Keine Angst vor Chinas Kaufrausch

9. Jänner 2011, 09:19
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Weder über Staatsanleihen noch Unternehmensanteile kann Peking in Europa echten Einfluss gewinnen

Im Herbst 1989 erwarben zwei  japanische Konzerne Kronjuwelen der USA. Sony kaufte Columbia Pictures und Mitsubishi erwarb das New Yorker Rockefeller Center. Die japanische Wirtschaft war damals ebenso wie der Aktienmarkt und die Immobilienpreise an einem Höhepunkt. Die Einkauftour der Japaner galt als weiterer Beweis für die wirtschaftliche Eroberung der Welt durch die Ostasiaten.

Vielleicht erinnert sich noch jemand, wie die Geschichte weiterging: Die beiden Investitionen erwiesen sich als Fehlgriffe, die beide Konzernen Milliarden kosteten. Und bald darauf geriet auch die japanische Wirtschaft in eine tiefe Krise, aus der sie sich bis heute nicht wirklich erholt hat.

All jene, die derzeit vor der wirtschaftlichen Bedrohung durch China warnen und dabei vor allem auf die wachsenden Milliardeninvestitionen im Ausland verweisen, die auch bei der Europareise des chinesischen Vizepremiers Li Keqiang ein Thema sind, sollten das Beispiel Japans im Kopf behalten.

China wird wahrscheinlich nicht in eine Stagnation wie Japan verfallen – obwohl auch die möglich ist, sobald die Bevölkerung nicht mehr wächst. Aber bloß weil eine Nation und ihre Konzerne in aller Welt Vermögenswerte aufkaufen, ist das weder ein Zeichen besonderer Macht noch besonderen wirtschaftlichen Erfolgs.

China investiert aus einem einzigen Grund im Ausland: Es hat keine andere Wahl. Durch seine Überschüsse in der Leistungsbilanz häuft es jedes Jahr häuft Milliarden an Devisen an, die es irgendwo anlegen muss. Im eigenen Land ginge das nur, wenn es die Devisen wieder verkauft und dafür die eigene Währung, den Renminbi, kauft, doch das würde genau zu jener Aufwertung führen, die Chinas Führung unbedingt vermeiden will.

 Bisher haben die Chinesen vor allem amerikanische Staatsanleihen erworben und damit das US-Leistungsbilanzdefizit finanziert. Auch das war unvermeidbar, weil das Defizit die Kehrseite der chinesischen Überschüsse ist. Diese sind zwar in den vergangenen Jahren zwar zurückgegangen, dürften 2010 aber immer noch gewaltige 270 Milliarden Dollar betragen, oder fünf Prozent des chinesischen Bruttoinlandsprodukts. 

Hat China, der größte Gläubiger, damit die USA in der Hand? Wohl kaum, denn das einzige, womit es Druck ausüben könnte, wäre, US-Staatsanleihen nicht mehr zu erwerben. Dann würde der Dollar rasch fallen, was notgedrungen zu einer unerwünschten Aufwertung des Renminbi führen und den Wert der chinesischen Devisenreserven dramatisch drücken würde. Die chinesische Staatsbank ist daher die Getriebene: Sie muss weiterhin US-Staatsanleihen kaufen.

Was sie kann, ist ihre Devisenreserven allmählich zu diversifizieren, weg vom Dollar hin zu anderen Währungen. Dafür aber kommt fast nur der Euro infrage, weil Yen, Pfund und Schweizer Franken nicht genug Liquidität bieten.Das macht den Ankauf von Euro-Staatspapieren durch China nicht zu Machtpolitik, sondern zu normalem Anlageverhalten.

Nun könnte China sich auf besonders sichere Anleihen aus Deutschland, Österreich und den Niederlanden beschränken, deren niedrige Zinsen durch großvolumige Ankäufe allerdings weiter sinken würden.

Dass China auch die ungeliebten Anleihen aus den Euro-Krisenstaaten Griechenland, Irland, Portugal und Spanien erwirbt, die viel mehr Rendite abwerfen und durch EU-Haftungen geschützt sind, ist weder eine großzügige Geste noch ein hinterlistiges Hilfsangebot, sondern erneut einfach eine vernünftige Portefeuille-Strategie - mi dem angenehmen Nebeneffekt, dass sich Chinas Vizepremier damit in Europa gewisse Sympathien erwirbt.

Wie aber schaut es mit dem Kauf von Aktien und Unternehmen aus? Hier sind die Ängste vor der chinesischen Expansion noch viel größer. 2005 hat der amerikanische Kongress das chinesische Kaufangebot für den kalifornischen Ölkonzern Unocal blockiert, weil man Chinas Einfluss auf die US-Ölversorgung fürchtete.  Auch chinesische Investitionen in Afrika, vor allem in Rohstoffen und Land, werden als massiver Gewinn von Einfluss gewertet.

Nun kann es schon sein, dass ein Auslandsinvestor in einem armen, politisch schwachen Land viel Einfluss hat. Aber auch dies ist nicht immer der Fall. Denn jede Regierung hat die Möglichkeit, auch mächtige multinationale Konzerne zu besteuern, drangsalieren oder sogar zu enteignen. Südamerikas Populisten von Hugo Chavez bis Evo Morales haben das in den vergangenen Jahren vorexerziert.

In reichen, politisch stabilen Staaten ist Eigentum hingegen ein kein effektives Machtinstrument, und ausländisches Eigentum schon gar nicht. Dass Volvo seit dem Frühjahr 2010 chinesische Eigentümer hat, gibt das ihnen keinerlei Einfluss oder gar nur Gestaltungsmöglichkeit in Schweden. Aber selbst wenn China gleichzeitig Volkswagen und Renault erwerben würden, würde Europas Industriepolitik nicht in Peking gemacht werden.

Zwar können Eigentümer über zukünftige Investitionen entscheiden und Standorte erweitern oder schließen, aber das ist schon so ziemlich alles. Die Machtmittel von Regierungen – über Regulierung, Steuern, oder auch politische Einflussnahme – sind deutlich größer.

Am Ende stellt sich nur die Frage, ob solche Investitionen langfristig gewinnbringend sind und China damit reicher machen, oder sich als Flops erweisen. Die Bilanz von Aufkäufen aufstrebender Staaten ist eher negativ: Meist kaufen sie zu teuer und managen schlecht.

Unter dem, was China in den kommenden Jahren in Europa kauft, werden sich wohl einige Rockefeller Centers verbergen.  China kann sich solche Verluste leisten. Ein Grund zur Sorge oder gar Panik ist es jedenfalls nicht.

  • Bei BMW.
    foto: epa/tobias¦hase

    Bei BMW.

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