Carcharodon carcharias her!

10. Jänner 2011, 18:28
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Abgefilmte Ausstellungsexponate - eine Erfahrung, die unzeitgemäßer nicht sein könnte

In Zeiten wie diesen hat das Fernsehen alle Hände voll zu tun, um neuen Medien gegenüber konkurrenzfähig zu bleiben. Im Zuge dieser Bemühungen wird Geld in neue Sendeformate gepumpt, werden Stars unsachte vom Sternenhimmel gepflückt oder kramen Anstalten in ihren exklusiven Archiven, um mit Retro-Material die nostalgisch anfälligen Herzen des Publikums zu rühren.

Doch es geht auch günstiger. Der Wiener Kabelsender W24, der für seine kontemplativen Öffi-Touren durch die Stadt bekannt ist, der also Kameras bei Fiakerkutschern, Straßenbahnlenkern oder, zu gegebener Jahrezeit, im Wiener Heurigenexpress platziert, um dem geneigten Zuseher kleine Spritztouren am Sofa auszurichten, dieser Sender hat sein Angebot nun erweitert: Seit kurzem lenkt eine W24-Kamera langsam durch Museumsräumlichkeiten. Abgefilmte Ausstellungsexponate - eine Erfahrung, die unzeitgemäßer nicht sein könnte. Am Sonntagabend ging es im Zeitlupentempo durch das Naturhistorische, haarscharf vorbei an Stab- und Gespensterheuschrecken oder Springschrecken, sogenannten Saltatoria, allesamt fein säuberlich aufgespießt in ihren leicht spiegelnden Vitrinen.

Diese Museumsnacht ersetzt, wie schon bei der TV-Fiakerfahrt, das reale Erlebnis; man nimmt stattdessen, faul wie man ist, die televisionäre Lektion in Kauf. Kein Warten an der Kassa, keine um gute Sicht konkurrierenden Museumsbesucher, keine muffige Atmosphäre. Doch wer bei der Heidschi-Bumbeidschi-Museumsnacht wegdöst, kann immerhin behaupten, vorher noch etwas gelernt zu haben. Beim Carcharodon carcharias wacht man dann eh wieder auf: beim großen Weißen Hai - und seiner Musik. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD; Printausgabe, 11.1.2011)

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