Haiti: Wo die internationale Hilfe versagt

10. Jänner 2011, 12:26
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    foto: apa/robert jaeger

    Karunakara: Zu viel "Koordination", zu wenig Effizienz.

Das Erdbeben vom 12. Jänner 2010 war höhere Gewalt. Die akute Cholera-Epidemie muss angesichts der Unzulänglichkeiten des UN-Hilfssystems der Kategorie der vermeidbaren Katastrophen zugerechnet werden

Haiti ist eigentlich eine unübliche Kulisse für die jüngsten Verfehlungen des humanitären Hilfssystems: Das Land ist klein und gut zugänglich - und seit dem Erdbeben im Januar findet dort einer der größten und am besten finanzierten internationalen Hilfseinsätze weltweit statt. Geschätzte 12.000 Nichtregierungsorganisationen sind vor Ort. Warum aber mussten mindestens 2000 Menschen an Cholera sterben - an einer Krankheit, die leicht zu verhindern und zu behandeln ist?

Ende November kam ich in Haitis Hauptstadt Port-au-Prince an und fand meine Kollegen von Ärzte ohne Grenzen mit kaum zu bewältigender Arbeit vor: Sie hatten bereits mehr als 30.000 Cholera-Patienten behandelt. Wir und eine Gruppe kubanischer Ärzte taten unser Bestes, um täglich hunderte Patienten zu behandeln, aber nur wenige andere Organisationen taten Grundlegendes zur Kontrolle der Cholera, wie das Chlorieren von Wasser oder Abfallmanagement.

Noch immer Orte ohne Abfallbeseitigungsystem

Zehn Tage nachdem der Ausbruch Port-au-Prince erreicht hatte, mussten unsere Teams feststellen, dass die Einwohner des Slums Cité Soleil noch immer keinen Zugang zu chloriertem Trinkwasser hatten, obwohl Hilfsorganisationen im UN-Cluster für Wasser und Sanitär extra Gelder angenommen hatten, um genau diesen Zugang sicherzustellen. So begannen wir selbst, Wasser zu chlorieren. Noch heute gibt es nur an einem Ort der 3,5 Millionen-Stadt ein funktionierendes Abfallbeseitigungssystem. Mittlerweile hat sich die Epidemie im ganzen Land ausgebreitet. Mehr als 100.000 Menschen sind erkrankt, mindestens 2000 ums Leben gekommen.

Angesichts dieses grausamen Ausbruchs wurden Untersuchungen über dessen Ursachen durchgeführt - aber nicht veröffentlicht, obwohl diese Informationen elementar für das Verstehen des Ausbreitungsverlaufs sind. Theorien über die Ursprünge der Cholera reichen von der Kontaminierung des Flusses Artibonite durch UN-Friedenstruppen über Klimaveränderungen bis hin zu Vodoo-Zauber. Fehlende Transparenz, Angst und Argwohn haben Gewalt provoziert. Die Angst der Bevölkerung wird durch die Katastrophen-Prognose der pan-amerikanischen Gesundheitsorganisation (Paho), einer Schwesterorganisation der Weltgesundheitsorganisation, noch verstärkt.

Verlassene Kliniken im Umland

Zu keinem Zeitpunkt hat das Paho-Modell zum effektiven Einsatz von Hilfe geführt. Im Gegenteil: Ein großer Teil der Hilfe konzentriert sich auf Port-au-Prince, während unerfahrene Gesundheitsarbeiter in ländlichen Gebieten, in denen die Cholera grassiert, kaum Unterstützung erhielten. Teams von Ärzte ohne Grenzen entdeckten Gesundheitszentren, in denen lebensrettende orale Rehydrierungsflüssigkeiten ausgingen und Kliniken, die einfach verlassen wurden.

Obwohl vielen NGOs noch immer ausreichend Gelder aus der Erdbebenzeit zur Verfügung stehen, rufen sie vor diesem Hintergrund zu neuen Spenden auf. Das UN-Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) betont wiederholt, dass ihr Aufruf nach 174 Millionen US-Dollar, mit denen in erster Linie private Organisationen begünstigt werden sollen, eine zu geringe Unterstützung findet.

Trotz der Tatsache, dass Haiti unter den UN-Spendenaufrufen des Jahres 2010 an erster Stelle steht. Dass nahezu eine Million Haitianer in dieser ausgewachsenen medizinischen Katastrophe obdachlos sind und bleiben, lässt Argumente, dass existierende Gelder in längerfristigen Programmen gebunden sind, unglaubwürdig klingen.

