen: Trotz Studiums fand er keine Arbeit. Über 30 Prozent der jungen Tunesier ergeht es ähnlich. Mittlerweile haben mindestens drei weitere Tunesier öffentlich Selbstmord begangen.

Am Montag kam es trotz massiver Polizeipräsenz wieder überall im Land zu Demonstrationen, die Trauerzüge für die Toten schlugen in Gewalt um. In Kasserine, nahe der algerischen Grenze, habe die Polizei wieder geschossen, es habe Tote gegeben, berichtet ein Anwalt aus Tunis am Telefon. In der Hauptstadt selbst habe es in mehreren Vierteln Straßenschlachten gegeben.

Ähnliches berichtet eine Bloggerin aus Sidi Bouzid von Rgueb im Zentrum des Landes sowie aus der heiligen Stadt Kairouan und im Küstenort Sousse. Nichts deutet auf ein Ende der Gewalt hin. "Sidi Bouzid ist regelrecht besetzt" , so die junge Frau. Rgueb, 38 Kilometer entfernt, ist von Spezialeinheiten der Polizei eingekesselt. Auch Thala ist vollständig von der Außenwelt abgeschlossen. Das Telefonnetz, Handyverbindungen und Internet wurden gekappt. Am Abend ließ die Regierung die Schließung der Schulen und Unis bekanntgegeben.

Auch in Algerien kamen am Wochenende mindestens vier Menschen bei Demonstrationen gegen Preiserhöhungen von Grundnahrungsmitteln zum Jahreswechsel ums Leben. Die Regierung in Algier versprach jetzt, die Importsteuern aufzuheben, um so die Preise zu senken. Alleine in Algier wurden über 1000 Jugendliche verhaftet.  (Reiner Wandler/DER STANDARD, Printausgabe, 11.1.2011)

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