Biss mit Folgen

9. Jänner 2011, 17:17
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Verletzungen durch Tiere passieren oft aus heiterem Himmel- Sie können gefährliche Entzündungen auslösen, denn in vielen Mäulern verstecken sich Krankheitserreger

Er wollte nicht nur spielen. Vielleicht hat der Fahrradfahrer den Hund gereizt oder erschreckt. Jedenfalls hat der Köter zugebissen. Nicht stark, nur die Eckzähne haben sich in die Haut gebohrt. Was tun? Zum Arzt gehen oder reicht Desinfektionsmittel? Der Hundebesitzer entschuldigt sich und versucht, die Verletzung zu verharmlosen. Nicht hilfreich.

Niemand weiß genau, wie häufig sich solche Szenen ereignen, berichtet wird immer nur über die schlimmen Fälle mit Gruselpotenzial. Dabei ist die Dunkelziffer hoch. "Gebissen wird oft, aber passieren tut recht selten was", sagt Wolfgang Graninger, Leiter der Abteilung Infektiologie und Tropenmedizin des Universitätsklinikums Wien. Es komme eben darauf an, von welchem Tier man erwischt wird, so der Mediziner.

Die Verletzungen an sich bereiten meist keine ernsthaften Probleme, das größte Risiko liegt bei einer möglichen Infektion. Und da gibt es erhebliche Unterschiede. Von Hunden zum Beispiel geht zwar das höchste Beißpotenzial aus, ihre Bisse entzünden sich allerdings nicht so leicht. Sie verursachen eher offene Wunden, die stark bluten. Dadurch werden gefährliche Bakterien schneller ausgeschwemmt und können sich nicht festsetzen.

Katz und Maus

Ganz anders ist es, wenn Mieze mal nicht nur die Zähne zeigt, sondern diese auch benutzt. "Die Katze beißt klein rein, aber dafür ist ihr Biss umso gefährlicher", erklärt Wolfgang Graninger. Die nadelscharfen Fangzähne dringen tief ein und drücken so die Keime hinunter ins Fleisch. Durch den engen, sich rasch schließenden Wundkanal tritt oft kaum Blut aus. Solche Verletzungen werden schnell ignoriert - mit manchmal verheerenden Folgen. Katzen können genauso wie Hunde in ihrem Maul ein wahres Heer aus möglichen Krankheitserregern beherbergen. Selbstverständlich schnappen auch andere Haus- und Wildtiere immer wieder mal zu. Nager verursachen jedoch weitaus weniger Entzündungen, als man vermuten würde. Bei Rattenbissen, so Graninger, gibt es fast nie Komplikationen. Ganz infektionsträchtig seien dagegen die Bisse von Homo sapiens selbst. "Der, der andere beißt, hat meist eine schlechte Zahnpflege", sagt Graninger.

Viele der auf tierischen und menschlichen Gebissen lauernden Keime können sich äußerst aggressiv gebärden. "Eine Infektion tritt normalerweise innerhalb von 24 Stunden auf." Bei einem schlimmen Verlauf kann es später zu einer Sepsis (Blutvergiftung) kommen. "Besonders übel sind Bissverletzungen im Gesicht, da entwickeln sich Entzündungen doppelt so schnell", betont Graninger. Der Hintergrund: Gesichtspartien seien besonders gut durchblutet, was wiederum der Ausbreitung von ins Gewebe eingedrungen Bazillen Vorschub leiste. Tückisch ist auch eine Bakterienspezies namens Pasteurella multocida. Sie kann sich überall im Körper einnisten. Bei einer älteren Wiener Dame löste P. multocida nach einem Katzenbiss eine gefährliche Endokarditis aus. Die Erreger waren in ihr Herz gelangt und vermehrten sich dort. Eine intensive Antibiotika-Therapie und eine Operation retteten der Frau das Leben.

Clostridium tetani, der Verursacher des gefürchteten Tetanus, kann ebenfalls durch Bisse übertragen werden. Diese Bakterienspezies gedeiht nur unter sauerstofffreien Bedingungen. Tiere nehmen Tetanus-Sporen vom Boden auf, und sie überdauern als harmlose Kommensale in deren Mäulern. Sobald die Keime aber unter Luftausschluss in eine Verletzung geraten, beginnen sie sich fortzupflanzen. Ohne Impfschutz erkrankt das Bissopfer an Wundstarrkrampf. Nicht selten tödlich.

Maßnahmen setzen

Für die Behandlung von Tierbissen gibt es einige entscheidende Regeln, erklärt Graninger. Die Wunden dürfen nie zugenäht werden, betont der Experte vehement. "Auch nicht im Gesicht." Als Erste Hilfe sollten die Verletzungen mit reichlich fließendem Wasser ausgewaschen werden. Anschließend desinfizieren, und zwar bevorzugt mit Jod. Verletzte Glieder stellt man am besten ruhig.

In den meisten Fällen ist es ratsam, einen Arzt aufzusuchen. Graninger mahnt: Beim ersten Anzeichen einer Entzündung muss der Patient sofort Antibiotika verabreicht bekommen. Schwellungen, Rötungen und das typische Pochen an der Wundstelle sind deutliche Warnsignale. Manche Mediziner empfehlen sogar, bei jedem Tierbiss sofort mit einer Antibiotika-Behandlung zu beginnen. Gegen die übertragenen Bakterien sind zum Glück das klassische Penicillin und verwandte Mittel normalerweise noch wirksam.

Es gibt allerdings noch eine andere drohende Gefahr: die Tollwut. Sie wird von Viren ausgelöst und kann somit nicht mit Antibiotika bekämpft werden. In Österreich ist Tollwut dank flächendeckender Immunisierung von Wild- und Haustieren praktisch ausgestorben, doch in anderen Ländern ist die Seuche nach wie vor weit verbreitet. "In Indien explodiert gerade die Tollwut", warnt Graninger. Vor allem auf Fernreisen sei deshalb Achtsamkeit geboten. Ein junger Österreicher, der vor kurzem in Marokko von einem kleinen Hund gebissen wurde, infizierte sich so mit dem Virus. Er starb nach seiner Heimkehr. Befallene Tiere - auch wild lebende - verlieren die Scheu vor Menschen. Wer von so einem Vierbeiner erwischt wird, muss sich sofort gegen Tollwut impfen lassen. Ist die Krankheit einmal ausgebrochen, gibt es kaum noch Rettung. (Kurt de Swaaf, DER STANDARD Printausgabe, 10.1.2011)

 

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    Von Hunden geht das höchste Beißpotenzial aus, ihre Bisse entzünden sich aber nicht so leicht.

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