Schlechtes Licht auf internationale Hilfe

Die unzureichende Reaktion auf die Cholera in Haiti - unmittelbar nach den nur schleppenden und hoch politisierten Fluthilfemaßnahmen für Pakistan - wirft ein schlechtes Licht auf das internationale Hilfssystem, dessen Architektur in den vergangenen 15 Jahren gründlich weiterentwickelt wurde.

Im den 90er-Jahren entwickelten die Vereinten Nationen einen bedeutenden institutionellen Apparat, um humanitäre Hilfe leisten zu können und gründeten 1992 das UN-Büro für Humanitäre Angelegenheiten - später OCHA. Damit kreierten sie die Illusion eines zentralisierten und effizienten Hilfssystems. Im Jahr 2005, nach dem Tsunami in Asien, wurde das System mit der Schaffung eines kurzfristigen Notfallfinanzierungsmechanismus (Cerf) erneut aktualisiert und das sogenannte Cluster-System für die Verbesserung der Nothilfekoordination entwickelt.

Heute ist die Landschaft der Hilfsorganisationen mit Cluster-Systemen für Bereiche wie Gesundheit, Unterkunft, Wasseraufbereitung und sanitäre Versorgung gefüllt, die unrealistischerweise versuchen, Hilfsorganisationen - große und kleine unterschiedlicher Kapazitäten - unter einer Führung zusammenzubringen. Seit dem Erdbeben zählt das UN-Gesundheitscluster allein 420 Organisationen in Haiti.

Versagen des Systems

Statt technische Unterstützung anzubieten, von denen viele NGOs profitieren könnten, sind diese Cluster bestenfalls geeignet, Basisinformationen und wenige konkrete Lösungen während einer sich rasch ausbreitenden Notlage weiterzugeben. Ich erlebte, wie der haitianische Präsident René Préval persönlich den Vorsitz bei einem Gesundheits-Cluster-Meeting inne hatte - ein letzter verzweifelter Versuch, der Choleraeindämmung Starthilfe zu geben. Das machte das Versagen des Systems nur zu deutlich.

Koordination von Hilfsorganisationen mag für die Geberregierungen gut klingen, die politischen Einfluss suchen. In Haiti allerdings legitimiert dieses System Organisationen, die Zuständigkeiten für Gesundheit, Wasserversorgung oder andere Bereiche einfordern, dann aber nicht die Kapazitäten oder das Know-how haben, die notwendige Arbeit auch auszuführen. Das Ergebnis: Die Grundbedürfnisse der Menschen bleiben unerfüllt. Natürlich ist auch Koordination wichtig, aber sie muss realitätsnah und handlungsorientiert sein und darf nicht, wie hier geschehen, zum Selbstzweck verkommen.

In Haiti wird der Choleraausbruch daher in absehbarer Zukunft wohl weitere Menschenleben fordern - unnötigerweise: Das Scheitern der internationalen Hilfe in ihrer Gesamtheit ist für die tragische Entwicklung mitverantwortlich. (Unni Karunakara, DER STANDARD-Printausgabe, 10.1.2011)

Unni Karunakara ist internationaler Präsident von Ärzte ohne Grenzen / Médecins Sans Frontières (MSF).

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    15 Postings
    Section Control
    01
    11.1.2011, 07:27
    Wener Maria Wagner, Pfarrer von Windischgasten

    90% der Haitaner hängen dem Vodoo Glauben an. Das mag zwar nicht das Erdbeben begründen, aber über "Religion sozialisiert" vielleicht doch auch ein wenig den Rest. Oder hat man es schon gesehen, dass ein Kommunist in die eigene Tasche wirtschaftet?

    Marie Sandoz
    00
    12.1.2011, 14:03
    Der letzte Satz ist aber wohl ein bisschen

    drollig!

    Johannes Benn
    21
    10.1.2011, 16:38
    .

    die internationale hilfe hat versagt? wie sähe es denn ohne die aus?
    denkt auch jemand daran, dass die situation vielleicht teilweise mit dem verhalten der haitianer selbst zusammenhängt - auf das grauenhafte erdbeben konnten sie sich sowenig vorbereiten wie irgendjemand sonst, aber das ausbrechen der cholera hätten sie auch selbst erschweren können

    dub_selecta
    00
    10.1.2011, 16:27
    mal sollte auch mal erwähnen...

