Im falschen Zug

9. Jänner 2011, 18:17
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Kunden sind für die ÖBB potenzielle Gauner

Dass es bis zur Liberalisierung des Schienenpersonenverkehrs in Österreich nur mehr elf Monate sind, dürfte im ÖBB-Personenverkehr noch niemand realisiert haben. Falls schon, bleibt ÖBB-Holding-Chef Christian Kern kaum Zeit, um die trägen Manager des Staatsmolochs gegen wendige Konkurrenten auf Trab zu bringen.

Nach derzeitigem Stand der Dinge hat die ÖBB ihrem Mitbewerber Westbahn AG wenig bis gar nichts entgegenzusetzen. Strabag-Chef Hans Peter Haselsteiner hat sich für sein Bahnabenteuer bezeichnenderweise einen ehemaligen ÖBB-Personenverkehr-Manager und die französische Staatsbahn als potenten Aktionär geangelt. Sie werden ihre Fahrkarten direkt im Zug verkaufen und sich so teure, komplizierte Automaten ersparen. Die ÖBB hingegen schafft ihre Schaffner ab, wo sie nur kann. Jene Zugbegleiter, die es im Nah- und Regionalverkehr noch gibt, dürfen skurrilerweise zwar Bußgelder kassieren, wenn sie Fahrgäste ohne Ticket erwischen, ihnen aber keine Fahrkarten verkaufen. Kunden sind für die ÖBB potenzielle Gauner - und die werden rasch erkennen, wo sie besser bedient werden.

Gar nichts kapiert hat Verkehrsministerin Doris Bures. Sie redet ständig Verbesserungen im ÖBB-Kundenservice das Wort, Geld für neue Züge und bessere Verbindungen gibt sie aber nicht. Lieber schichtet sie Geld vom Bahnbetrieb in den Tunnelbau um. Unfälle und Verspätungen werden sich wieder häufen, dann kommt der Katzenjammer. (Luise Ungerboeck, DER STANDARD, Printausgabe, 11.1.2011)

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