"Bringen zu Ende, was die Väter begonnen haben"

9. Jänner 2011, 17:29
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Referendum im Südsudan - Reportage aus Juba

Ab Sonntag stellten sich die Menschen in der südsudanesischen Hauptstadt Juba an, um über eine Sezession des Südsudan vom Norden abzustimmen. Der südsudanesische Präsident Slava Kiir stimmte als Erster ab.

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Eigentlich wollte er der Erste sein, der abstimmt. "Aber das haben sich offensichtlich einige gedacht", sagt Wilson Mathar, während er geduldig in der mehreren hundert Meter langen Menschenschlange wartet. Auf den Straßen Jubas herrscht bereits seit drei Uhr früh reges Treiben. Bunte Kleider, Hemden, Krawatten - man hat sich rausgeputzt, doch statt zur Sonntagmesse führt der Weg heute zu einem der über 100 in der Stadt verteilten Wahllokale. Tatsächlich wählt der südsudanesischen Präsident Salva Kiir als Erster. Um acht in der früh gibt er den landesweiten Startschuss für das einwöchige Unabhängigkeitsreferendum im Südsudan. In einer knapp gehaltenen Rede spricht der Mann mit dem Westernhut von einem historischen Tag und ruft die Sicherheitskräfte auf, alle Wähler und auch die im Süden lebenden Nordsudanesen zu schützen.

Es folgt der Urnengang der restlichen Führungsriege der Sudanesischen Volksbefreiungsbewegung (SPLM), Generäle, Minister - viele von ihnen bekleiden beide Ämter. Der Geruch von teurem Parfum liegt in der Luft. "Vor uns liegt noch einiges an Verhandlungsarbeit mit dem Norden: Die Frage der Staatszugehörigkeit nomadischer Stämme, das Öl und die noch ungeklärten 20 Prozent Grenzverlauf - aber das werden wir schon schaffen" , gibt sich Informationsminister Barnaba Marial optimistisch.

Gleich daneben steht ein Herr mit angegrautem Haar, umzingelt von Kamera-Teams. Hollywoodstar George Clooney schüttelt Hände, das Nespresso-Lächeln wirkt aufrichtig. Er erzählt von seinem Satellitenüberwachungsprogramm im Sudan und wieso die Welt nicht nur jetzt, sondern auch in den weiteren Wochen und Monaten die Augen offen halten muss. Auch Ex-US-Präsident Jimmy Carter und Ex-UN-Generalsekretär Kofi Annan sind vor Ort.

Wählen per Fingerabdruck

Begleitet von traditionellen Trommelklängen gehen die Wähler zu den Urnen. Freiwillige Mitarbeiter der Referendumskommission verteilen Wasserflaschen. Wer eine gültige Registrierungskarte besitzt, darf eines der zwei militärgrünen Abstimmungszelte betreten. Gewählt wird per Fingerabdruck - ein Großkarton voller Tintenfässer steht bereit.

Susanne Rufos lässt ihre Stimmkarte feierlich in die Wahlurne fallen und besiegelt ihr Votum mit einem schrillen Schrei. "Wir bringen heute zu Ende, was unsere Großväter und Väter begonnen haben", sagt die Mitarbeiterin einer Studentenorganisation stolz. Akez G. wirkt dagegen etwas enttäuscht: "Bei den Präsidentschaftswahlen im April habe ich gleich dreimal abgestimmt, das geht diesmal nicht", sagt er mit schelmischem Grinsen. Um den reibungslosen Ablauf des Referendums zu garantieren, hat der Südsudan Wahlbeobachter aus aller Welt eingeladen. "Es ist entscheidend, dass das Referendum transparent und ohne größere Unregelmäßigkeiten über die Bühne geht, damit das Ergebnis nicht im Nachhinein angefochten werden kann" , erklärt EU-Parlamentarierin Veronique de Keyser, die Leiterin der EU-Wahlbeobachter vor Ort.

Nach der Abstimmung, werden die Wähler von Freunden und Familienangehörigen feierlich mit dem "High Five" - ("Gib mir Fünf") Handschlag begrüßt. Die offene Hand soll dabei auch das auf dem Stimmzettel abgebildete Symbol für die Loslösung vom Norden widerspiegeln. Die Stimmung ist euphorisch, nur die Elitesoldaten auf den mit schweren Maschinengewehren ausgestatten Jeeps wirken etwas angespannt.

Angespannt bleibt auch die Lage in den Grenzregionen zum Norden. Aus der Stadt Malakal mehren sich die Berichte von feststeckenden südsudanesischen Flüchtlingen aus dem Norden. "Die armen Schweine können nicht wählen, weil sie sich im Norden nicht registrieren konnten", sagt ein junger Mann. (David Kriegleder aus Juba/DER STANDARD, Printausgabe, 10.1.2011)

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    Am Sonntag in einer Wahlzelle in Kadugli in der Region Kordofan: Die Südsudanesen haben eine Woche Zeit, um über die Unabhängigkeit abzustimmen.

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