    ...das haiti - wie auch schon andere länder in not - bei der einfuhr von hilfsgütern sehr strenge kontrollen haben und die hälfe der gespenden sachen erst gar nicht ins land lässt... die genauen gründe dazu sind mir leider auch nicht bekannt...
    - > ich finde allerdings sehr schade das so leute wie ich desshalb gar nichts spenden können weil ich 'angst' habe das ich damit nur die taschen von irgendwelchen korrupten typen fülle...that sucks...

    radioactif
    14
    10.1.2011, 13:26
    frage an die redaktion

    was tun eigentlich die haitianer selbst um diese situatin zu bewätigen ?

    so wie es hier geschildert wird, tun die überhaupt nichts und haben den status von kleinen unmündigen kindern ...

    buena1vista1
    01
    10.1.2011, 10:40
    Es ...

    wurden Milliarden gespendet und von der Staatengemeinschaft zugesichert.

    A) wo ist dieses Geld?
    B) was wurde damit "gemacht"?

    Dr. Viktor Frankenstein
    00
    10.1.2011, 11:58
    ... obwohl Hilfsorganisationen im UN-Cluster für Wasser und Sanitär extra Gelder angenommen hatten, um genau diesen Zugang sicherzustellen ...

    Es duerfte klar sein dass Korruption diese Gelder schnell in andere Taschen versickern laesst.

    Hukub
    03
    10.1.2011, 08:18
    Bemerkenswert

    Der Kommentar ist umso bemerkenswerter, als Unni Karunakara der internationale Präsident von Ärzte ohne Grenzen ist.
    Und daher aus der Praxis die Gefahr kennt, dass mit viel multilateraler Pseudo-Koordination und endlosen Vorbereitungsanalysen Zeit und auch Geld verschwendet wird, obwohl schnelle direkte Hilfe möglich ist. Und er sicher auch über die Gefahr Bescheid weiss, mit seiner Kritik Applaus von denjenigen zu kriegen, die den Artikel nur halb lesen und mit pavlov-hund-artigem Gegeifer mit ONG/Gutmenschen-Bashing reagieren werden...
    Humanitäre Hilfe bleibt die Hoffnung vieler Menschen, nicht nuir in Haiti, sie darf nur nicht unnötig in ihrer Effizienz behindert werden.

    al vvi
    51
    10.1.2011, 01:41

    Die Hilfsorganisationen gehoeren alle des Landes verwiesen. Es kann nicht schlechter werden als es ist, Ihre Unfaehigkeit haben Sie bewiesen.

    Cogito Ergo Dumm
    02
    10.1.2011, 09:22
    Na klaro

    Ärzte ohne Grenzen hat 30.000 Menschen behandelt, aber laut schreien, dass die nichts bringen...

    Scheuklappen ablegen!

    el locombiano
    06
    Geschätzte 12.000 Nichtregierungsorganisationen sind vor Ort ????

    die verwalten wohl nur sich selbst und die anderen Organisationen

    Mastermix
    01
    10.1.2011, 11:24
    12000

    kommt mir auch komisch vor. ob NGO mitarbeiter gemeint sind?

    Johannes99
    03
    Ich kann mir das so nicht vorstellen

    Gespendet wurde enorm. Bloß es kommt nicht an, heißt es immer wieder. Wie auch? Eine devastierte Gesellschaft, Korruption, praktisch keine Regierung. Es gibt null Infrastruktur, auf die Hilfe aufbauen könnte. Und es gibt keine Hoffnung, dass das besser wird. Haiti war schon immer ein unsägliches Armenhaus, heute ist es die Hölle. Wie soll man jemandem helfen, der sich nicht selber helfen will. Stellt neue Häuser auf klingt gut. Bloß wo? Wem gehört das Grundstück? Keiner kann diese Fragen beantworten ...

    Michel Berger
    00
    10.1.2011, 17:22
    ..... heute ist es die Hölle - allerdings eine selbstgemachte Hölle!

    Warum ist es möglich, daß jenseits der Haitianischen Grenze - in der Dominikanischen Republik - zwar nicht unbedingt Reichtum, aber immerhin ein gewisses Maß an Wohlstand herrscht?

    Sich auf die Diktatur der Duvaliers hinauszureden greift zu kurz und es läge sehr wohl auch an der Bevölkerung, mit Korruption und Anspruchsdenken aufzuräumen und die eigene Zukunft selbst in die Hände zu nehmen.

    Allerdings, so lange diese Leute ohne Gegenleistung sowieso von Hilfsorganisationen durchgefüttert werden
    ist nicht zu erwarten daß sich Mentalität und lieb gewordene Gewohnheiten ändern.

    Dazu kommt noch das ungebremste Bevölkerungswachstum, das über kurz oder lang Haiti endgültig zu Grunde richten wird.

    lechner sepp
    03
    10.1.2011, 02:58
    Guter Kommentar

    Und es gab auch noch nie ein funktionierendes abfallsystem

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