Opferzahl steigt

13. Jänner 2011, 15:43
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Menschenrechtsbündnis: Bisher 66 Tote - Armee zieht sich aus Tunis zurück

Tunis/Paris - Die Zahl der Toten bei den blutigen Unruhen in Tunesien steigt weiter an. Mindestens sechs Menschen kamen bei gewaltsamen Ausschreitungen am Mittwoch nach Angaben von Augenzeugen ums Leben. Ein 25-Jähriger wurde im Zentrum der Hauptstadt Tunis von einer Kugel in den Kopf getroffen. Weitere Tote wurden aus Douz und Tataouine im Süden des Landes gemeldet. Eine schweizerisch-tunesische Doppelstaatsbürgerin wurde in Dar Chaabane in Nordtunesien am Rande einer Demonstration von einer Kugel getroffen.

Trotz einer nächtlichen Ausgangssperre in Tunis war es in der Nacht auf Donnerstag erneut zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen jugendlichen Demonstranten und Sicherheitskräften gekommen. Die Ausschreitungen ereigneten sich in den Vorstädten der tunesischen Hauptstadt, Ettadhamoun und Intilaka, wie Augenzeugen berichteten. "Wir haben die ganze Nacht Schüsse und Schreie gehört", sagte eine Krankenschwester.

Gegen hohe Arbeitslosigkeit

Noch am Donnerstagmorgen waren über zwei Gebäuden Rauchsäulen zu sehen - die Feuerwehr versuchte, in den von Schutt übersäten Straßen das Feuer zu löschen. Mehrere Gebäude wurden beschädigt, zum Teil waren die Fensterscheiben geborsten. Auch Geschäfte und eine Apotheke wurden beschädigt.
Die Armee zog sich am Donnerstag aus Tunis zurück. Stattdessen wurden Spezialeinheiten der Polizei im relativ belebten Zentrum stationiert. Einsatzkommandos der Polizei mit gepanzerten Fahrzeugen lösten die Armee vor zentralen Plätzen und Verkehrsknotenpunkten ab.

Die Proteste richten sich gegen Präsident Zine el Abidine Ben Ali, der für die hohe Arbeitslosigkeit, für Korruption und Polizeigewalt verantwortlich gemacht wird. Die Unruhen hatten im Dezember begonnen, als sich ein junger arbeitsloser Akademiker aus Protest gegen die hohe Arbeitslosigkeit in dem nordafrikanischen Land anzündete.

66 Menschen getötet

Insgesamt sind nach Angaben einer Menschenrechtsorganisation bisher mindestens 66 Menschen ums Leben gekommen. Allein in der Nacht auf Donnerstag seien acht Menschen gestorben, teilte das Internationale Menschenrechtsbündnis FIDH in Paris mit. Die Ausschreitungen glichen einem fortdauernden „Massaker". Am Dienstag hatte das Bündnis von 35 Toten seit dem Wochenende gesprochen, die Regierung gab zuletzt 21 Tote an.

Aus Douz wurde am Donnerstag von fünf Toten bei Protesten berichtet. Unter den Opfer ist nach französischen Medienberichten auch ein franko-tunesischer Universitätsdozent, der Urlaub in seiner Heimat machte. In Sidi Bouzid gingen rund 10.000 Menschen auf die Straßen und forderten den Rücktritt von Ben Ali.
Die schweizerisch-tunesische Doppelbürgerin hatte am Mittwoch eine Demonstration von zuhause aus beobachtet, als sie getroffen wurde, berichtete der Präsident der Organisation „Right for all", Anouar Gharbi, der Nachrichtenagentur SDA. Laut dem Bruder der Frau befand sich die 67-Jährige gemeinsam mit etwa einem Dutzend anderer Frauen auf einem Balkon, der auf die Straße hinausgeht, auf der eine Demonstration abgehalten wurde. Sie sei von einer Kugel in den Hals getroffen worden und noch vor Ort gestorben.

Die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich forderte unterdessen ein Stopp der Eskalation der Gewaltanwendung in Nordafrika. Sie rief alle Beteiligten auf, „den gesellschaftspolitischen Diskurs friedlich und auf einer demokratischen Grundlage zu führen. Menschliche Opfer und die Zerstörung von Sachgütern und Eigentumsobjekten, sowohl privat als auch öffentlich, müssen vermieden werden", betonte Sprecherin Carla Amina Baghajati am Donnerstag in einer Aussendung.  (APA/AFP/dpa/sda)

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