Man kann risikofreudig und vorsichtig gleichermaßen sein

16. Jänner 2011, 19:58
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Experiment zur Analyse individueller Einstellungen zeigt: dieselbe Person könnte zugleich zu Risiken neigen und trotzdem vorsichtig sein

Es ist ein altes Problem der Ökonomik: Begnügt sich eine Person mit dem Spatz, oder nimmt sie lieber doch das Risiko auf und stellt der Taube auf dem Dach nach? Und unter welchen Umständen tut sie was? Mit anderen Worten: Will man individuelle Risikoeinstellungen darstellen, so sind sowohl der erwartete Nutzen riskanter Alternativen einerseits, sowie die Wahrnehmung von Wahrscheinlichkeiten andererseits wichtige Komponenten.

In einem Laborexperiment haben Eva-Maria Steiger vom Max-Planck-Institut für Ökonomik in Jena und Jianying Qiu von der Universität Wien nun erstmals das Verhältnis dieser beiden Komponenten zueinander untersucht - und keinen eindeutigen Zusammenhang gefunden. Ein möglicher Schluss aus diesem Ergebnis: in den Risikoeinstellungen derselben Person könnten zugleich Risikoneigung und große Vorsicht zu finden sein.

Entscheidungen aufgrund lückenhafter Informationen

Die Erfassung und Beschreibung des menschlichen Entscheidungsverhaltens ist eines der großen Forschungsthemen in den Sozialwissenschaften. Eine besondere Rolle kommt dabei dem Umgang mit Risiken zu, da fast alle Entscheidungen unter Unsicherheit bzw. auf der Grundlage unvollständiger Informationen getroffen werden müssen. Die zwei bekanntesten Theorien zur Bewertung von Risiken sind die Erwartungsnutzentheorie (expected utility theory) und die Prospect Theorie, im Deutschen auch Neue Erwartungstheorie genannt.

Nach der Erwartungsnutzentheorie werden die möglichen Ergebnisse mit einer individuellen Nutzenfunktion bewertet, und dann der jeweilige individuelle Nutzen mit der Wahrscheinlichkeit des Ergebnisses gewichtet (multipliziert). Die Prospect Theorie fügt (neben der individuellen Bewertung von Ergebnissen) noch eine weitere Komponente hinzu: die individuelle Bewertung von Wahrscheinlichkeiten. Dabei können die Wahrscheinlichkeiten von einem Entscheider jeweils individuell optimistisch oder pessimistisch gewertet werden. Nach der Prospect Theorie lassen sich diese Bewertungen einer individuell gewichteten Wahrscheinlichkeitsfunktion abbilden.

"In welchem Verhältnis diese beiden Komponenten zueinander stehen, wurde unseres Wissens bislang noch nicht untersucht", sagt Eva-Maria Steiger. Angenommen wurde bislang - meist stillschweigend - die Unabhängigkeit beider. "Dabei ist es wichtig, diese Frage zu stellen", erklärt Steiger, "denn läge eine signifikante Korrelation zwischen beiden vor, wäre die Messung der anderen Komponente redundant."

Keine signifikante Korrelation

Im Jenaer Computerlabor des MPI für Ökonomik haben Steiger und Qiu hierzu im Juni 2008 ein Experiment durchgeführt. In insgesamt 72 Runden erfassten sie dabei das individuelle Entscheidungsverhalten von insgesamt 124 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Im ersten Teil wurden Entscheidungen abgefragt, um die Einstellung hinsichtlich der Nutzenerwartungstheorie, also der individuellen Bewertung der Ergebnisse zu schätzen. Hierzu wurden Auszahlungen variiert, die Wahrscheinlichkeiten jedoch konstant gehalten. Im zweiten Teil wurden dann bei fixierten Auszahlungen die Wahrscheinlichkeiten variiert, um eine individuelle Wahrscheinlichkeitsgewichtung zu erhalten.

Aus den Ergebnissen wurde eine individuelle Bewertungsfunktion der Auszahlungen (Erwartungsnutzen) und eine individuelle Bewertung der Wahrscheinlichkeiten ermittelt. Danach wurde untersucht, inwieweit sich aus der Risikoeinstellung in der einen Komponente eine Risikoeinstellung zur anderen Komponente ableiten lässt. Eine signifikante Korrelation zwischen beiden Komponenten konnten Steiger und Qiu jedoch nicht feststellen.

"Unsere Studie stützt die Annahme, dass beide Komponenten voneinander unabhängig sind und unterstreicht damit die Kritik an der Erwartungsnutzentheorie, dass diese nur eine unzureichende Abbildung der individuellen Risikoeinstellungen ermöglicht." Um die Risikoeinstellungen einer Person zureichend abbilden zu können, so das Fazit von Steiger und Qiu, sollte deshalb auf keine der beiden Komponenten verzichtet werden. (red)

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    "Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach?"

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